Uberdruß Menschlichen Lebens Bey Beerdigung Hn. J. L. D. zu St. E. den 18. Junii...

By Heinrich Mühlpfort

So schleust du Seeliger die Wallfarth deiner Tage

Und schickst den müden Leib zu der gewünschten Ruh’!

So hat sein End’ erreicht des Leidens lange Plage

Und diß was irrdisch war deckt Erde wieder zu!

Es konte dir die Welt mit ihren schnöden Sachen

So blosses Blend-Werck sind und eitles Gauckelspiel

Nur Eckel und Verdruß hinfort zu leben machen

Weil deiner Seele nicht ihr böses Thun gefiel.

Du sahft mit Salomon daß alles alles eitel

Und wünscht mit Davids-Mund von Mesech weg zu gehn.

Ja weil wir gantz verderbt vom Fußbret biß zur Scheitel

So muste Hiob dir zu dem Beweißthumb stehn.

Sein abgemartert Leib und außgekreischte Knochen

Das Eyter volle Fleisch der heßliche Gestanck

Die Glied er hin und her vom Fäulniß gantz durchkrochen

Er selbst sein Folterer und eigne Folterbanck

Belehrten was der Mensch und sein vergänglich Wesen

Wie er noch lebendig sich schon zu Grabe trägt;

Daß immer Noth auf Noth so bald er nur genesen

Auf seines Lebens Schiff gleich einer Welle schlägt.

Und vielen wird der Leib der Mutter auch zum Grabe

Viel fallen Blumen gleich im ersten Frühling hin.

Gesetzt schon daß der Mensch von Jahren etwas habe

Raubt nicht die Eitelkeit den Rest noch zum Gewin?

Was ist die Wissenschafft in welcher wir uns brüsten?

Ein Wahn der meistentheils aus falschem Grunde quillt.

Was ist die Weißheit denn nach der so viel gelüsten?

Ein eingebildtes Thun so bey sich selbst nur gilt.

Was ist denn der Verstand? ein unvollkommen Sinnen.

Was die Erforschung denn? gantz eine leere Müh.

Daß Reichthum? ein solch Gut das flüchtig muß zerrinnen.

Die Schönheit der Gestalt? der Augen Phantasie.

Was die Gerechtigkeit? ein Tuch das sehr beflecket.

Was Hoheit? ein glatt Eiß auf dem man leichtlich fällt.

Was mächtige Gewalt? ein Nest das Sünden hecket:

Und kurtz; ein Schattenwerck ist aller Pacht der Welt.

Wenn nun ein feurig Geist in Himmel gantz verliebet

Und von der Ewigkeit schon einen Vorschmack fühlt

Das Marter-Haus den Leib großmütig übergiebet

Wer zweiffelt daß er nicht den besten Zweck erziehlt?

Wir suchen Ruh und Lust auf Erden nur vergebens

Vom Kummer abgematt’ von Schmertzen abgezehrt:

Ja wir empfinden auch den

Wenn von des Cörpers Last die Seele wird beschwert.

Was ists nun daß wir uns so lange hier gesäumet

Wenn uns zu letzte noch muß vor uns selber graun?

Wenn meistens der Verstand dem Menschen ist enträumet

Und er nicht ferner kan auf sein Gedächtnüs baun:

Wenn sich die Augen schon in tieffe Nacht verstecken

Und sich die kalte Stirn in lauter Runtzeln zeucht

Wenn man die Hände nicht vor Zittern auß kan strecken

Den siechen Rücken krümt und kaum aus schwachheit kreucht:

Wenn der Zahn-lose Mund nicht mehr geschickt zum Essen

Und den bedrängten Leib bald Frost bald Hitze plagt.

Der Eckel und Verdruß ist leicht denn zu ermessen

Und daß man

Wem wächst bey solcher Noth nicht ein erhitzt Verlangen

Die Hügel voller Fried in jener Höh’ zu sehn?

Wer schätzt sich nicht beglückt der so dem Sturm entgangen

Jm Paradiß anlendt wo Freuden-Weste wehn?

Wir müssen Seeliger der Kirchen Ruhm und Zierde

Auch deiner Pilgramschafft den Seegen ruffen nach.

Denn wem ist unbekand die hertzliche Begierde

In welcher du geeilt auß diesem Angst-Gemach?

Wie vor des HErren Wort dein Mund hat vorgetragen

Wie du beständig seyn beweglich hast gelehrt

Und heisam unterweist in den Gewissens-Fragen

Und was den Glanben baut und was ihn auch zerstört;

Wie das ein ewig Weh und ewig Wol uns bleibet

Der Himmel oder Hell einst die Belohnung seyn;

Und daß je mehr den Mensch deß Creutzes Last aufreibet

Je mehr er wird erfreut in jenes Reich gehn ein.

Das hast du an dir selbst zur Probe fürgestellet

Der siechen Tage Zahl der Schmertzen Bitterkeit

Hat die Beständigkeit deß Glaubens nie gefället;

Du warst mit Helden-Muth zu diesem Kampf bereit.

Bist wie ein Priester sol im Lehren Leben Wandel

Mit Sanfftmuth und Gedult gedrungen durch die Zeit

In dem dir wol bewust daß nach vollbrachtem Handel

Nach Elend Creutz und Angst die Krone sey bereit.

Die Kinder lassen auch nicht dein Gedächtnis sterben

Zwey Söhne ziert das Recht und der Hygeen Gunst.

Du hast den Eydam sehn dein Ehren-Ambt erwerben

Durch wahrr Gottesfurcht

Ehrwürdiger ruh' wol schlaf in der Väter Frieden

Der du viel Müh gehabt erndst itzt viel Freuden ein.

Ach seelig wer so wol von dieser Welt geschieden

Daß ihm kan ewig wol für Gottes Throne seyn!