Uberdruß Menschlichen Lebens Bey Beerdigung Hn. J. L. D. zu St. E. den 18. Junii...
So schleust du Seeliger die Wallfarth deiner Tage
Und schickst den müden Leib zu der gewünschten Ruh’!
So hat sein End’ erreicht des Leidens lange Plage
Und diß was irrdisch war deckt Erde wieder zu!
Es konte dir die Welt mit ihren schnöden Sachen
So blosses Blend-Werck sind und eitles Gauckelspiel
Nur Eckel und Verdruß hinfort zu leben machen
Weil deiner Seele nicht ihr böses Thun gefiel.
Du sahft mit Salomon daß alles alles eitel
Und wünscht mit Davids-Mund von Mesech weg zu gehn.
Ja weil wir gantz verderbt vom Fußbret biß zur Scheitel
So muste Hiob dir zu dem Beweißthumb stehn.
Sein abgemartert Leib und außgekreischte Knochen
Das Eyter volle Fleisch der heßliche Gestanck
Die Glied er hin und her vom Fäulniß gantz durchkrochen
Er selbst sein Folterer und eigne Folterbanck
Belehrten was der Mensch und sein vergänglich Wesen
Wie er noch lebendig sich schon zu Grabe trägt;
Daß immer Noth auf Noth so bald er nur genesen
Auf seines Lebens Schiff gleich einer Welle schlägt.
Und vielen wird der Leib der Mutter auch zum Grabe
Viel fallen Blumen gleich im ersten Frühling hin.
Gesetzt schon daß der Mensch von Jahren etwas habe
Raubt nicht die Eitelkeit den Rest noch zum Gewin?
Was ist die Wissenschafft in welcher wir uns brüsten?
Ein Wahn der meistentheils aus falschem Grunde quillt.
Was ist die Weißheit denn nach der so viel gelüsten?
Ein eingebildtes Thun so bey sich selbst nur gilt.
Was ist denn der Verstand? ein unvollkommen Sinnen.
Was die Erforschung denn? gantz eine leere Müh.
Daß Reichthum? ein solch Gut das flüchtig muß zerrinnen.
Die Schönheit der Gestalt? der Augen Phantasie.
Was die Gerechtigkeit? ein Tuch das sehr beflecket.
Was Hoheit? ein glatt Eiß auf dem man leichtlich fällt.
Was mächtige Gewalt? ein Nest das Sünden hecket:
Und kurtz; ein Schattenwerck ist aller Pacht der Welt.
Wenn nun ein feurig Geist in Himmel gantz verliebet
Und von der Ewigkeit schon einen Vorschmack fühlt
Das Marter-Haus den Leib großmütig übergiebet
Wer zweiffelt daß er nicht den besten Zweck erziehlt?
Wir suchen Ruh und Lust auf Erden nur vergebens
Vom Kummer abgematt’ von Schmertzen abgezehrt:
Ja wir empfinden auch den
Wenn von des Cörpers Last die Seele wird beschwert.
Was ists nun daß wir uns so lange hier gesäumet
Wenn uns zu letzte noch muß vor uns selber graun?
Wenn meistens der Verstand dem Menschen ist enträumet
Und er nicht ferner kan auf sein Gedächtnüs baun:
Wenn sich die Augen schon in tieffe Nacht verstecken
Und sich die kalte Stirn in lauter Runtzeln zeucht
Wenn man die Hände nicht vor Zittern auß kan strecken
Den siechen Rücken krümt und kaum aus schwachheit kreucht:
Wenn der Zahn-lose Mund nicht mehr geschickt zum Essen
Und den bedrängten Leib bald Frost bald Hitze plagt.
Der Eckel und Verdruß ist leicht denn zu ermessen
Und daß man
Wem wächst bey solcher Noth nicht ein erhitzt Verlangen
Die Hügel voller Fried in jener Höh’ zu sehn?
Wer schätzt sich nicht beglückt der so dem Sturm entgangen
Jm Paradiß anlendt wo Freuden-Weste wehn?
Wir müssen Seeliger der Kirchen Ruhm und Zierde
Auch deiner Pilgramschafft den Seegen ruffen nach.
Denn wem ist unbekand die hertzliche Begierde
In welcher du geeilt auß diesem Angst-Gemach?
Wie vor des HErren Wort dein Mund hat vorgetragen
Wie du beständig seyn beweglich hast gelehrt
Und heisam unterweist in den Gewissens-Fragen
Und was den Glanben baut und was ihn auch zerstört;
Wie das ein ewig Weh und ewig Wol uns bleibet
Der Himmel oder Hell einst die Belohnung seyn;
Und daß je mehr den Mensch deß Creutzes Last aufreibet
Je mehr er wird erfreut in jenes Reich gehn ein.
Das hast du an dir selbst zur Probe fürgestellet
Der siechen Tage Zahl der Schmertzen Bitterkeit
Hat die Beständigkeit deß Glaubens nie gefället;
Du warst mit Helden-Muth zu diesem Kampf bereit.
Bist wie ein Priester sol im Lehren Leben Wandel
Mit Sanfftmuth und Gedult gedrungen durch die Zeit
In dem dir wol bewust daß nach vollbrachtem Handel
Nach Elend Creutz und Angst die Krone sey bereit.
Die Kinder lassen auch nicht dein Gedächtnis sterben
Zwey Söhne ziert das Recht und der Hygeen Gunst.
Du hast den Eydam sehn dein Ehren-Ambt erwerben
Durch wahrr Gottesfurcht
Ehrwürdiger ruh' wol schlaf in der Väter Frieden
Der du viel Müh gehabt erndst itzt viel Freuden ein.
Ach seelig wer so wol von dieser Welt geschieden
Daß ihm kan ewig wol für Gottes Throne seyn!