Ueber die Vorzüge desPrinzen Friedrichs von Braunschweig

By Anna Louisa Karsch

Written 1765-01-01 - 1765-01-01

Soll ich zuerst besingen den Befreyer,

Den Retter Braunschweigs? oder das Gefühl

Des großen Herzens und des schönen Geistes Feuer:

Was wählest du mein Saitenspiel?

Den Heldenmuth des Prinzen, oder Seine

Süßrednerische Suada, die voll Geist

Von seinen Lippen rauscht, so wie durch Blumenhayne

Der Quell auf goldnem Sande fleußt.

Dem Afrikaner Scipio, dem jungen

Pompejus und dem Sieger über ihn,

Dem Cäsar selbst, ist niemahls eine That gelungen,

Die mehr des Lorbeers würdig schien

Als diese That des kühnen jugendlichen

Beschützers von der Aelterväter Grab;

Ihm gürteten, nachdem des Feindes Macht entwichen,

Die Grazien den Degen ab,

Und küßten Seine Kranzumwundne Schläfe,

Und ordneten Sein staubbepudert Haar,

Und frugen, welcher Held und Halbgott überträfe

Den Jüngling? der noch glühend war

Von einem Kampf, in welchem tausend Stöße

Sein schlanker Arm mit schnellgezücktem Speer

Den Feinden gab. Und jetzt schrieb Er: zu welcher Größe

Das alte Rom gestiegen wär

Zur Zeit, als von dem pflugzerrißnen Acker

Bestäubt und braun, jedweder Römer kam,

Und für das Vaterland mit schnellem Eifer, wacker

Die rostbefreyte Waffen nahm.

Da liefen selbst des Sonnen, Wagens Räder

Nicht schneller als der Römer Siegesglück.

Wollüstig flog noch nicht in salbenreiche Bäder

Ihr Feldherr aus der Schlacht zurück.

Als aber die Luculle, die Verschwender

Sich brüsteten an Tafeln groß zu seyn,

Da ward die Herrscherin der unterworfnen Länder

In reichgewordnen Bürgern klein.

Als im Senat die Clodiusse sprachen,

Und redend Gold sich um das Consulat

Tief unterm Volk bewarb, und der erwürgten Grachen

Vergoßnes Blut um Rache bat:

Da ward durch ihrer eignen Kinder Wüten,

Gestürzt das stolze, hochgeseßne Rom,

Die Königin der Welt, vor welcher Völker knieten

Vom Euphrat bis zum Donaustrom.

Nun donnert sie den fernentlegnen Thronen

Nicht Schrecken mehr durch ihres Nahmens Klang,

Ihr sonst berühmter Strom sieht Männer um sich wohnen,

Gewöhnt zu weibischem Gesang.

Sie spricht nicht mehr die Sprache der Lateiner,

Und hört in ihrer neuen Mundesart

Durch Friedrichs wälsches Buch erzählen, daß sie kleiner

Aus einer Frau zur Sclavin ward,

Und frägt erstaunt, „ob Tasso von den Schatten

Gekommen, oder Pluto der Monarch

Des Orcus, sich bezwang, die Reise zu verstatten

Dem Laurasuchenden Petrarch?“