Ungereimter Wunsch.

By Barthold Heinrich Brockes

Wie ich, aus einem süssen Traum, jüngst früh erwachte,

Und, welch ein großes Glück es wär, im Ernst gedachte,

Wenn man sich selber Träume machen, dieselbige willkühr-

Und sie zusammen setzen könnte: O welch Vergnügen

Würd einer doch sich selbst verschaffen! was würd er sehn,

Für Lieblichkeiten der Natur! Was würd er hören,

In einem angenehmen Wald, in hellen Chören,

Von Singevögeln, Nachtigallen, für ein Getön!

Wie würde mancher an der Schönheit, und andern Schätzen,

Von einer jungen schönen Frauen, sich nicht ergetzen!

Was würd er nicht in Speis und Trank, für Lieblichkeiten,

Durch vorgestellete Jdeen, sich selbst bereiten!

Allein indem ich also denke: So fällt mir bey,

Daß dieser mein so kluger Wunsch, recht närrisch sey.

Wir haben ja dergleichen Macht, indem wir wachen,

Wir können uns von ungezählt-und süssen Sachen,

Jm Denken tausendfach Vergnügen, Jdeen machen,

Vergnügliche zusammen setzen, ein ganzes Heer,

Von holden Phantaseyen zeugen; ja was noch mehr,

Wir können nicht nur in Gedanken, durch kluges Fügen,

Der schönsten Bilder des Gemüths, uns hier vergnügen;

Wir haben, von den allermeisten, die Wirklichkeit.

Von welcher unbegreiflichen Beschaffenheit

Ist denn das menschliche Geschlecht! Da, sonder Licht,

Vernunft und Wirklichkeit und Wahrheit, wir was verlangen,

Zu sehn, zu hören, zu geniessen, und zu empfangen.

Hat man nun wirklich Licht, Vernunft, Gehör, Gesicht,

Zu sehn, zu hören, sich zu freuen: So thut mans nicht.