Unglückliche Verabsäumung unserer Pflichten gegen den Schöpfer.

By Barthold Heinrich Brockes

Wenn wir fast von den meisten Menschen das Eigent- liche der Jdeen,

Die sie sich von der GOttheit machen, mit einem ernsten

So fürcht’ ich, daß sie sich von ihr fast nichts sonst wissen

Als eines alten, mächtigen, vernünftigen Monarchens

Der mit der grösten Majestät umgeben sey und angefüllt,

Ein mächt- und eintziger Besitzer so wol des Himmels, als

Der die erschaffene Natur vor sich gelassen walten lasse,

Und sich, wofern nicht blos allein, doch mehrentheils, da-

Beständig auf die Sterblichen, und ob sie etwan was

Damit er ihnen alsobald mög’ ein gerechtes Urtheil sprechen,

Den ernsten Blick gericht’t zu haben. Von andern seinen Herr-

Und einem Schöpfer noch vielmehr anständlichen Voll-

Fällt ihnen nicht leicht etwas bey. Es scheint die Eigen-

Von solchen niedrigen Gedancken die Ursach und die Quell

Wir scheinen uns selbst würdig gnug, vom Schöpfer Him-

Zur stetigen Aufmercksamkeit, die Haupt-Beschäftigung zu

Und ob wir zwar, wenn man uns fragt, ob wir dieß von

Daß er auf uns allein nur achte? daß wir dieß thun, ge-

Und uns vielleicht verwundern würden, daß man die Mey-

Da auch ja Prediger wol sagen: daß GOtt die Welt er-

So ist jedoch unwiedersprechlich, daß, da auf Göttliche

Auf seine Weisheit in den Wercken, auf ihre Schönheit,

Von welchen er durch alle Sinnen die Proben seiner Wun-

Uns überall vor Augen legt, auf aller seiner Güte Führung

Wir selten ja fast nimmer dencken, noch sie mit frohem

Wir selbige nicht unsers Denckens, noch der Betrachtung,

Und folglich, um des Schöpfers Ehre, sehr wenig uns

Aus dieser unserer Betrachtung scheint, sonder

Daß wir, auch selbst im GOttes-Dienst, mit uns und

So eigensinnig eingenommen und dergestalt beschäftigt

Daß, wenn wir, von der GOttheit nichts, nach einer et-

Zu fürchten noch zu hoffen hätten; wir, wenn auch keine

Uns leicht darüber trösten würden. Nun sagen wir hie-

Daß wenn wir uns um unsre Seelen mit Ernst beküm-

Erlaubet, ja selbst nöthig sey; nur dieses, wenn man sol-

Daß es, mit gäntzlicher Versäumung des Schöpfers Ehr’

Ist, wie michs deucht, was sträfliches. Wollt einer et-

Und sagen, daß der Mensch die GOttheit zu ehren gar nicht

Und daß es ihm, was alle Menschen von ihr gedencken,

So kann ich mich, das Gegentheil ihm zu erweisen, nicht

Es zeigt die heilge Schrift nicht nur, daß unser GOTT,

Daß man nach allen Kräften ihn verehren und ihn preisen

Es zeiget uns auch die Vernunft, daß das vernünftigste

Wozu die Menschheit fähig ist, sey, dieses unsers Geistes

Demjenigen, von welchem wir uns selbst und Millionen-

Nach aller Möglichkeit zu Ehren und ihm allein zum Ruhm

Mit frölicher Bewunderung wol anzuwenden, zu bestreben.

Da er uns selbst den Trieb zur Ehre, als etwas edles, ein-

Wovon man sonst nichts wissen würde, hätt er ihn uns

Die Ehre scheint der Gegenwurf und Qvell der Anmuth

Bey dem nichts Sinn-nichts Cörperlichs; die doch an an-

So gar auch bey den Thieren selbst, nicht aber an der

Die Ehre nun die wir der GOttheit, nach unserm weni-

Ist ja unstreitig dieses wol: daß wir die allerherrlichste

Und von den menschlichen Jdeen die allerwürdigste Jdee,

Wozu wir immer fähig sind, von Gott in unsrer Seele zeugen,

Vor keiner GOttheit, die umschränckt und Gräntzen hat,

Und kein ihm unanständig Bild, ein Götzen-Bildniß, uns

So wieder die uns eingepflantzten, auch die uns vorgeschrieb-

Da er, von ihm kein Bild zu machen, so scharf: uns unter-

Thut mans gleich leider unterm Bilde von einem Greisen,

Weil wir nun zu so hohem Grad nicht selber fähig

So hat uns GOTT in seinen Wercken die schönste Leiter

Wodurch wir uns auf Freuden-Stuffen nicht nur geschickt

Nein, immer mehr und mehr, ohn Ende, die Grösse seines

Jhn ehren und ihm dancken können. Was nun die Seele

An Kräften, als die Lieb’ und Ehrfurcht, wird dadurch

Und wir, in frölicher Betrachtung stets neuer Wunder,

Mit immer neuer Brunst und Andacht den Liebenswürdig-

Und, weil er sonder End’ und Gräntzen, in Ewigkeit nicht

Selbst unser seeliges Vergnügen in Ewigkeit noch zu ver-

Zugleich auch das, worinn die Ehre am eigentlichsten recht

Die Achtung, so die Seele fühlt, ob seines Wesens Herr-

Bey andern ebenfals zu äussern, und nach Vermögen aus-