Unglückselige Folge der Unachtsamkeit.

By Barthold Heinrich Brockes

Wenn ich, mit angestrengtem Sinn, den Zustand die-

ser Welt betrachte,

Und daß so gar viel Gut- und Böses in selbiger zu finden

seh,

Auf die so sonderbare Mischung des Guten und des Bö-

sen achte,

Und merke, wie sich beyderley darinn befinde: Wohl und

Weh;

So daß man mit dem grossen

Freuden, singen kann:

Himmel, Erd' und ihre Heere

Hat er mir zum Dienst bestellt.

Wo ich nur mein Aug' hinkehre,

Find' ich, was mich nährt und hält,

Thier' und Kräuter, und Getrayde.

In den Gründen, in der Höh',

In den Büschen, in der See,

Ueberall ist meine Weide.

Bald aber auch mit einem andern, mit eben ja so vielem

Rechte,

Mit Thränen-reichen Klage-Liedern, voll Gram, wohl

wieder singen mögte:

Es stürmen auf ihn zu

Viel' Widerwärtigkeiten.

Er muß mit Noht und Tod,

Ja mit sich selber streiten.

Bald lacht ihn freundlich an

Das wankelhafte Glück;

Bald gibt es unverhoft

Jhm lauter saure Blick.

So bet’ ich billig GOttes Ordnung, in dieser fremden

Ordnung, an,

Und denke, mit gedämpftem Witz: Was GOtt thut, das

ist wohl gethan.

Doch fällt mir ein betrübt Betragen der Menschen, bey

dem Zustand, bey,

Worüber, wie so unvernünftig der größte Theil der Mensch-

heit sey,

Ein Mensch, der es mit Ernst erwegt, sich nimmer gnug

verwundern kann.

Da er in seiner Lebens-Zeit sich hier auf einer Welt befindet,

Worauf, wie es unwidersprechlich, oft Glück mit Unglück

sich verbindet,

Und er, durch Denken bloß allein, die Dinge sich zu eigen

macht;

So ist er doch fast nimmermehr aufs Gute, das er hat,

bedacht.

Er denket tausend mahl so viel auf das, so ihn betrübt

und kränkt,

Als er an das so vieles Gute, was er besitzet, nie gedenkt.

So lang er etwas Gutes sucht, verlangt und wünscht,

als Geld und Ehr',

So hat ers nicht. Erlangt er es; so hat er es so gleich nicht

mehr,

Weil er sich nicht bequehmen will, sein ihm allein gehörigs

Denken,

Auf das von ihm beseßne Gut, sein zu geniessen, hinzulenken.

Er wirft es alsbald hinter sich, sieht aber nie darauf zurück,

Und kehrt auf gegenwärtigs Böses beständig seinen steifen

Blick.

Hieraus nun folgt unwidersprechlich, daß wir durch eigne

Schuld allein,

Auf dieser Welt, bey vielem Glück, doch immer unglück-

selig seyn,

Daß jeder Mensch, mit Vorsatz fast, was GOtt ihm Gutes

zugedacht,

Da er es nicht geniessen will, sich selber ja verlustig macht,

Und daß er einzig schuld daran, wenn die recht Wunder-

volle Welt

Für ihn gar keine Süßigkeit, nur bittre Gall’ allein,

enthält.