Unsre Mütter

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Written 1788-01-01 - 1788-01-01

Es schläft im Schooß der Erde die Freundliche,

Die mich gebar, und säugte, und auferzog.

Schon lange schläft sie, und der Knabe

Hat ihr nicht Liebe noch Dank gestammelt.

Allein im Jünglingsbusen erglüht sie mir,

Umrauscht mich oft in sinnender Einsamkeit,

Umweht mich in der Sommermondnacht,

Kräftigt im Traum mich zu That und Tugend.

Sie schläft, mein trautes Mädchen, im kühlen Grab'

Auch deine Mutter luftigen leisen Schlaf,

Und ließ dir, als sie schied, ihr Erbtheil,

Fülle des Herzens und Weibesmilde.

Sie schläft. Ihr Schlaf sey friedlich und kühl und still!

Allein ihr Angedenken erwärmt dein Herz,

Entflammt auch mich – du hast die Flamme

In mir gezündet – o Ruhm! o Wonne!

Hast mich in ihre letzten durchrungenen

Durchkämpften Tage, hast mich an ihre Gruft

Und in das Heil'ge eures Grames,

Theure, geführt – o Wonne! o Wehmuth!

Ich seh', ich seh' es, wie sie so sanft! so still!

Dem Grabe welkte, wie sie den großen Schmerz

In sich verschloß, und ihren Kindern

Freundlichkeit lächelt' aus matten Augen.

Und wie des Todes eisernen Riesenschritt

Sie hallen hörte, dumpfig und ferneher!

Und ihr es Bräut'gams Stimme däuchte,

Welcher die Braut in die Kammer winket.

Und wie, des Herrn erquickenden Tag zu sehn,

Ihr sie ans Fenster rolltet, und Vorgefühl

Die fromme Dulderinn durchzuckte

Jenes viel herrlichern hellern Tages.

Und wie sie rang den ringenden letzten Kampf,

Und mit verhülltem Angesicht Ida stand,

Und sie die letzte Hand ihr reichte,

Kraftlos sie drückte, und sank und einschlief!

Der Abend graut. Nun läuten sie Todeston.

Nun tragen sie die Heilige dir hinaus.

Der blinde Vater wankt. Es wanken

Ida ihr nach, und die stummen Söhne.

Die Seile rasseln. Nieder die enge Gruft

Sinkt schon der Sarg. Die ängstliche Schaufel schurrt.

Die lockre Erde rollt hinunter –

Decke sie leis' und los', o Erde!

Nun zogen Regenschauer im Sturm herauf.

Und nun ergossen rasselnd die Schauer sich.

Von ihrem stillen Stern' herunter

Schaute die Heil'ge und weint' ein Thränchen.

Nun schläft sie dort im Kühlen. Es schneit auf sie,

Und thaut auf sie! Es duften im Mondenschein

Aus ihrem Rasen Ernstgedanken,

Schauern um dich, wie Gesäusel Gottes.

Du aber, meine Ida, so sanft wie Thau,

Wie Mainacht traut, wehmüthig, wie Mondenschein,

Laß schlummern deine Mutter. Schlummern

Laß ich die Meine die kurze Nacht durch.

Kurz ist die Nacht. Nicht lange, so schlafen wir

Wie sie im jammerhüllenden Erdenschooß.

Um unsre Trümmer weinen Freunde.

Aber wir schlummern bei unsern Müttern!

Der Tag erwacht. Dann jauchzen wir fröhlich auf.

Der Tag erwacht. Dann jauchzen sie fröhlich auf.

Dann suchen, finden, freuen wir uns

Jenes unsterblichen Geisterlebens.