Unsterblichkeit der Seele.
Nachdem sich jüngst ein Sturm geleget,
Und ich, von der noch regen See,
Da ich an ihrem Ufer steh,
Das Wanken ihrer Fläche seh,
Die unaufhörlich sich beweget;
Beweget mich ihr wühlend Wallen,
Daß ich auf ihrer Wellen Heer,
Und ihr beständigs Steigen, Fallen,
Die angestrengte Blicke kehr.
Ich seh dieselben schnell entstehn,
Sich schäumend bäumen und erhöhn,
Sich plötzlich senken und vergehn.
Ich hatte dieses Fluhten-Spiel,
Und ihr veränderlichs Gewühl,
Kaum eine Zeitlang angesehn;
So brachte mich der Wellen Wanken,
Derselben rege Flüchtigkeit,
Die kurze Dauer ihrer Zeit,
Zu diesen ernstlichen Gedanken:
Mich deucht, es scheinen schnelle Wellen
Ein Bild des Lebens vorzustellen,
Da wir auch schnell, wie sie, vergehn.
Sie kommen, zeigen sich, sie schwellen,
Sie bersten, da sie kaum entstehn,
Sie stürzen plötzlich sich hernieder,
Und mischen, mit der Fluht, sich wieder.
So scheint es auch mit uns zu gehn:
Wir kommen. Kaum, daß wir uns zeigen;
So brüsten wir uns schon im Steigen,
Bald sinken wir von unsern Höh’n,
Da wir dann wiederum zur Erden,
(auch wie sie) was wir waren, werden.
Dieß Gleichniß mußt’ ich ähnlich schätzen,
Und wie ich mich darauf besann;
Gerieht ich fast in ein Entsetzen,
Daß es mit uns so bald gethan.
Allein, es gab der Wahrheit Licht,
Mir diesen tröstlichen Bericht:
“dieß gehet bloß den Leib nur an;
Und fuhr sie fort, mir zu erklären:
“mein Wesen müsse ewig währen.
Gedenke nicht, daß dieser Schluß
Der Hoffnung, die in dir sich findet,
Sich bloß auf deinen Nutzen gründet;
Daß man ihn desfalls glauben muß.
O nein, du hast ihn anzusehn
Als einen unbewegten Grund, den Schöpfer Selber zu
erhöhn.
Sollt’ ein, mit solcher Meng’ Jdeen,
(wodurch wir einen Schöpfer sehen)
So wunderbar- begabtes Wesen,
Zu solcher kurzen Daur erlesen,
Und für den Augenblick allein,
Den wir hier sind, bestimmet seyn?
Wie stimmte dieß mit einer Liebe,
Von einer Gottheit, überein,
Die Selbst in unsre Seelen schriebe:
Daß solche kaum entstandne Triebe,
Für ein unendlichs, ewigs Seyn,
Zu niederträchtig und zu klein.
Die richtige Vergänglichkeit der cörperlichen Creatu-
ren
Zeigt eines Schöpfers weise Macht. Der Seelen Daur
allein giebt Spuren
Von GOttes weis- und ew’gen Liebe. Wenn wir derselben
Daur nicht glauben,
Was thun wir sonst, als daß wir GOtt der besten Eigenschaft
berauben,
Und, statt wir hier, nach allen Kräften, die Gottheit schuldig
seyn zu ehren,
Selbst GOtt so viel an uns verkleinern, uns gleichsam wider
Gott erklären.
Ja wie, wenn kein Geschöpfe wäre, wir nichts vom Schöpfer
wissen könnten;
So würden, wenn wir von der Seele derselben stete Dauer
trennten,
Wir den gefundnen GOtt verlieren. Denn, hörte mit dem
Lebens-Lauf,
Und wenn des Cörpers Stoff sich trennet, auch unsrer Seelen
Wesen auf;
So wär, wenn auch die Gottheit bliebe, dennoch für uns kein
Gott vorhanden,
Und, wären wir, da auf der Welt,
Die wahre Tugend selten Lohn, das Laster selten Straf’
erhätt,
So gut als wie von Ungefehr, und sonder einen GOtt,
entstanden.
So zweifle denn, gescheuchte Seele, nicht ferner an der
wahren Lehre,
Du seyst zum andern Stand ersehen. Es fordert nicht nur
unsre Pflicht,
Es fordert es die Eigenliebe, und unser eigen Nutzen
nicht,
Es fordert diesen wahren Glauben selbst unsers
Schöpfers Ehre.