Unter der Linde.

By Annette von Droste-Hülshoff

Es war an einem Morgen,

Die Vöglein sangen süß,

Und über’m Raine wallte

Das schönste Blumenvließ.

Das Börnlein mir zur Seite

Sprach leise, leise fort,

Mit halbgeschlossnen Augen

Saß ich und lauschte dort.

Ich sah die Schmetterlinge

Sich jagen durch das Licht,

Und der Libelle Flügel

Mir zittern am Gesicht.

Still saß ich wie gestorben

Und ließ mir wohlig sein,

Mich mit den Blüthenflocken

Vom Lindenzweig bestreu’n.

Mein Sitz war dicht am Wege,

Ich konnte ruhig späh’n;

Doch mich, verhüllt vom Strauche,

Mich hat man nicht geseh’n;

Wenn knarrend Wagen rollten,

Dann drang zu mir der Staub,

Und wenn die Vöglein hüpften,

Dann zitterte das Laub.

Und nahe mir am Hange

’ne alte Buche stand,

Um die der ernste Eppich

Sich hoch und höher wand.

Sein düstres Grün umrankte

Noch manchen kranken Zweig;

Doch die gesunden spielten

Wie doppelt grün und reich.

Es war im Maienmonde,

Die Blätter atlaszart;

Wie hast du alter Knabe

So frisches Herz bewahrt?

Auf einer Seite thränend

Und auf der andern licht,

Zeigst du auf grüner Säule

Ein Janusangesicht.

Da dacht’ ich eines Freundes,

Deß Locken grau und lind,

Ein armes Wrack sein Körper,

Und ach, sein Herz ein Kind;

Mich dünkt, ich sah ihn neigen

Mit Thränen auf ein Grab,

Und wieder Blumen streuen

In eine Wieg’ herab.

Da weckten Rinderglocken

Mich aus den Phantasey’n;

Ein trüber Staubeswirbel

Drang durch’s Gebüsch herein,

Und mit Geschrei und Schelten

Riß einen Epheustab

Der Treiberknecht vom Baume

Und trieb sein Vieh bergab.

Mir war, als ob geschädigt

Ein frommes Leben sei;

Doch horch, was trabt so neckend

So drall und knapp herbei?

Das Ränzel auf dem Rücken,

Barett im blonden Haar,

Kommt ein Student gepfiffen,

Ein lustiger Scholar.

”o pescator del onde“

Es gellt mir dicht am Ohr;

Nun steht er an der Buche,

Er hebt den Arm empor.

Verbrämt sein schlichtes Käpplein

Mit Lindenzweiges Zier,

Und pfeifend trägt er weiter

Sein flatterndes Zimier.

Glück auf, mein frischer Junge,

Gott geb’ dir Luft und Raum!

Wie gern die lust’ge Flagge

Dir gibt der heit’re Baum;

Er ist kein schlimmer Alter,

Dem in verdorrter Brust

Das Herz vor Aerger zittert

Ob schmucker Jugend Lust.

Doch still, was naht sich wieder?

Ein Husten kurz und hohl,

Es schlürft den Anger nieder,

Ach Gott, ich kenn’ dich wohl!

Es ist der Buche Zwilling,

Mein alter, kranker Freund,

Auf dessen Haupt so flammend

Die Maiensonne scheint.

Nun steht er an dem Baume,

Lugt unter’m Zelt hinaus,

Wie riecht er so behaglich

An seinem Veilchenstraus.

Nun sucht er an der Rinde,

Er wandelt um und um,

Und lächelt ganz verstohlen

Und blickt verschüchtert um.

Dort schau’ ich tiefe Risse

Und dachte, Frostesspalt;

Doch wären’s Namenszüge,

Dann sind sie adamsalt;

Nun schlägt er einen Nagel,

Er hängt sein Ränzchen auf,

Mich dünkt, ich seh’ erröthen

Ihn an die Stirn hinauf.

O könntest du mich ahnen,

Mein grauer Lysias,

In deinem ganzen Leben

Wärst du nicht wieder blaß.

Doch wer dein spotten könnte,

Du Herz voll Kindessinn,

Das wär gewiß kein Mädchen

Und keine Dichterin.