Untersuchung der Wahrheit.

By Barthold Heinrich Brockes

Die Wahrheit, in sich selbst betrachtet, hat dieß allein

zu ihrem Schatz,

Ja sie ist selber eigentlich nichts, als

Gegensatz.

Des Menschen Geists vernünft’ge Wahl, wenn er vom

Jrrthum sich entfernet,

Ist Wahrheit, da man Jrrthum meiden, dem Rechte

beyzupflichten lernet.

Nichts anders kann ich wesentlichs, ich mag sie, wie ich

will, ergründen,

Sie noch so tief im Brunnen suchen, vom wahren Seyn

der Wahrheit finden.

Denn was man von der Gottheit Selber, Sie sey die

ew'ge Wahrheit, spricht,

Ist ein ehrwürdiges Geheimniß, gehört zu unsern Schlüs-

sen nicht.

Wir suchen nur, was die aus Hochmuht erzeugte Wahr-

heit-Sucherey,

Womit zu unsrer Zeit so viele sich breit zu machen suchen,

sey.

Ich glaube, daß im Gleichlaut eben des Wortes

heit, man sich irre,

Und daß man, mit erborgter Klarheit,

Von der nur göttlich-ewigen, der eitlen Menschen dunkle

Wahrheit

In unglücksel’gem Gleichlaut schmücke, und die Jdeen

ganz verwirre.

Wodurch wir denn, durch Stolz verführt, uns nicht allein

so weit vergehn,

Daß wir uns, nach der von uns selbst erzeugten Wahrheit,

unterstehn,

Die Brut von unserm eignen Hirn als eine Gottheit zu

erhöhn;

Wir sprechen von der Menschen Wahrheit so, als ob diese

einerley

Mit der selbständ’gen Wahrheit GOttes, und eben so zu

ehren sey.