Verehrte Todten-Beine Fr. R. K. g. S. den 3. Novembr. 1680.
Betrübtster Freund der Schnee so ihn schon längst befal- len
Zerschmeltzt von heissem Leyd in eine größre Fluth.
Ich seh’ im Thränen-Meer die Augen wie Corallen
Und wie den Wellen gleich schlägt das bestürmte Blut.
Diß ist der letzte Stoß so durch die Seele dringet
Diß scheiden greisst ins Hertz und kreischet die Gebein’;
Wo meine Feder nun nicht sattsam Trost beybringet
So räum’ ich seinem Schmertz das Vor-Recht billich ein.
Ich weiß wol was er klagt: Bey so verlebten Tagen
Da jeder Tritt und Schritt sich zu dem Grabe naht
Die liebste Pflegerin sehn auff der Baare tragen
Was erndtet man da ein als eine Thränen-Saat?
Traurt doch der Erden-Kreiß wenn ihm die Sonn’ entsincket
Die Nacht so ohne Stern und Flammen ist betrübt;
Man schau Auroren an die Thau als Thränen trincket
Biß Phöbus güldner Mund den ersten Kuß ihr gibt;
Und solte nicht ein Mann die Sonne seines Hertzen
Den Leit-Stern seiner Ruh betrübt sehn unter gehn?
Muß er nicht einsam da in Myrrhen-bittern Schmertzen
Und tieffer Finsternüß verschrenckt elende stehn?
Wie seufftzt ein Krancker nicht wenn er den Artzt muß missen;
Ach mehr als Artzt und Cur fällt jetzt mein Freund dahin.
Der Grund in seinem Hauß ist gäntzlich eingerissen
Mein Ehren-voller Greiß wo soll er jetzt hinfliehn?
Viel die durch Krieg und Brand das Unglück weggejaget
Nahm offt ein frembder Ort in sichre Wohnung ein:
Er höre mit Gedult was jetzt mein Mund fürsaget
&q;Die beste Wohnung ist der Liebsten Leichen-Stein.
Es scheint zwar ungereimt lebendig wollen sterben
Und daß wer trösten soll nur bloß zum Grabe führt;
Allein ein Todten-Kopff kan Christen nicht entfärben
Diß ist der letzte Schmuck der alle Cörper ziert.
Die Jugend weil sie blüht sucht ihre Zier im Spiegel
Die Knochen geben uns das Sicht-Glaß jener Lust
Und sind der Ewigkeit unwiederrufflich Sigel
Solt’ einem Alten nicht diß Kleinod seyn bewust?
Und ob manch frecher Mensch die Todten-Kisten hasset
Und Leichen noch vielmehr als die Gespenster scheut,
So hat wol unverhofft der Tod ihn schon umbfasset
Und in dem ersten Trotz des Lebens abgemeyht.
Nein werth-geschätzter Freund bey Gräbern ist gut wohnen
Was sind sie? eine Burg des Friedens und der Ruh;
Schatzkammern wo verwahrt der Hirten-Stab und Kronen
Schlaff-Bette die gantz gleich die Menschen decken zu.
Und weil wir täglich sehn zerfallen unsre Hütten
Wie dieser spröde Thon in so viel Scherben bricht
Wie unsern Faden Zeit und Kranckheit abgeschnitten
Wie jeder Wind verlescht des Lebens tunckles Licht.
Wie wir nichts ewiges in dieser Welt zu hoffen
Und unsre Pilgramschafft hat ein weit höher Ziel;
So wär’ ein solches Hertz in Sünden gantz ersoffen
Daß da es eilen soll sich noch versäumen will.
Er trete werther Greiß zu seiner Liebsten Beinen
Ich Schatten leite hier den andern zu der Nacht;
Da steckt was herrlichers als in den Marmel-Steinen
Dieweil sie GOttes Geist lebendig wieder macht
Es muß auch dieses Grab mehr als ein Graben heissen
Es wird mit Erde nicht wie jenes nur gefüllt;
Die Haut so jetzt verschrumpfft soll ausgekläret gleissen
Die dürren Rippen hat denn neues Fleisch umbhüllt.
Der auffgeworffne Kloß der Erden stellt die Hügel
Die Freuden-Hügel vor in Salems schöner Stadt.
Ich meyne daß ein Mensch mit freygelaßnem Zügel
Zu rennen nach dem Ziel genugsam Ursach hat.
Zu dem die erste Kirch erkiest in holen Grüfften
In alten Gräbern offt der Andacht Sicherheit.
Ja Heyden wolten sie ein Mahl des Todes stifften
So ward die Hirnschal’ ein zum Trinck-Geschirr geweyht.
Das erste rühm’ ich noch Gewissens-Zwang zu meiden
Hat manche fromme Seel in Gräbern Ruh gesucht.
Das letzt’ an Todten noch die Augen wollen weiden
Ist wider die Gesetz und von Natur verflucht.
Alleine soll es bloß ein Angedencken heissen
Daß auch die Weisen meist in ihrem Sinn bethört;
So gilt bey Christen nicht so ein schein-heilig Gleissen
Indem uns GOttes Wort gar ein weit bessers lehrt.
Ein ander Odem wird in unser Beine dringen
Der uns aus Milch und Blut zusammen hat gefügt.
Kan der nicht neue Krafft in dürre Beine bringen
Der Teuffel Höll und Welt hat im Triumph besiegt!
So ist die Liebste nicht hochwerther Freund verlohrem
Sie tritt als Heroldin zum ersten auff den Platz:
Sie hat vor Welt und Tand den Himmel auserkohren
Mißgönnt er seiner Frau so außerwehlten Schatz?
Ach nein! sie ist und bleibt in seiner Seel’ begraben
Jhr würdig Ehren-Lob frist Rost und Schimmel nicht;
Jhr Namen theilt’ ihr mit des Höchsten gute Gaben
Jhr Lebens-Wandel war ein helles Tugend-Licht.
Es muste fort für fort ihr Andachts-Ampel glimmen
Die feuriges Gebet unendlich angeflammt.
Jhr Hertz in Reu und Leyd gleich Perlen-Muscheln schwimmen
Wenn sie die Eitelkeit der schnöden Welt verdammt.
Gedenck ich denn der Lieb? ich ritze neue Wunden!
Es klagt sein greises Haupt den ewigen Verlust;
Die Wartung Treu und Cur so er von ihr empfunden
Ist zwar gemeiner Stadt Hertz-innig ihm bewust.
Ich weis’ ihn wie zuvor nur zu des Grabes-Höle
Dem letzten Schlaf-Gemach das unsre Sorgen deckt
“dem hat er anvertraut die treu-geliebte Seele
Biß sie des Höchsten Stimm’ und jüngster Tag auffweckt.
Sie ruht in GOttes Hand. Uns die wir hier noch schleichen
Gleich einem Winter-Tag und Schatten ähnlich seyn
Wird eh man es vermeynt des Todes Arm erreichen
Und wie die Seelige der Erden scharren ein.
Jedoch ist unser Grab die Thüre zu dem Leben
Was fürchten wir uns denn darunter einzugehn?
Er wird betrübtster Freund dem Endschluß beyfall geben
Daß wer hier seelig stirbt kan frölich auffersteh’n.