Vergleichung des Jahres und menschlichen Lebens

By Hans Aßmann von Abschatz

Written 1672-01-01 - 1672-01-01

Der Winter ist hin die Blumen bezieren

Hügel Gründe!

Sanffte Winde

Durch bisamte Lüffte sind itzo zu spüren.

Mit Diamanten

Des nassen Zolls bemühn sich einzustellen

In vollem Lauff ans Meeres Kanten

Die flüchtige Kinder beständiger Quellen.

Fleucht der Winter mit schnellem Gefieder

Er kömmt wieder.

Wenn neun Monate seyn verstrichen.

Ist der Mensch im Tode verblichen

So wird er Staub der Geist als Schatten schwebet.

Er liegt im Grab als hätt' er nie gelebet.

Der Lentz ist hin man fühlet nicht spielen

Kühle Lüffte:

Heisse Düffte

Mit brennenden Dünsten beschweren im schwülen.

Der grünen Buchen

Vertrocknet Laub hängt an den matten Zweigen

Die Sonne macht ihr Kühlung auszusuchen

Durch feurige Strahlen die Bäche verseigen:

Entfleucht der Lentz mit schnellem Gefieder

Er kommt wieder

Wenn neun Monate seyn verschlichen.

Ist der Mensch im Tode verblichen

So wird er Staub der Geist als Schatten schwebet

Er liegt im Grab als hätt er nie gelebet.

Der Sommer entweicht es kühlet die Blätter

Frisches Thauen:

Dürren Auen

Bringt wachsendes Grummet das feuchtende Wetter.

Man schauet hangend

Den krummen Baum voll schöner Frücht am Anger

Mit Trauben gleich Schmaragd und Purpur prangen

Der Ulme Verliebten den Reben-Stock schwanger.

Entfleucht der Sommer mit schnellem Gefieder

Er kommt wieder

Wenn neun Monate sind entwichen.

Ist der Mensch im Tode verblichen

So wird er Staub der Geist als Schatten schwebet

Er liegt im Grab als hätt' er nie gelebet.

Der Herbst verstreicht die Tage verdunckeln

Dicke Nebel

Schnee-Gewebel

Füllt Thäler muß Gipffel der Berge befunckeln.

Von Sturm und Winden

Hört man mit Furcht die Eich und Tanne brechen

Wenn izt das Scheit die glimme Funcken zünden

Bemüht sich der Pusch am Winter zu rächen.

Entweichet der Herbst mit schnellem Gefieder

Er kömmt wieder

Wenn neun Monate seyn verstrichen.

Ist der Mensch im Tode verblichen

So wird er Staub der Geist als Schatten schwebet

Er liegt im Grab als hätt er nie gelebet.

Doch mögen die Monden der Flüchtigen Jahre

Gleich den Pfeilen

Von uns eilen

Was schadet uns Alter und Winter und Bahre?

Gesezte Sinnen

Die in der Zeit zum Wechsel sich bereiten

Und Eitelkeit nicht lieb gewinnen

Kan Sterben zu keinem entsetzen verleiten.

Läst die Seele die schmachtenden Glieder

Sie kömmt wieder

Wenn die Tage der Ruhe verstrichen:

Ist der Mensch im Tode verblichen

Er stehet auff sein Geist ist unverdorben

Er lebt auffs neu als wär er nie gestorben.