Vergnügliche Betrachtung eines gegen meiner Wohnung über stehenden schönen Linde...
Pracht der kühlen Grünen Strasse! Lust- und Schatten- reiche Linde,
Woran ich noch mehr Vergnügen, als du Blätter trägest,
Seh’ ich deine grüne Schönheit mit Verwunderung von
Reitzet mich die holde Pracht, Den, der sie gemacht, zu
Schau ich mitten in die Zweige, wie in einen Wald, hinein,
Laß ich sie, als eine Laube, meiner Blicke Ruh-Platz seyn.
Seh ich dich von unten an, wird durchs hole Blätter-Zelt
Ein Gewölb’, als wie ein Bergwerck von Smaragd, mir vor-
Dein durch Licht bestrahltes Grün dringet mir durchs Aug’
Ebenfalls dringt in die Seele deiner Schatten grüne
Beide zeugen, durch die Lust, einen Trieb zur Danckbarkeit,
Den in Andacht zu besingen, der mir solche Freude schencket,
Welche meinen Leib vergnügt, und den Geist zum Schöpfer
Beides muß zusam̃en seyn, wo wir unsers GOttes Willen,
Und den Endzweck Seiner Absicht, da er Menschen schuff,
Und als Menschen leben wollen. Sprecht, ob sonsten wol
Minder einem Schöpfer dienen, und Jhn ehren kann, als wir.
Wir bestehn aus Seel’ und Leib: folglich müssen alle beide,
Durch Empfindlichkeit gerührt, im Vergnügen sich ver-
Dann wird allererst der Mensch eine rechte Menschen-
Die der Schöpfer bloß nur ihm, nicht dem Vieh, bestimmt,
Auf denn! mein entflammter Geist, nimm der Sinnen
Laß aus dem Betrachtungs-Samen, einen Baum, der gei-
Welcher nimmermehr verwelcket, der im schärffsten Winter
Den die Hitze nicht versenget, den kein wilder Sturm ent-
Den kein Wetter, Blitz noch Donner seiner süssen Frucht
Welche geistig, die der Seelen recht zu einer Nahrung dient,
Ja sie gleichsam selbst verschönert, daß dem Schöpfer aller
Jhr nur Jhn betrachtend Wesen, immer mehr und mehr
Laß uns einer Creatur mehr als Wunder-schöne Pracht,
Die der Schöpfer werden lassen, Dem zum Ruhm, der sie
Mit beseelten Farben schildern! so daß (wie der Leib gerührt
Durch des Urbilds Schmuck und Kühlung) unsers Geistes
Wann wir die Copey betrachten, wann wir die Beschreibung
Auch dadurch vergnügt erquickt, und sein Blick gestärcket
Kühles Schirm-Dach in der Hitze, Schmuck der Lüffte,
Schatten-reicher Linden-Baum, der du meine Wohnung
Der du mit dem hohen Stamm fast biß an die Wolcken
Und auf reich belaubtem Wipfel gleichsam grüne Wolcken
Der du deine schlancke Zweige in der Ründe von dir stre-
Eine grüne Dämmrung zeugst, wann Licht, Kühlung, Wärm
Unter den gebognen Aesten, ihre Kräfft’ einander schwächen,
Und mit sanftem Gegendruck ihre Wirckung unterbrechen,
Daß sie, in gelinderm Grad, sich in süsser Stille gatten:
Da denn ihre Harmonie und ihr sanftes Gleich-Gewicht
Unsrer Lungen, unsrer Haut, auch nicht minder dem
Ja durch diese selbst der Seelen, ein vergnügliches Gefühl,
Und, wo sie am Schöpfer dencket, einen Trieb zum Lob’ er-
Deine Schönheit zu besingen, bin ich ietzt aufs neu beweget,
Angereitzet, angetrieben, angeflammet. Du allein,
Da ich meine Wohnung ändre, da ich Wiesen, Gärten,
Nicht so frey erblicken kann, noch den Schmuck der grünen
Kanust mir ietzt mit allem Recht, Wiese, Wald und Garten
Unsre gantze Gasse gleicht, so durch dich, als deines gleichen,
Einem dicken duncklen Walde. Welches denn in einer
Eine seltne Schönheit ist, und die viel Bequemlichkeit
Dem, der sie bewohnet, bringet, sonderlich zur Sommer-
Ja durch dieser Bäume Dicke scheinet, nach dem Augen-
Jeder Zweig ein eigner Busch, ieder Baume in Wald zu
Wie so Regel-recht formirt ist dein schöner Stamm!
Wie gerade, fest und starck! gleicht er nicht in allen Theilen
Denen in der schönsten Masse künstlich ausgehaunen Säu-
Wie verbreiten sich ümher deine Blätter-reichen Aeste,
Welche nebst den ungezehlten dünn- und schlancken Neben-
Von des Laubes Last gekrümmet, recht gewölbt sich abwärts
Diese grünende Gewölbe, diese deine schöne Bogen
Seh’ ich an als Ehren-Bogen, Dem zum Ruhm, Der deine
So verwunderlich, so lieblich zu der Menschen Lust, ge-
Und bewegliche Gewölber selber in der Lufft gezogen.
Wenn gelinde Winde kühlen, heben sie sich sanft, und
Steigen wieder, sincken nieder mit gelind- und sanftem Wallen
Recht wie grüne Feder-Büsche, deren lind- und sanftes spielen,
Die zu sehr erhitzten Lüffte, gleich den Fächteln, schmeich-
Und uns neue Lust verschaffen: In dem wallen, in dem
Scheinen sie nicht leblos mehr, sondern in der That zu leben.
Jhr so süß Geräusch und Lispeln, welches uns so wol gefällt,
Sollt uns alle billig reitzen, ihrem und dem HERRN der
Durch ein lieblichs Lob-Gethöne, und ein Jhm gefälligs
Uns, so wie sie uns gefallen, zu gefallen, zu bestreben.
Wie so herrlich ist das Licht, wie ist es so Wunder-schön,
Durch der Blätter grüne Schatten noch verschönert, an-
Grünliche Parteyen Licht, grünliche Parteyen Schatten
Sieht man hier zertheilet gläntzen, bald vereinet dort sich
Bald sieht man bey dunckel grünen, helle Lichterchen sich
Bald auf gelblich grünen Stellen, dunckle Schatten-Blätte
In der Sonnen güldnen Strahlen, scheinen bey entwölckten
Grün und Silber angestrahlte, grün und Gold durchstrahl
Höchst erfreut erblicket man, wie des schönen Tages Prach
Gleichsam sich im Baum vermählet mit der allerschönste
Hier erblickt man auf den Blättern, die sich drehn, auch ab
Mehr das Licht auf einer Stell’, als auf einer andern
Ein zu uns gekehrter Ort lässt die Strahlen rückwärts
Wann von denen hangenden oder weggekehrten Seiten
Die dadurch geschwächten Strahlen auch mit ihnen abwärts
Und so starck nicht, doch auch schön, uns durchs Aug’ ins
Halbe Lichter spielen hier, halbe Schatten schertzen dort.
Wann in einem gantzen Licht, an den gantz bestrahlten Zwei-
Die illuminirte Blätter tausend grüne Wunder zeigen;
Zeigen sich im halben Glantz halb verklärt an jenem Ort
Tausend Wunder, die nicht minder, als das allerhellste Licht
Durch ein süß gemildert Feur, und durch einen sanften
Einem menschlichen Gemüthe, durchs betrachtende Gesicht,
Angenehm, vergnüglich, lieblich, lustig und erfreulich seyn.
Ja so gar die duncklen Tieffen, die dem angestrahlten
Durch den Gegen-Satz die Schönheit und den Glantz noch
Uns die Anmuth auch zu mehren. Diese grüne Dunckel-
Lasst uns öffters deutlicher, als man sie sonst sähe, sehn,
Wie mit froher Gauckeley, und besondrer Schnelligkeit,
Bunte Fliegen hin und wieder, mit sanft sumsendem Gethön
Schertzen, schwärmen, schweben, fliegen, offt im fliegen stille
Daß die mindeste Bewegung nicht in ihrem Flug zu sehn,
Offt mit so geschwindem Schuß, daß sie zu verschwinden
Die durchstrahlte Lüffte theilen: Offt als eine kleine Schaa
Sich versammlen, bald sich trennen, und bald wiederüm
Dieses schwärmen, spielen, schertzen der auf dunckel-
Gantz allein bestrahlten Fliegen
Hat in der so süssen Stille, offt ein inniges Vergnügen
Und bewundern mir erregt. Die Geschwindigkeit, das
In den Lüfften, ohne sich von der Stelle zu begeben,
Deuchte mich kein kleines Wunder; sonderlich begriff’ ich
Wie auf der so duncklen Stelle ein so hell und schnelles
Daß die duncklen Stellen auch voller Licht und Sonnen-
Und nicht minder, als die andern, wo es hell, voll Strahlen
Aber weil das Licht für sich gar nicht sichtbar; siehet ma
Solches, sonder Gegenschlag, selbst als Nacht und Schatten
Dieses giebt uns ein Exempel, wie auch in der dickste
Doch das gantze Firmament voller Strahlen, Glantz und
Voller Glut und Schimmer sey. Welches aber unser’ Augen
Als die, sonder Gegenschlag, keinen Strahl zu sehen taugen
Ehe nicht, bis ein Planet, sonderlich der Mond, den Strahl,
Der ihn trifft, zurücke wirfft, und indem sein Cörper dicht,
Ob er dunckel gleich und finster, doch das an ihn fall’nde
Wie die Fliegen, sichtbar macht.
Lieblich lässt es gleicher Weise, wann mit schnell- und
Kleine Vögel auf den Zweigen, die so schlanck und biegsam,
Sie mit ihrer leichten Last etwas, doch nicht völlig, biegen,
Durch die dichte Blätter schlupfen, hüpfen, gauckeln, zwit-
Und in ihrer schönen Wohnung, Den, der sie gemacht, be-
Wann wir ihre leichte Cörper, ihr so hurtiges bewegen,
Jhrer bunten Federn Schmuck, ihrer schlancken Hälse drehn,
Jhrer Köpfchen schnelle Wendung, ihrer kleinen Schnäbel
Samt der Kehlen gurgelnd zittern, wann sie ämsig singen,
Und ihr lieblichs zwitschern hören; denckt mit Recht ein
Der der Unempfindlichkeit zähen Schlamme sich entreisst:
Zeigt auf eine neue Weise, wie Du, GOTT, so wunderbar!
Noch muß man der Linden-Blühte Zier, und Bildung
Womit zu gewisser Zeit, dieser Baum sich deckt und schmückt.
Wann man dieser Bluhmen Schönheit, Zierde, Farb’ und
Wann wir den Geruch verspüren, der uns inniglich erquickt,
Finden wir aufs neue Wunder, würdig daß wir sie ermessen.
Jedes Blat zeigt an dem Fuß, recht, wo es am Stengel fest,
Eine Knosp’ aufs künftge Jahr,
Die aufs neu die weise Güte
Jhres Schöpfers, der vorher sorgt und wircket, sehen lässt.
Bey den allermeisten nun wird man noch dazu gewahr,
Daß, an eben diesen Stellen, noch ein drittes Kind, die
Wunderbar geformt erscheint. Ein schön gelblich langes
Da das Laub sonst grün und rund, wächst daselbst an einem
Der es bis zur Mitte bindet (als ein sonderliches Spiel
Der geschäfftigen Natur) dann sich aber abwärts sencket,
Und, nachdem er sich aufs neu in verschiedne Stengel lencket,
Viele schöne Bluhmen trägt: deren Schmuck und Bildung
Niemahls gnug behertzigen, niemahls gnug bewundern kann.
Wann sie nun die lauen Lüffte eine Zeitlang balsami-
Welckt die Bluhme: dann erscheint, was inzwischen die Natur
In derselben Schooß gebildet, deren liebliche Figur,
Wenn wir sie genau betrachten, wieder neue Lust gebieret.
Tausend kleine grüne Kugeln, die ein zartes Peltzwerck
Halten in den runden Bäuchen, wunderbar verwahrt, ver-
Jhren eblen Schatz den Samen. Wunder! in so engen
Liegt Geheimniß-voll verschräncket, mehr ein Wald fast, als
An den lang- und schlancken Zweigen, die sich weit vom
Können wir besondre Wunder, wenn man sie erwegt, ent-
Daß sie lang und rund zugleich, zeiget eine Weisheit an,
Dessen der sie werden lassen, welche billig iederman
Finden und bewundern sollte. Wahrlich nicht von ungefehr
Kommt die Bildung an den Zweigen, daß sie rund und lang
Sondern aus der Weisheits-Quelle und aus einer Allmacht
Die zugleich an Lieb und Güte ewig unerschöpflich reich.
Die Betrachtung zeigt uns deutlich, daß derselben Glätt
Sie sowol für Fäulung schützet, als auch für die Macht der
Da hingegen, bey der Ründe, der gedehnten Zweige Länge
Schatten, Pracht und Schönheit träget, sam̃t der Blüht’ und
Daß dieselben nicht zu starr, aber doch auch nicht zu weich,
Und daß sie, indem sie schlanck, würcklich hart und weich zu-
Zeiget abermahl die Weisheit ihres Schöpfers offenbar,
Und zugleich Desselben Güte, samt der Allmacht, Sonnen-
Wären sie zu hart, zu starr; würde sie der Winde Schaar
Leicht zertrümmern, leicht zerbrechen. Wären sie zu weich
Würde sie die Last der Lufft abwärts biegen, niederdrücken,
Folglich würden sie beständig auf einander, gleich den Stri-
Sich üm ihre Stämme legen,
Und verwirret abwärts hangen;
Da sie ietzt in stoltzer Breite, Ründ’ und Höhe herrlich
Und als grosse Garten-Lauben, nett geflochten, Wunder-
Besser, als die Hänge-Gärten Babels, in den Lüfften stehn.
An das angestrahlte Haus siehet man bey heiterm
Um die Anmuth noch zu mehren, tausend, tausend Schatten-
Durchs gehemmte Licht gebildet, an die rothe Mauer fallen,
Und, zusammt den wircklichen, lieblich hin und wieder
Da man nun für iedes Blat,
Wenn man es genau betrachtet, GOtt zu dancken Ursach hat;
Wie vielmehr soll unser Geist, wenn man auf der Bäume
Jhrer so viel tausend sieht, ja so viele Millionen,
Den, der sie zu unserm Nutzen, und zu unsrer Lust gemacht,
Loben, preisen, und Jhm dancken, so am würdigsten geschieht,
Wann man an den Schöpfer dencket, dann, wann mans Ge-
Auf denn! lasst uns künfftig hin im Vergnügen uns be-
Durch das dencken an den Geber, Jhm den besten Danck zu
So verlängern wir die Lust, so empfinden wir sie besser,
So wird unsre Lieb’ und Ehr-Furcht zu dem grossen Schöpf-
Ja da man den nahen GOtt in den Creaturen spühret,
Wird so gar ein GOttes-Dienst aus der Anmuth, die uns
Grosser Schöpfer! der Gedancke zeigt aufs neu’ uns
Von der Liebe Deiner Gottheit überzeuglich einen Strahl,
Da Du Deinen heilgen Dienst Selbst mit unsrer Lust ver-
Und so gar in unsrer Freude Deines Nahmens Ehre findest.
Da Du unser, durch die Schönheit Deiner Werck’ erregtes
So aus unsrer Freude quillet, Dir aus Gnaden lässt ge-
Sollte man denn, einem GOtt, der so liebreich ist, zu Ehren,
Nicht mit froher Seele sehn, riechen, schmecken, fühlen,