Vergnügliche Betrachtung eines gegen meiner Wohnung über stehenden schönen Linde...

By Barthold Heinrich Brockes

Pracht der kühlen Grünen Strasse! Lust- und Schatten- reiche Linde,

Woran ich noch mehr Vergnügen, als du Blätter trägest,

Seh’ ich deine grüne Schönheit mit Verwunderung von

Reitzet mich die holde Pracht, Den, der sie gemacht, zu

Schau ich mitten in die Zweige, wie in einen Wald, hinein,

Laß ich sie, als eine Laube, meiner Blicke Ruh-Platz seyn.

Seh ich dich von unten an, wird durchs hole Blätter-Zelt

Ein Gewölb’, als wie ein Bergwerck von Smaragd, mir vor-

Dein durch Licht bestrahltes Grün dringet mir durchs Aug’

Ebenfalls dringt in die Seele deiner Schatten grüne

Beide zeugen, durch die Lust, einen Trieb zur Danckbarkeit,

Den in Andacht zu besingen, der mir solche Freude schencket,

Welche meinen Leib vergnügt, und den Geist zum Schöpfer

Beides muß zusam̃en seyn, wo wir unsers GOttes Willen,

Und den Endzweck Seiner Absicht, da er Menschen schuff,

Und als Menschen leben wollen. Sprecht, ob sonsten wol

Minder einem Schöpfer dienen, und Jhn ehren kann, als wir.

Wir bestehn aus Seel’ und Leib: folglich müssen alle beide,

Durch Empfindlichkeit gerührt, im Vergnügen sich ver-

Dann wird allererst der Mensch eine rechte Menschen-

Die der Schöpfer bloß nur ihm, nicht dem Vieh, bestimmt,

Auf denn! mein entflammter Geist, nimm der Sinnen

Laß aus dem Betrachtungs-Samen, einen Baum, der gei-

Welcher nimmermehr verwelcket, der im schärffsten Winter

Den die Hitze nicht versenget, den kein wilder Sturm ent-

Den kein Wetter, Blitz noch Donner seiner süssen Frucht

Welche geistig, die der Seelen recht zu einer Nahrung dient,

Ja sie gleichsam selbst verschönert, daß dem Schöpfer aller

Jhr nur Jhn betrachtend Wesen, immer mehr und mehr

Laß uns einer Creatur mehr als Wunder-schöne Pracht,

Die der Schöpfer werden lassen, Dem zum Ruhm, der sie

Mit beseelten Farben schildern! so daß (wie der Leib gerührt

Durch des Urbilds Schmuck und Kühlung) unsers Geistes

Wann wir die Copey betrachten, wann wir die Beschreibung

Auch dadurch vergnügt erquickt, und sein Blick gestärcket

Kühles Schirm-Dach in der Hitze, Schmuck der Lüffte,

Schatten-reicher Linden-Baum, der du meine Wohnung

Der du mit dem hohen Stamm fast biß an die Wolcken

Und auf reich belaubtem Wipfel gleichsam grüne Wolcken

Der du deine schlancke Zweige in der Ründe von dir stre-

Eine grüne Dämmrung zeugst, wann Licht, Kühlung, Wärm

Unter den gebognen Aesten, ihre Kräfft’ einander schwächen,

Und mit sanftem Gegendruck ihre Wirckung unterbrechen,

Daß sie, in gelinderm Grad, sich in süsser Stille gatten:

Da denn ihre Harmonie und ihr sanftes Gleich-Gewicht

Unsrer Lungen, unsrer Haut, auch nicht minder dem

Ja durch diese selbst der Seelen, ein vergnügliches Gefühl,

Und, wo sie am Schöpfer dencket, einen Trieb zum Lob’ er-

Deine Schönheit zu besingen, bin ich ietzt aufs neu beweget,

Angereitzet, angetrieben, angeflammet. Du allein,

Da ich meine Wohnung ändre, da ich Wiesen, Gärten,

Nicht so frey erblicken kann, noch den Schmuck der grünen

Kanust mir ietzt mit allem Recht, Wiese, Wald und Garten

Unsre gantze Gasse gleicht, so durch dich, als deines gleichen,

Einem dicken duncklen Walde. Welches denn in einer

Eine seltne Schönheit ist, und die viel Bequemlichkeit

Dem, der sie bewohnet, bringet, sonderlich zur Sommer-

Ja durch dieser Bäume Dicke scheinet, nach dem Augen-

Jeder Zweig ein eigner Busch, ieder Baume in Wald zu

Wie so Regel-recht formirt ist dein schöner Stamm!

Wie gerade, fest und starck! gleicht er nicht in allen Theilen

Denen in der schönsten Masse künstlich ausgehaunen Säu-

Wie verbreiten sich ümher deine Blätter-reichen Aeste,

Welche nebst den ungezehlten dünn- und schlancken Neben-

Von des Laubes Last gekrümmet, recht gewölbt sich abwärts

Diese grünende Gewölbe, diese deine schöne Bogen

Seh’ ich an als Ehren-Bogen, Dem zum Ruhm, Der deine

So verwunderlich, so lieblich zu der Menschen Lust, ge-

Und bewegliche Gewölber selber in der Lufft gezogen.

Wenn gelinde Winde kühlen, heben sie sich sanft, und

Steigen wieder, sincken nieder mit gelind- und sanftem Wallen

Recht wie grüne Feder-Büsche, deren lind- und sanftes spielen,

Die zu sehr erhitzten Lüffte, gleich den Fächteln, schmeich-

Und uns neue Lust verschaffen: In dem wallen, in dem

Scheinen sie nicht leblos mehr, sondern in der That zu leben.

Jhr so süß Geräusch und Lispeln, welches uns so wol gefällt,

Sollt uns alle billig reitzen, ihrem und dem HERRN der

Durch ein lieblichs Lob-Gethöne, und ein Jhm gefälligs

Uns, so wie sie uns gefallen, zu gefallen, zu bestreben.

Wie so herrlich ist das Licht, wie ist es so Wunder-schön,

Durch der Blätter grüne Schatten noch verschönert, an-

Grünliche Parteyen Licht, grünliche Parteyen Schatten

Sieht man hier zertheilet gläntzen, bald vereinet dort sich

Bald sieht man bey dunckel grünen, helle Lichterchen sich

Bald auf gelblich grünen Stellen, dunckle Schatten-Blätte

In der Sonnen güldnen Strahlen, scheinen bey entwölckten

Grün und Silber angestrahlte, grün und Gold durchstrahl

Höchst erfreut erblicket man, wie des schönen Tages Prach

Gleichsam sich im Baum vermählet mit der allerschönste

Hier erblickt man auf den Blättern, die sich drehn, auch ab

Mehr das Licht auf einer Stell’, als auf einer andern

Ein zu uns gekehrter Ort lässt die Strahlen rückwärts

Wann von denen hangenden oder weggekehrten Seiten

Die dadurch geschwächten Strahlen auch mit ihnen abwärts

Und so starck nicht, doch auch schön, uns durchs Aug’ ins

Halbe Lichter spielen hier, halbe Schatten schertzen dort.

Wann in einem gantzen Licht, an den gantz bestrahlten Zwei-

Die illuminirte Blätter tausend grüne Wunder zeigen;

Zeigen sich im halben Glantz halb verklärt an jenem Ort

Tausend Wunder, die nicht minder, als das allerhellste Licht

Durch ein süß gemildert Feur, und durch einen sanften

Einem menschlichen Gemüthe, durchs betrachtende Gesicht,

Angenehm, vergnüglich, lieblich, lustig und erfreulich seyn.

Ja so gar die duncklen Tieffen, die dem angestrahlten

Durch den Gegen-Satz die Schönheit und den Glantz noch

Uns die Anmuth auch zu mehren. Diese grüne Dunckel-

Lasst uns öffters deutlicher, als man sie sonst sähe, sehn,

Wie mit froher Gauckeley, und besondrer Schnelligkeit,

Bunte Fliegen hin und wieder, mit sanft sumsendem Gethön

Schertzen, schwärmen, schweben, fliegen, offt im fliegen stille

Daß die mindeste Bewegung nicht in ihrem Flug zu sehn,

Offt mit so geschwindem Schuß, daß sie zu verschwinden

Die durchstrahlte Lüffte theilen: Offt als eine kleine Schaa

Sich versammlen, bald sich trennen, und bald wiederüm

Dieses schwärmen, spielen, schertzen der auf dunckel-

Gantz allein bestrahlten Fliegen

Hat in der so süssen Stille, offt ein inniges Vergnügen

Und bewundern mir erregt. Die Geschwindigkeit, das

In den Lüfften, ohne sich von der Stelle zu begeben,

Deuchte mich kein kleines Wunder; sonderlich begriff’ ich

Wie auf der so duncklen Stelle ein so hell und schnelles

Daß die duncklen Stellen auch voller Licht und Sonnen-

Und nicht minder, als die andern, wo es hell, voll Strahlen

Aber weil das Licht für sich gar nicht sichtbar; siehet ma

Solches, sonder Gegenschlag, selbst als Nacht und Schatten

Dieses giebt uns ein Exempel, wie auch in der dickste

Doch das gantze Firmament voller Strahlen, Glantz und

Voller Glut und Schimmer sey. Welches aber unser’ Augen

Als die, sonder Gegenschlag, keinen Strahl zu sehen taugen

Ehe nicht, bis ein Planet, sonderlich der Mond, den Strahl,

Der ihn trifft, zurücke wirfft, und indem sein Cörper dicht,

Ob er dunckel gleich und finster, doch das an ihn fall’nde

Wie die Fliegen, sichtbar macht.

Lieblich lässt es gleicher Weise, wann mit schnell- und

Kleine Vögel auf den Zweigen, die so schlanck und biegsam,

Sie mit ihrer leichten Last etwas, doch nicht völlig, biegen,

Durch die dichte Blätter schlupfen, hüpfen, gauckeln, zwit-

Und in ihrer schönen Wohnung, Den, der sie gemacht, be-

Wann wir ihre leichte Cörper, ihr so hurtiges bewegen,

Jhrer bunten Federn Schmuck, ihrer schlancken Hälse drehn,

Jhrer Köpfchen schnelle Wendung, ihrer kleinen Schnäbel

Samt der Kehlen gurgelnd zittern, wann sie ämsig singen,

Und ihr lieblichs zwitschern hören; denckt mit Recht ein

Der der Unempfindlichkeit zähen Schlamme sich entreisst:

Zeigt auf eine neue Weise, wie Du, GOTT, so wunderbar!

Noch muß man der Linden-Blühte Zier, und Bildung

Womit zu gewisser Zeit, dieser Baum sich deckt und schmückt.

Wann man dieser Bluhmen Schönheit, Zierde, Farb’ und

Wann wir den Geruch verspüren, der uns inniglich erquickt,

Finden wir aufs neue Wunder, würdig daß wir sie ermessen.

Jedes Blat zeigt an dem Fuß, recht, wo es am Stengel fest,

Eine Knosp’ aufs künftge Jahr,

Die aufs neu die weise Güte

Jhres Schöpfers, der vorher sorgt und wircket, sehen lässt.

Bey den allermeisten nun wird man noch dazu gewahr,

Daß, an eben diesen Stellen, noch ein drittes Kind, die

Wunderbar geformt erscheint. Ein schön gelblich langes

Da das Laub sonst grün und rund, wächst daselbst an einem

Der es bis zur Mitte bindet (als ein sonderliches Spiel

Der geschäfftigen Natur) dann sich aber abwärts sencket,

Und, nachdem er sich aufs neu in verschiedne Stengel lencket,

Viele schöne Bluhmen trägt: deren Schmuck und Bildung

Niemahls gnug behertzigen, niemahls gnug bewundern kann.

Wann sie nun die lauen Lüffte eine Zeitlang balsami-

Welckt die Bluhme: dann erscheint, was inzwischen die Natur

In derselben Schooß gebildet, deren liebliche Figur,

Wenn wir sie genau betrachten, wieder neue Lust gebieret.

Tausend kleine grüne Kugeln, die ein zartes Peltzwerck

Halten in den runden Bäuchen, wunderbar verwahrt, ver-

Jhren eblen Schatz den Samen. Wunder! in so engen

Liegt Geheimniß-voll verschräncket, mehr ein Wald fast, als

An den lang- und schlancken Zweigen, die sich weit vom

Können wir besondre Wunder, wenn man sie erwegt, ent-

Daß sie lang und rund zugleich, zeiget eine Weisheit an,

Dessen der sie werden lassen, welche billig iederman

Finden und bewundern sollte. Wahrlich nicht von ungefehr

Kommt die Bildung an den Zweigen, daß sie rund und lang

Sondern aus der Weisheits-Quelle und aus einer Allmacht

Die zugleich an Lieb und Güte ewig unerschöpflich reich.

Die Betrachtung zeigt uns deutlich, daß derselben Glätt

Sie sowol für Fäulung schützet, als auch für die Macht der

Da hingegen, bey der Ründe, der gedehnten Zweige Länge

Schatten, Pracht und Schönheit träget, sam̃t der Blüht’ und

Daß dieselben nicht zu starr, aber doch auch nicht zu weich,

Und daß sie, indem sie schlanck, würcklich hart und weich zu-

Zeiget abermahl die Weisheit ihres Schöpfers offenbar,

Und zugleich Desselben Güte, samt der Allmacht, Sonnen-

Wären sie zu hart, zu starr; würde sie der Winde Schaar

Leicht zertrümmern, leicht zerbrechen. Wären sie zu weich

Würde sie die Last der Lufft abwärts biegen, niederdrücken,

Folglich würden sie beständig auf einander, gleich den Stri-

Sich üm ihre Stämme legen,

Und verwirret abwärts hangen;

Da sie ietzt in stoltzer Breite, Ründ’ und Höhe herrlich

Und als grosse Garten-Lauben, nett geflochten, Wunder-

Besser, als die Hänge-Gärten Babels, in den Lüfften stehn.

An das angestrahlte Haus siehet man bey heiterm

Um die Anmuth noch zu mehren, tausend, tausend Schatten-

Durchs gehemmte Licht gebildet, an die rothe Mauer fallen,

Und, zusammt den wircklichen, lieblich hin und wieder

Da man nun für iedes Blat,

Wenn man es genau betrachtet, GOtt zu dancken Ursach hat;

Wie vielmehr soll unser Geist, wenn man auf der Bäume

Jhrer so viel tausend sieht, ja so viele Millionen,

Den, der sie zu unserm Nutzen, und zu unsrer Lust gemacht,

Loben, preisen, und Jhm dancken, so am würdigsten geschieht,

Wann man an den Schöpfer dencket, dann, wann mans Ge-

Auf denn! lasst uns künfftig hin im Vergnügen uns be-

Durch das dencken an den Geber, Jhm den besten Danck zu

So verlängern wir die Lust, so empfinden wir sie besser,

So wird unsre Lieb’ und Ehr-Furcht zu dem grossen Schöpf-

Ja da man den nahen GOtt in den Creaturen spühret,

Wird so gar ein GOttes-Dienst aus der Anmuth, die uns

Grosser Schöpfer! der Gedancke zeigt aufs neu’ uns

Von der Liebe Deiner Gottheit überzeuglich einen Strahl,

Da Du Deinen heilgen Dienst Selbst mit unsrer Lust ver-

Und so gar in unsrer Freude Deines Nahmens Ehre findest.

Da Du unser, durch die Schönheit Deiner Werck’ erregtes

So aus unsrer Freude quillet, Dir aus Gnaden lässt ge-

Sollte man denn, einem GOtt, der so liebreich ist, zu Ehren,

Nicht mit froher Seele sehn, riechen, schmecken, fühlen,