Vergnügliche Betrachtungen über Bäume im Frühling. An den berühmten S. T. Herrn ...

By Barthold Heinrich Brockes

Von der erst jüngst begrünten Erden, im Frühling gleich-

sam angelacht,

Betrachtet’ ich, vor andern, neulich, der schönen Erde

schönste Pracht,

Den Schmuck und Wuchs erhabner Bäume: Da ich denn,

mit Vergnügen, fand,

Daß ihre zierliche Figur, zumahl der Wipfel Ründ’, ent-

stand

Aus den noch nicht gesteiften Zweigen, die, von der dichten

Blätter Last,

Mit sanftem Druck herabgezogen,

Sich Wolken-förmig abwerts bogen,

Und, da sie den geraden Stamm zugleich an allen Enden

zierten,

Von innen zierliche Gewölber, im halben Cirkel-Schlag,

formierten.

Allein! es gehet ja kein Wind. Wie kommt es, daß der

Baum sich regt?

Seht, wie so mancher schwanker Ast sich hier erschüttert, dort

bewegt!

Hier beugt sich einer, wenn sich dort ein andrer Zweig hin-

gegen hebt.

Wie geht dieß zu? Ist denn der Baum Bewegung fähig, und

belebt?

Ach nein. Der Klang, ein zwitschernd Gurgeln, von Tönen

ein gepreßt Gedränge,

Entdeckt die Quelle der Bewegung, verräht die Ursach:

Eine Menge

Verliebter Vögel füllt den Baum. Springt einer hier von

seinem Zweige,

So hebt der Zweig, den er entlastet, sich in die Höh. Ein

andrer biegt

Sich plötzlich abwerts, wenn auf ihn der kleine muntre Vogel

fliegt.

Ja, wenn auf einigen zuweilen, voll süssen Feuers, manches

Paar

Der holden Liebe Triebe folgt; wird man ein schütterndes

Bewegen,

Auch wenn verschiedne scherzend kämpfen, ein auch nicht

minder heftigs Regen,

So, daß die zarten Blätter zittern, fast selbst dadurch bewegt,

gewahr.

An aller Pracht der zierlichen und holden Bäume, die so

schön,

Verwandt ich ernstlich Blick und Denken. Wie ich sie lange

nun gesehn,

Und ihren Wuchs und Schmuck bewundert; empfand ich

einen regen Trieb,

Die Schönheit andern auch zu zeigen. Da ich denn folgends

niederschrieb:

Der Bäume Form, ihr schönes Grün, ihr holdes

Schirm-Dach für die Hitze,

Mit süsser Kühlung angefüllt, der angenehmen Schatten

Nacht,

Jhr’ Anmuht, wodurch jeder sich zur holden Herberg’ und

zum Sitze

Der, uns allein vergnügenden und schönen, Singe-Vögel

macht,

Die mannichfachen süssen Früchte, wodurch sie uns nicht

minder nütze,

Sind dieß nicht göttliche Geschenke? Und sind sie nicht

von solchem Wehrt,

Daß wir uns ihrer innig freuen? Daß wir die Bäum’ als

Anmuht-Quellen,

Als Creaturen, uns zum Segen erschaffen, uns vor Augen

stellen,

Und, mit vergnügter Dankbarkeit, in ihnen, GOtt, den

Schöpfer, ehrt?

Damit nun dieß weit besser noch, als wie von mir, geschehen

möge;

So bitt’ ich dich,

tung hege,

Erwähl’ einst diesen schönen Vorwurf zum Vorwurf deiner

edlen Lieder,

Beschreib uns einen schönen Baum, zum Preise Deß, Der

ihn gemacht,

Zur Lust der Welt, und zur Beschämung: damit nicht, wie

vorhin, ein jeder,

Ein solches Wunderwerk des Schöpfers so sträflich mehr

lass' ausser Acht.