Vergnügliche und andächtige Betrachtung des Schöpfers in seinen Werken.

By Barthold Heinrich Brockes

Jhr entlegnen holden Büsche, leiht mir eure stille Schat-

ten,

Um in ihnen meine Pflicht unserm Schöpfer abzu-

statten.

Gar zu lang hat Stadt und Hof, der Affecten Sitz und

Heerd,

Meiner Sinnen Kraft verwirrt, die Betrachtungen

gestört.

Jhr, ihr Wälder, unterhaltet, zeugt und bringet sie

herfür!

Ehret denn gemeinschaftlich, preiset unsern HErrn mit

mir.

Er bezeugt sich mir in allen: In der Luft erblick ich

Jhn;

Jhn zeigt uns des weiten Meers und der Erden schönes

Grün.

Ja Er glänzt nicht weniger in des Himmels blauen

Schein.

Dem bewundernden Gesicht zeigt im Glanz, der allge-

mein,

Die uns rührende Natur ohne Flecken sich und rein.

Die grosse Gottheit triumphirt, mit sel’ger Herrlichkeit

bekränzt,

In jedem Ort, in allem Raum, ohn’ End’ und Schranken,

überall.

Denn es wird sein unendlichs Wesen, es wird sein unermeß-

lichs All,

Von aller Himmel Himmel Höh’ nicht eingeschränket, nicht

begrenzt.

Vergib mir denn, o HErr! mein kühn- und lehrbegierges

Unterfangen,

Weñ ich bemühet bin zu Dir, durch Deine Werke, zu gelangen.

Es sehen mich die Büsch’ und Wälder in ihnen, öfters

wechselsweise,

Von Deiner Liebe mich besprechen, und auch von Deines

Namens Preise.

Ich komme darum nicht so oft in diesen Blätter-reichen

Büschen,

Der Vögel süssen Schall zu hören, ihr Gurgeln und ihr

klingend Zischen;

Ich komme darum hier, o GOtt! damit von mir sey unge-

stört,

In ihrer stillen Einsamkeit, dein all-erhaltend Wort gehört,

Das die geschäftigte Natur Gesetz und Ordnung halten lehrt.

Ich hör’ in dick-verwachsnen Gründen, durch mein von Lust

geschärftes Lauschen,

Ein über Kiesel rieselnd Bächlein Dir, seinem HErrn, ein

Lob-Lied rauschen,

Mit welchem ich, von Andacht heiß, gedrängt von innigem

Vergnügen,

Jm sanften Rauschen meiner Seufzer mein Lob-Lied mich

bemüh' zu fügen.

Ich spühre, mit erfreutem Blick, ich sehe, mit gerührter

Seelen,

Mit grünen und mit kühlen Schatten der Sonnen Strahlen

sich vermählen,

Laub, Bluhmen, Gras und Kraut verschönern, wodurch

Dein Werk, die schöne Welt,

Den fast darob erstaunten Augen noch einst so schön wird

vorgestellt,

Die, als bey einem hellen Licht, Macht, Lieb’ und Weisheit,

die Dir eigen,

Und kurz: selbst Deine Gegenwart den Geistern, die drauf

achten, zeigen.

So dann erklingt mein Lob-Gesang, und der geschäft’ge

Wiederhall

Verdoppelt meine reine Töne und stärket meiner Lieder

Schall.

Bald suchen die ambrirte Düfte von eben aufgebrochnen

Rosen,

In dem bezaubernden Geruch, der Seele selber liebzukosen;

Des holden Rauchwerks süsser Schwall erhebt sowohl mein

Aug' als Herz,

Und führet sie in sanftem Zug mit sich, zu Dir, und Him-

mel-werts.

Was sind nicht in den schnellen Vögeln, in Fischen, wild-

und zahmen Thieren

Für Wunder-Proben einer Lieb’ und einer weisen Macht zu

spühren!

Für einen Geist, der sich mit Dir, in Deinem Werk, sucht zu

verbinden,

Ist Dein allgegenwärtigs Wesen, o Schöpfer! überall zu

finden.

Wen aber rührt insonderheit, wenn Schatten unsre

Welt verdunkeln,

In dem beflammten Sternen-Heer nicht dein glorwürdigs

Göttlichs Funkeln?

Wem zeiget der bepurpurten und glänzenden Auroren Licht,

Geschmückt mit lauter Himmels-Farben, auch früh, Dein

Göttlichs Daseyn nicht?

Wen rühret nicht des Mondes Schimmer? Vom Glanz,

der aus der Sonne quillet,

Wird nicht nur Himmel, Erd’ und Meer, auch billig Seel’

und Geist erfüllet,

Und dennoch sind derselben Strahlen, und aller Sonnen

Licht und Pracht,

Nur dunkle Schatten bey der Gottheit, nur Nacht bey Dem,

Der sie gemacht.

Allein, Anbethungs-würd’ger Schöpfer! wir können, bloß

in Deinen Werken,

Die eigentlichen Eigenschaften von Deinem wahren Wesen

merken.

Ach, was erregen nicht in mir so mannigfaltige Bewegung,

So viele Wunder auf der Welt, Schmuck, Ordnung, Schön-

heit, Pracht, für Regung!

Welch eine Harmonie, o GOtt! zeigt überall uns die Natur,

Und doch sieht man von Deinen Werken den kleinsten Theil

in ihnen nur.

Wer taugt denn Deiner Majestät selbstständ’gem Wesen

nachzuspühren?

In Deiner Unermeßlichkeit muß Mensch und Engel sich

verlieren.