Verliebte thränen. C. H.

By Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Wenn ich an Clelien gedencke,

Wie sie in nächster frühlings-zeit

Durch ihr geblüme mich erfreut;

Wie ihrer küsse perlen-träncke

Mich aus der schlaf-sucht aufgeweckt,

Darein der kummer mich gesteckt;

Ja, wenn ich ferner überlege,

Wie durch des himmels strengen schluß

Ich ihrer nun entbehren muß:

So wird die wehmuth in mir rege.

So quält die sterbens-angst die sinnen:

Mir wird wie einem, dem das schwerd

Durch das erschrockne hertze fährt,

Dem blut und seele will entrinnen;

Die augen sehen nichts als nacht;

Der zungen fehlet alle macht,

Die trauer-wörter vorzubringen;

Der jammer hält der thränen lauff

Jtzt wider meinen willen auf,

Wie gern ich ihn auch wolt erzwingen.

So muß ich wie gefesselt gehen,

Nichts, als die seuffzer sind mir frey,

Und manchmahl ein verwirrt geschrey,

Das ich doch selbst nicht kan verstehen.

Doch soll es heissen: Ach! und weh!

Wo ist, wo bleibt die Clelie?

Will, oder muß sie sich entfernen?

Was ist es vor ein unglücks-rath,

Von welchem sie, gezwungen, hat

Mich zu verlassen müssen lernen?

Der ort, wo wir uns offt umschlossen,

Wo ein gespräch, ein schertz, ein spiel,

Uns gar niemahls beschwerlich fiel,

Und wo es offt das gras verdrossen,

Wenn wir da ungemein vergnügt

Den mund dem munde zugefügt,

Daß jenes ein geräusch erreget,

War’s gleich, wiewohl nur uns zum schein,

Als würd’ es von der lufft beweget;

Der ort nun wird es itzt noch wissen,

Was da ihr unbefleckter mund,

Der voller frischer rosen stund,

Vor schöne reden offt ließ fliessen;

Sie sprach: ich schwöre bey der macht,

Die mich zu lieben hat gebracht,

Daß ich nur dir mein hertz will schencken:

Und werd’ ich wo dawider thun;

So soll kein segen auf mir ruhn,

Noch dessen thau mein blum-werck träncken.

Ja, hat es dieser ort vergessen;

So ist nicht weit ein bircken-wald,

In dessen kühlen aufenthalt

Wir öffters und mit lust gesessen,

Da wird den rinden eingehaun

Man die versicherungen schaun,

Und in den jungen bircken-rinden

Wird man das wort: Diß ist mein schluß,

Daß ich den Criton haben muß;

Durch ihre hand geschnitten, finden.

Ach! dächte sie an diese rinden,

Die itzund über meiner pein

Aus beyleid höchst betrübet seyn,

Und meinen schmertzen mit empfinden;

So würde durch die leere lufft

Von ihr vielleicht mir zugeruft,

Es würd’ ein lispeln um mich schweben

Und mir, wie daß noch ihre treu

Und liebe nicht entheiligt sey;

Gantz deutlich zu verstehen geben.

So aber ist es nur vergebens,

Ich bleibe gäntzlich ausgethan.

Denn deß ich mich getrösten kan,

Ist blos das ende meines lebens.

Es kan alsdenn mein leichen-stein

Mit dieser schrifft bezeichnet seyn:

Hier lieget lieb und treu begraben.

Und welcher im vorüber gehn

Hieraus wird meinen tod verstehn,

Der wird mit mir erbarmung haben;

Doch eh ich noch die augen schliessen;

Und meiner schmertzen end und ziel

Bey euch, ihr leichen! suchen will;

So sollen vorher alle wissen,

Daß, ob ich gleich um ihre zier

In rein-gesinnter liebs-begier

Mich fast zu tode hier muß kräncken,

Ich doch um ihres leibes wohl,

Und was sie sonst vergnügen soll,

Zum himmel will die augen lencken.

Ich will vor ihre blumen-wangen

Bey allen winden bürge seyn,

Daß nicht ihr rosen-lichter schein

Woll’ ihnen zum gespötte prangen,

Damit sich selbe nicht bemühn,

Den purpur ihnen abzuziehn,

Noch ihre blumen zu entblättern;

Die andern blumen, gras und laub

Nehmt, o ihr wind’! als euren raub;

Hier aber schont mit harten wettern!

O unerbittliches geschicke!

Laß ja dem wunsch ein gnügen thun!

Sonst kan ich nicht im grabe ruhn,

Und komm aus jener welt zurücke;

Wiewohl, wo ich vorm tode darff,

Und dessen satzung nicht zu scharff,

Wird ohnedem mein leichter schatten

Aufsuchen dieses schöne kind,

Um sich, so bald er es nur findt,

Mit seiner fleischlichkeit zu gatten.