Vermahnung' an alle menschen

By Johannes Plavius

Jhr erd' auß erd' auff erd' jhr irrdischen gefässe

Voll erde wust vnd koth jhr sterblich-wurm-gefrässe

Der mörderischen zeit jhr todes-sichelgraß

Jhr faulen madensäck' jhr lebendiges aaß

Vnd stäte würmenkost wie seyd jhr so verstarret

In irrdischer begier? wie seyd jhr so vernarret

Auff eitel ehr vnd geld den tewren erden-koth

Die jhr doch heute lebt vnd seyt auff morgen todt.

Jhr menschen es gilt euch! habt jhr denn nie gesehen

Der zarten blumen schaar in voller blüthe stehen

In solcher zierd' vnd schmuck in kleidern die da weit

Der pracht des Salomons inn seiner herrlichkeit

Zuvoren können gehn den doch die süssen blüthen

Der sawre wind zersteubt wenn er begint zuwüten

Mit vnverhofftem sturm? habt jhr denn nie betracht

Der stoltzen blasen donst? habt jhr denn nie geacht

Auff jhren wasser-leib den in dem er entstehet

Zugleich die linde lufft bestreitet vnd verwehet

Vnd zwingt jhn sterblich seyn. denckt jr nit an den wind

Welch brausen machet er der leichten dünste kind

Vnd fährt doch schnell' hinweg? seht wie der rauch entstehet

Vnd steiget himmelan der doch als bald vergehet

Merckt wie der mertzen-schnee die frülings-sonne fleucht

Wenn jhr vergöldtes haar sein weisses kleid erreicht

Vnd schawet dann auff euch vnd seht auff ewres gleichen

Denckt an des fleisches weg vnd an die blassen leichen

Seht an den schwachen leib vnd gläserne gestalt

Denckt an das schwartze grab den todes auffenthalt

Denckt an den grossen tag da erde von der erden

Wird müssen aufferstehn vnd dann vervrtelt werden

Weh weh der erden dann die an der erden klebt

Die himlisch todt gewest vnd irrdisch hat gelebt!

Denckt an die flüchtigkeit vnd nichtigkeit der erden

Weil jhr auff erden seyd so werdt jhr inne werden

Daß alles eitel sey worauff ein mensche trawt

Der jhm seyn himmelreich mit erd' auf erden bawt

Vnd wird eine hölle brand. Weil weder auf der erde

Noch in der wüsten see was kan gefunden werden

(Vnd siht es gleich sein ziel mit helden-augen an)

Das durch das veste netz des todes reissen kan.

Drumb jhr die jhr mit lust auff eitelkeiten schawet

Vnd ewrer augen weid' auff üppikeiten bawet

Bedencket wie der tod so vnbarmhertzig bricht

(Das doch hertzbrechend' ist) der hellen augen licht.

Jhr die jhr ohne zwang vnd willig' ohren leyet

Der vngeschlachten zung' vnd euch zur vnzucht neiget

Bedencket wie der tod auff seiner marterbanck

Die zunge starrend macht vnd reckt sie noch so lang.

Jhr die jhr ewren leib mehr denn es sich gebühret

Mit vnmässiger zierd' ohn alle zierde zieret

Denckt an den nackten tod der gäntzlich euch entblöst

Vnd auß dem schönen saal' euch in das grab verstöst:

Jhr den der falsche schein der falschen welt beliebet

Vnd nach der falschen pracht zutrachten anlass giebet

Denckt an die bleiche larv' vnd schreckliche gestalt

Der vnvermeidlichen vnd grausamen gewalt:

Jhr die jhr mit der welt euch frewet jauchtzt vnd lacht

Vnd habt den himmel hie gedencket was jhr macht.

Denckt an die thränen doch vnd an daß weh geschrey

Welchs euch das letzte weh' erzwingt auß später rew':

Jhr die jhr Gott verlast vnnd sein gesetze hasset

Vnd auffs geschöpffe mehr als auff den schöpffer passet

Gedencket an die not da alles von euch weicht

Vnd nicht die ringste hülff' in ewrem letzten reicht:

Ihr die jhr zu dem gold' vnd silber klompen sprechet:

Du bist mein zuversicht mein tröster der mich rächet

Vnd nicht verlassen wird! bedencket daß das grab

Euch nichts mit nehmen läst vnd weist euch kärcklich ab.

Ihr deren hertz vnd sinn mit hoffart ist bestricket

Gedenket wie jhr seyd so listiglich berücket

Vnd daß der schnöde leib der jhm nichts mangeln läst

In vbermuth vnd stoltz den würmen wird gemästt.

Wer nu recht sterben wil der sterb' eh er noch stirbet

Den eytelkeiten ab er darb' eh er verdirbet

Deß was die welt erfrewt so wird die sterblichkeit

Ihm nicht zum sterben seyn dort in der ewigkeit.