Vermahnung' an alle menschen
Jhr erd' auß erd' auff erd' jhr irrdischen gefässe
Voll erde wust vnd koth jhr sterblich-wurm-gefrässe
Der mörderischen zeit jhr todes-sichelgraß
Jhr faulen madensäck' jhr lebendiges aaß
Vnd stäte würmenkost wie seyd jhr so verstarret
In irrdischer begier? wie seyd jhr so vernarret
Auff eitel ehr vnd geld den tewren erden-koth
Die jhr doch heute lebt vnd seyt auff morgen todt.
Jhr menschen es gilt euch! habt jhr denn nie gesehen
Der zarten blumen schaar in voller blüthe stehen
In solcher zierd' vnd schmuck in kleidern die da weit
Der pracht des Salomons inn seiner herrlichkeit
Zuvoren können gehn den doch die süssen blüthen
Der sawre wind zersteubt wenn er begint zuwüten
Mit vnverhofftem sturm? habt jhr denn nie betracht
Der stoltzen blasen donst? habt jhr denn nie geacht
Auff jhren wasser-leib den in dem er entstehet
Zugleich die linde lufft bestreitet vnd verwehet
Vnd zwingt jhn sterblich seyn. denckt jr nit an den wind
Welch brausen machet er der leichten dünste kind
Vnd fährt doch schnell' hinweg? seht wie der rauch entstehet
Vnd steiget himmelan der doch als bald vergehet
Merckt wie der mertzen-schnee die frülings-sonne fleucht
Wenn jhr vergöldtes haar sein weisses kleid erreicht
Vnd schawet dann auff euch vnd seht auff ewres gleichen
Denckt an des fleisches weg vnd an die blassen leichen
Seht an den schwachen leib vnd gläserne gestalt
Denckt an das schwartze grab den todes auffenthalt
Denckt an den grossen tag da erde von der erden
Wird müssen aufferstehn vnd dann vervrtelt werden
Weh weh der erden dann die an der erden klebt
Die himlisch todt gewest vnd irrdisch hat gelebt!
Denckt an die flüchtigkeit vnd nichtigkeit der erden
Weil jhr auff erden seyd so werdt jhr inne werden
Daß alles eitel sey worauff ein mensche trawt
Der jhm seyn himmelreich mit erd' auf erden bawt
Vnd wird eine hölle brand. Weil weder auf der erde
Noch in der wüsten see was kan gefunden werden
(Vnd siht es gleich sein ziel mit helden-augen an)
Das durch das veste netz des todes reissen kan.
Drumb jhr die jhr mit lust auff eitelkeiten schawet
Vnd ewrer augen weid' auff üppikeiten bawet
Bedencket wie der tod so vnbarmhertzig bricht
(Das doch hertzbrechend' ist) der hellen augen licht.
Jhr die jhr ohne zwang vnd willig' ohren leyet
Der vngeschlachten zung' vnd euch zur vnzucht neiget
Bedencket wie der tod auff seiner marterbanck
Die zunge starrend macht vnd reckt sie noch so lang.
Jhr die jhr ewren leib mehr denn es sich gebühret
Mit vnmässiger zierd' ohn alle zierde zieret
Denckt an den nackten tod der gäntzlich euch entblöst
Vnd auß dem schönen saal' euch in das grab verstöst:
Jhr den der falsche schein der falschen welt beliebet
Vnd nach der falschen pracht zutrachten anlass giebet
Denckt an die bleiche larv' vnd schreckliche gestalt
Der vnvermeidlichen vnd grausamen gewalt:
Jhr die jhr mit der welt euch frewet jauchtzt vnd lacht
Vnd habt den himmel hie gedencket was jhr macht.
Denckt an die thränen doch vnd an daß weh geschrey
Welchs euch das letzte weh' erzwingt auß später rew':
Jhr die jhr Gott verlast vnnd sein gesetze hasset
Vnd auffs geschöpffe mehr als auff den schöpffer passet
Gedencket an die not da alles von euch weicht
Vnd nicht die ringste hülff' in ewrem letzten reicht:
Ihr die jhr zu dem gold' vnd silber klompen sprechet:
Du bist mein zuversicht mein tröster der mich rächet
Vnd nicht verlassen wird! bedencket daß das grab
Euch nichts mit nehmen läst vnd weist euch kärcklich ab.
Ihr deren hertz vnd sinn mit hoffart ist bestricket
Gedenket wie jhr seyd so listiglich berücket
Vnd daß der schnöde leib der jhm nichts mangeln läst
In vbermuth vnd stoltz den würmen wird gemästt.
Wer nu recht sterben wil der sterb' eh er noch stirbet
Den eytelkeiten ab er darb' eh er verdirbet
Deß was die welt erfrewt so wird die sterblichkeit
Ihm nicht zum sterben seyn dort in der ewigkeit.