Vermehrtes Vergnügen in vermehrter Eintheilung der Jahrs-Zeiten.
Die schwühle Sommers-Zeit ist mehrentheils ver-
gangen,
Der Aecker Schmuck, der Felder Prangen
Ist, mit vergnügter Aemsigkeit,
Zu unserm Nutzen, abgemeit.
Das Feld, das neulich noch vom güldnen Segen schwehr,
Ist itzt entblösset, flach und leer.
Die ebne Flache läßt noch eins so weit,
Noch eins so lang, noch eins so breit.
Die ungehemmte Blicke gleiten,
Und fliessen recht auf allen Seiten
Auf einer flachen Bahn,
Theils über Stoppeln hin, theils wo es schon gepflüget,
Das Auge trifft fast keinen Vorwurf an.
Nur wird es hier und dar,
Nicht ohne Lust, der weissen Gänse Schaar,
Bey ihrem schnatternden Getön, gewahr;
Doch sieht man auch noch Schaf’ auf selbigem mit Freuden,
In sanfter Still’, auf Gras und Stoppeln weiden,
Woselbst sie, auf dem Kräuter-reichen Grünen,
Roch einst so weiß im hellen Sonnenschein,
Als etwan sonsten, schienen.
Mir siel, bey der Gelegenheit,
Der Stand der gegenwärt’gen Zeit,
Der noch nicht Herbst, und nicht mehr Sommer, ein.
Es kam mir vor, ob hätten wir,
Da wir die Zeiten nur in vier
Besondre Abschnitt’ eingetheilet,
Uns übereilet.
Theilt man die Winde gleich nur in vier Hauptwind’
ein,
So werden doch die halben Wind’ imgleichen
Den Schiffenden nicht minder dienlich seyn,
Womit sie ja so wohl den sichern Port erreichen.
Wie die Natur in allen ihren Werken
Uns nimmer Sprünge läßt bemerken;
Wie sie auf eine stille Weise,
Und, so zu reden, sanft und leise
Jhr grosses Werk vollführt,
Und recht als wie der Mond zu seiner Fülle
Nur allgemach in sanfter Stille,
Und unvermerkt gelangt;
So sollten wir, nicht ungerühret,
Die angenehme Lieblichkeiten
Der auch beträchtlichen und holden Zwischenzeiten
Nicht unvermerkt, nicht ungespührt,
So wie bisher gar oft gescheh’n, verfliessen
Und ungeprüft vergehen lassen,
Ohn’ ihrer Schönheit zu geniessen,
Ohn’ auch in ihrer holden Pracht
Des Schöpfers Ordnung, Lieb’ und Macht,
Mit fröhlicher Bewunderung, zu fassen.
Auf denn, mein Geist! trit eine neue Bahn
In dieser Zeiten Theilung an!
Betrachte die Gestalt und Schönheit unsrer Welt
Jtzt, da des Sommers Glanz annoch nicht ganz verschwun-
den,
Die dritte Jahres-Zeit sich noch nicht eingefunden,
Der Herbst sich noch nicht eingestellt.
Wie wenn der Schatten und das Licht
In einer Dämmrung sich verbinden,
Und wir ein Abend-Roht, das schön,
Noch kurz vorher am Himmel seh’n;
So werden wir nicht minder finden,
Daß in des Sommers letzten Tagen,
Und eh der Herbst noch selbst sich zu uns naht,
Man überall noch manch Behagen
Auf Erden zu geniessen hat.
Die Lüfte sind nicht mehr so heftig schwühl,
Doch noch nicht kalt, sie werden kühl.
Das Laub ist noch nicht welk, es ist noch grün und schön,
Wozwischen Frucht und Obst im rohten Schmuck zu sehn.
Das Feld ist theils noch grün, und theils bereits gepflü-
get,
Wovon uns denn so wohl der Unterscheid,
Als beydes vor sich selbst vergnüget.
Die Purpur-farbne Lieblichkeit
Der noch nicht schwarzen Flieder-Beeren,
Die ihre Zweig’, wie vormahls mit der Blüht’,
Mit der nur uns gesunden Last beschwehren,
Vergnügen itzt den Blick. Beschaut sie wohl! denn bald
Verändert sich in Schwarz die purpurne Gestalt.
Wir können schon auf noch belaubten Hecken
Der Hagebutten Roht entdecken,
So in dem annoch frischen Grünen,
Recht wie die glatte Pracht der glänzenden Rubienen,
Glänzt, funkelt, und das Aug’ ergetzet und vergnügt,
Wozu noch den Granaten-gleichen Glanz
Die Trauben-ähnliche geschwärzte Brombeer fügt.
Man kann im Jahr zu keiner Zeit,
Mit mehrerer Bequemlichkeit,
Und weniger beschwehrlichem Behagen,
Auf Feldern und in Wäldern jagen,
Indem itzt, ob man geht, läuft, reitet, rennet, fährt,
Zu viele Kälte nicht, auch nicht zu viele Hitze
Die arbeitsel’ge Lust beschwehrt.
Es theilen sich die zart’ und leicht zerstückte Düfte,
Und zieren mehr, als sonst, den Kreis der Lüfte.
Die bunten Gärten siehet man
Sich noch mit vielen Farben zieren,
Wobey man jedennoch verspühren
Und offenbar bemerken kann,
Daß sich verschiedene verlieren.
Es trit schon allgemach,
Wiewohl noch unvermerkt, und nach und nach,
Die gelbe die Regierung an.
Nasturtium, die Sonnen-Wende,
Die schöne Bluhm’ aus Africa,
Die Ritter-Spor,
Bedeckt die Betten itzt fast ganz
Mit einem gleichsam güldnen Glanz.
Wobey jedoch, um nicht zu allgemein,
Und einerley gefärbt zu seyn,
Wir die so schön’ als bunte Malva seh’n,
Durch ihre Pracht, so sich als sie erhöh’n,
Und in so mannigfach gefärbtem Schimmer steh’n.
Die Röhte scheint itzt in die Höh’ gestiegen,
Und auf der Aepfel glatten Schaalen,
Die sich in süsser Röhte mahlen,
Den Blick von weitem zu vergnügen.
Jm kurzen: es ist auch in dieser Zwischenzeit
Die Welt mit so viel Lieblichkeit,
Und einer ihr ganz eignen Pracht geschmücket,
Einfolglich auch nicht minder wehrt,
Daß man darinn den Schöpfer ehrt,
Und in Betrachtung sich an Seinem Werk erquicket.
Nehmt aber jeden Tag in Acht,
Laßt ihn nicht ohn’ empfundenes Vergnügen,
Unachtsam ohn’ Genuß verfliegen,
Und denkt, bey schon verlängter Nacht,
Daß jeder Tag den Herbst uns näher bringet.
Der etwas spitz’ge Wind, der über Stoppeln fährt,
Und schon in seinem Hauch ein wenig scharfes mischt,
Scheint, daß er uns dasselbe lehrt,
Wenn er oft gleichsam sanft uns in die Ohren zischt:
“bald wird mein lauer Hauch verstreichen,
„ich werde schärferm Blasen weichen,
„gebrauche mich, noch bin ich da,
„gedenk an unsre Flüchtigkeit,
„gebrauche der noch schönen Zeit.
„so wie der Welt der Herbst, ist dir das Alter nah.
Ich sehe denn, mit angestrengten Augen,
Noch einmahl an die gegenwärt’ge Zier
Der noch geschmückten Welt, und danke Dir,
O allerweisester Regierer aller Dinge,
Auch in dem Wechsel selbst, dafür,
Vergnüge mich daran, und singe:
Hier seh ich Erde, Luft und Fluht,
Ich seh der Sonnen Lebens-Gluht,
Mit sinnenden Gedanken, an.
Ich freue mich, und ich gestehe,
Daß ich für alles, was ich sehe,
Dir, Schöpfer, nie gnug danken kann.