Vernünftiger Gebrauch des Gegen- wärtigen.

By Barthold Heinrich Brockes

Geliebte Menschen, lernet, lernt,

Des Gegenwärtigen geniessen!

Weil alle Dinge von uns fliessen,

Wie sich ein Strom von uns entfernt.

Durch Ueberlegen kann allein

Von uns genossen und empfunden,

Gehemmt und angehalten seyn

Der reg- und flüßigen Secunden

Entstehend’ und vergehnde Schaar.

Lebt achtzig, ja, lebt hundert Jahr,

Von Glück und Kranckheit ungekräncket,

Ohn Elend, Kummer und Gefahr:

Sie sind verflossen und verschwunden,

Als wie der Tag, der gestern war,

Wo ihr nicht oft daran gedencket;

Das Leben ist wie ein Geschrey,

Denckt man nicht, daß man lebt, vorbey.

Wofern wir aber überlegen

Und, was man guts besitzt, erwegen;

Wird der Genuß so vieler Sachen,

Die unser Schöpfer uns beschehrt,

Und deren wir so wenig wehrt,

Uns froh, erkenntlich, danckbar machen.

Wir werden auch zugleich die Plagen,

Womit uns mancher Fall beschwehrt,

Geschickter werden zu ertragen.

Denn, wer beym Unfall in der Welt

Das Gute nicht dagegen hält,

Das ihm der Schöpfer gönnt und schencket,

Dem wird auch eine kleine Pein

Schon groß und unerträglich seyn.

So laßt uns darauf Achtung geben

Was Salomo so weislich lehrt:

Ist blos das Theil, das uns beschehrt.

Man setzt mit Recht noch dies daneben:

Es wird dadurch auch GOtt geehrt;

Weil sein Geschöpfe noch wohl wehrt,

Daß wir uns, froh zu seyn, bestreben.