Verse zum Gedächtnisdes Schauspielers Josef Kainz

By Hugo von Hofmannsthal

Written 1899-01-01 - 1899-01-01

O hätt ich seine Stimme, hier um ihn

Zu klagen! Seinen königlichen Anstand,

Mit meiner Klage dazustehn vor euch!

Dann wahrlich wäre diese Stunde groß

Und Glanz und Königtum auf mir, und mehr

Als Trauer: denn dem Tun der Könige

Ist Herrlichkeit und Jubel beigemengt,

Auch wo sie klagen und ein Totenfest begehn.

O seine Stimme, daß sie unter uns

Die Flügel schlüge! – Woher tönte sie?

Woher drang dies an unser Ohr? Wer sprach

Mit solcher Zunge? Welcher Fürst und Dämon

Sprach da zu uns? Wer sprach von diesen Brettern

Herab? Wer redete da aus dem Leib

Des Jünglings Romeo, wer aus dem Leib

Des unglückseligen Richard Plantagenet

Oder des Tasso? Wer?

Ein Unverwandelter in viel Verwandlungen,

Ein niebezauberter Bezauberer,

Ein Ungerührter, der uns rührte, einer,

Der fern war, da wir meinten, er sei nah,

Ein Fremdling über allen Fremdlingen,

Einsamer über allen Einsamen,

Der Bote aller Boten, namenlos

Und Bote eines namenlosen Herrn.

Er ist an uns vorüber. Seine Seele

War eine allzu schnelle Seele, und

Sein Aug glich allzusehr dem Aug des Vogels.

Dies Haus hat ihn gehabt – doch hielt es ihn?

Wir haben ihn gehabt – er fiel dahin,

Wie unsre eigne Jugend uns entfällt,

Grausam und prangend gleich dem Wassersturz.

O Unrast! O Geheimnis, offenkundiges

Geheimnis menschlicher Natur! O Wesen,

Wer wärest du? O Schweifender! O Fremdling!

O nächtlicher Gespräche Einsamkeit

Mit deinen höchst zufälligen Genossen!

O starrend tiefe Herzenseinsamkeit!

O ruheloser Geist! Geist ohne Schlaf!

O Geist! O Stimme! Wundervolles Licht!

Wie du hinliefest, weißes Licht, und rings

Ins Dunkel aus den Worten dir Paläste

Hinbautest, drin für eines Herzschlags Frist

Wir mit dir wohnten – Stimme, die wir nie

Vergessenwerden – o Geschick – o Ende –

Geheimnisvolles Leben! Dunkler Tod!

O wie das Leben um ihn rang und niemals

Ihn ganz verstricken konnte ins Geheimnis

Wollüstiger Verwandlung! Wie er blieb!

Wie königlich er standhielt! Wie er schmal,

Gleich einem Knaben, stand! O kleine Hand

Voll Kraft, o kleines Haupt auf feinen Schultern,

O vogelhaftes Auge, das verschmähte,

Jung oder alt zu sein, schlafloses Aug,

O Aug des Sperbers, der auch vor der Sonne

Den Blick nicht niederschlägt, o kühnes Aug,

Das beiderlei Abgrund gemessen hat,

Des Lebens wie des Todes – Aug des Boten!

O Bote aller Boten, Geist! Du Geist!

Dein Bleiben unter uns war ein Verschmähen,

Fortwollender! Enteilter! Aufgeflogener!

Ich klage nicht um dich. Ich weiß jetzt, wer du warst,

Schauspieler ohne Maske du, Vergeistiger,

Du bist empor, und wo mein Auge dich

Nicht sieht, dort kreisest du, dem Sperber gleich,

Dem Unzerstörbaren, und hältst in Fängen

Den Spiegel, der ein weißes Licht herabwirft,

Weißer als Licht der Sterne: dieses Lichtes

Bote und Träger bist du immerdar,

Und als des Schwebend-Unzerstörbaren

Gedenken wir des Geistes, der du bist.

O Stimme! Seele! aufgeflogene!