Verteidigung

By Paul Heyse

Written 1872-01-01 - 1872-01-01

Nein, das kannst du doch nicht im Ernste meinen,

Daß in Freundschaft die Liebe sei verwandelt,

Da ich längst mich des guten Brauchs entwöhnte,

Dich in zärtlichen Liedern anzusingen.

Pflegt doch selber die Nachtigall, sobald ihr

Nest sie baute, die lyrischen Ergüsse

Ihrer schmachtenden Brautzeit einzustellen.

Denn, sein Weibchen zu loben, ist mit Recht wohl

Unter Männern verpönt als höchst geschmacklos,

Da man stets in der Frau sich selber lobe.

Ich nun vollends – verdient' ich deine Klage,

Da, gesteh es nur ein, auf all mein Dichten

So bedenklichen Einfluß du geübt hast?

Ach, ich höre von meinen hochwohlweisen

Rezensenten noch heut den ew'gen Vorwurf,

Daß, so alt ich geworden, ich noch immer

Schönheitstrunken den schnöden Schattenseiten

Dieser heutigen Welt den Rücken wende,

Daß insonderheit meine Fraungestalten

Stets von adligem Glanz umflossen schienen.

Doch, Geliebteste, wenn in meiner Dichtung

Holde weibliche Wesen dir begegnen,

Liebevollen Gemüts, von feiner Klugheit,

Auf sich selber beruhend und so weiter –

Wer, du Zweiflerin, hat die große Sünde

Meines Idealistentums verschuldet,

Als die Eine, die mir an Durchschnittsweibern

Ein für allemal den Geschmack verdorben?