Vier besondere Wunder des Schöpfers, von einer Höhe in Ritzebüttel.

By Barthold Heinrich Brockes

O Gott! durch Den, nebst tausend Gütern, ich hier

noch die besondre Gabe

Des von der Welt entfernten Sitzes, die hoch-erhabne

Einöd', habe,

Dergleichen ich mir längst gewünscht, mein Thürmchen,

wo ich ganz allein,

Von allen weltlichen Geschäften, von Neid und Zank ent-

fernet, lebe,

Und, als nach überstandnem Sturm, in Ruhe, mich zu

Dir erhebe,

Als wie auf einer Warte sitze, und einzig kann beschäftigt

seyn,

Auf einen grossen Theil der Welt mein mit dem Blick ver-

bundnes Denken,

Der Gottheit, die sie schuff, zur Ehr, mit Lust, mit Lob

und Dank zu lenken,

Woselbst mir Himmel, Luft und Wasser und Land und Stern’

und Sonnen-Schein,

So wie sie meiner Augen Vorwürf’, auch Vorwürf’ mei-

ner Lieder seyn.

Dir dank ich inniglich dafür, erkenne Deine Macht und

Güte,

Mit möglichster Erkenntlichkeit, mit überlegendem Ge-

mühte.

Und weil ich Deines Namens Ruhm und Deines grossen

Wesens Preis

Nicht würdiger verehren kann, nicht besser zu erheben weiß,

Als wenn ich Deine weise Macht in Deinen schönen Wer-

ken merke;

So wend ich mein betrachtend Aug auf die mir hier gezeigte

Werke.

Welch einen grossen Theil der schönen, durch GOtt allein

erschaffnen, Welt,

Die, wie Sein grosses Wort sie schuff, Sein grosses Wort

allein erhält,

Kann ich von dieser Höhe sehn! Ein fast nicht abzusehend

Feld,

Die auch nicht abzuseh’nde

res Blau

Ich mit dem blauen Firmament am Horizont vereinet schau,

Den fast unendlichen

Sonnen Strahl,

Der alles füllet, färbet, schmücket, belebt und wärmt,

fällt auf einmahl

In mein darob erstaunt Gesicht, und trifft so die gerührte

Seele,

Daß ich, für Lust verwirrt, nicht weiß, was ich zuerst von

ihnen wähle

Zum Vorwurf meiner frohen Lieder. Ich fühle, daß es

meine Pflicht,

Den grossen Urstand aller Wesen (so, leider! sparsam gnug

geschicht)

In Seinen Werken zu bewundern. Das Wesen, welches

mein Gesicht,

Nebst mehrern Sinnen mir verliehn, in Absicht, daß wir

Seine Güte

Und weise Macht mit Lust in Ehrfurcht und Jhn verehren-

dem Gemühte

Betrachten und bewundern sollen.

Auf, laßt uns denn, für so viel Guts, Jhm unsre Lust zum

Opfer zollen!

Auf, laßt uns hier

vor Augen sehn,

Dem, welcher sie erschuff, zum Ruhm, beschauen, da sie ga

zu schön.

Das Feld, das jüngst noch welk und schmutzig, morastig

gleichsam, schwarz und grau,

Und welches ich nun lieblich grün, ja gleich Smaragden

glänzen schau,

(wozwischen oft gebrochte Felder, worauf sich braun und

roht vereinen,

Mit einem trocknen weißlich-grauen, recht wie in schöne

Leibfarb, scheinen)

Ja, das in mehrern Farben prangt, indem es überall be

blühmt,

Verdient ja wohl, daß man des Schöpfers Macht, Lieb’ und

Weisheit fröhlich rühmt

Der es so wunderbar formirt, belebt, besämet, nähret

ziert,

Erhält und färbt, erwärmt, erleuchtet, verbessert, ordent

lich regiert,

Und welcher, bloß aus Lieb’, uns alle durch sie, zu Seinem

Ruhm, vergnügt.

Ja, da zugleich der Schmuck des Feldes das Vieh, und uns

durch sie, ernähret,

Verdient nicht GOtt, daß man für beides, mit unverdroßne

Dank, Jhn ehret?

Ich sehe denn die grüne Schönheit des Feldes, voll Erget-

zen, an,

Ich schärfe die sonst stumpfen Blicke, und zähme fie so viel ich

kann.

Ich zwinge die sonst flüchtigen und unbeständigen Jdeen,

Bey dieser neu-geschenkten Schönheit, nicht zu verfliegen,

still zu stehen.

Ich spanne der gerührten Seele Beschau- und Ueberlegungs-

Kräfte

Nach allen Kräften dazu an, indem [da ich ans Werk

mich hefte,

Um seine Schönheit zu ergründen]

Ich hoffe, glaub’, und mich bemüh, den grossen Meister

drinn zu finden,

Um Jhn, für die in Seinen Werken,

Indem wir sie vergnügt bemerken,

Von Seiner Weisheit, Lieb’ und Macht uns deutlich vor-

gelegte Proben,

Wodurch von Seinem wahren Wesen,

Jm rechten Buch der Welt-Weisheit, Er Selbst den Inhalt

giebt zu lesen,

Mit inniglich gerührtem Geist, nach aller Fähigkeit zu

loben,

Und, samt Gemühts- und Leibes-Kräften, nach Möglichkeit

mich zu bestreben,

Jhm mein durch Jhn erfreutes Herz zu einem Opfer hin-

zugeben.

Ich sehe ferner, von der Höhe,

Gewässer

Voll, auf- und nieder seegelnder, beladner reicher Wasser-

Schlösser,

In stiller Majestät vorbey, mit sanftem Zug vorübe

fliessen,

Und sich nicht fern von diesem Ort ins unbegrenzte Mee

ergiessen;

Bald aber, menschlicher Vernunft zum Wunder, wieder

rückwerts gehn,

Und, durch den strengen Drang der Fluht, sich wieder aus

der Tief' erhöhn,

Um gleichsam, so von West- als Osten, von tausend, tau-

send raren Dingen

Die Schätze der entlegnen Reiche, o wehrtes Hamburg!

dir zu bringen;

Die ich denn, von der Luft gefärbt, bald klar und lieblich

dunkel-blau,

Bald, von der Sonnen Glanz beschienen, als wie ein flies-

send Silber schau.

Wenn ich vom grossen Wasser-Cörper, so die nicht abzu-

sehnde Breite,

Als auch nicht abzusehnde Länge, so kaum zu zählnde Mei-

len lang,

Den prächtig- majestätisch- sanften beständig- unbeständ-

gen Gang,

Desselben Tiefen, seine Bürger, die uns ernähren, samt

der Weite,

Mit menschlichen, nicht viehschen, Augen betracht’, erweg’

und überseh;

Erheb ich billig aus der Tiefe den Geist, voll Ehrfurcht,

in die Höh,

Und opfre Dem, Der alles schuff, ein Herz, das von Ver-

wundrung voll,

Ja, durch der Wunder Größ’ und Menge, von Lust und

Ehrfurcht so erfüllt,

Daß es in Liebe, Lob und Dank, in frohem Wallen über-

quillt,

Und in recht sehnlichem Verlangen, auf eine Weise, wie

ich soll,

Des grossen Schöpfers weisen Willen,

Nach allen Kräften, zu erfüllen.

Ach mögt ich, ruf ich denn zum öftern, ach mögt ich hier,

auf dieser Welt,

Nach meinen Pflichten und Vermögen, HERR, leben,

wie es Dir gefällt!

Nachher erheb ich meine Blicke. Da ich denn

phirne Höh,

Den unergründlich-tiefen Raum, des ausgespannten Him-

mels seh

Mit fast erstaunendem Gemüht. Wenn ich mich dahinein

versenke,

Und auf die Grenzen-lose Tiefen, in welcher gar kein Ziel,

gedenke;

Erschüttert recht mein ganzes Wesen, doch nicht vor Angst,

vor Ehrfurcht nur.

Denn hier gelang ich allererst auf eine fast sichtbare Spur

Der ewig-unumschränkten Gottheit, die sich am herrlich-

sten uns zeiget,

Wenn man mit Demuht und Vernunft in diese hohe Tiefe

steiget.

Die Tief’ allein, ohn andre Vorwürf’, ist fähig, uns ein

heiligs Schrecken,

Ein ehrerbietiges Bewundern vor GOTT, dem Schöpfer,

zu erwecken.

Die Stern-Verständige beweisen, daß, in des weiten

Himmels Schooß,

Von uns der Abstand zu der Sonnen viel Millionen Meilen

groß;

Da, wenn aus einem Stück die Kugel beständig vier und

zwanzig Jahren

In stets gerader Linie würd’ ungehemmet vor sich fah-

ren,

Sie kaum die Sonn’ erreichen könnt’. Ja noch vielmehr:

Sie setzen fest,

Daß sich, von einer solchen Kugel, der allererste Fixstern

nur

In sechsmahl hundert tausend Jahren noch lange nicht

erreichen läßt.

In dieser Weite, sonder Grenzen,

Hat GOtt viel Millionen Reiche und Monarchien ohne

Zahl

Durchleuchtger Sonnen fest gegründet, die in dem unge-

hemmten Strahl,

Als so viel Licht- und Lebens-Quellen, zum Besten vieler

Welte, glänzen,

Die sie bewegen und erhalten, die sie beleben und regieren,

Und sie in unverrückter Ordnung, als Unterthanen, um

sich führen.

Worinn GOtt Proben, die unendlich, von Güte, die unend-

lich, giebet,

Und, in unzählich andern Welten, unzähliche Geschöpfe

liebet.

Aus Seiner nie versiegnen Quell, die unaufhörlich über-

fliesset,

Und die sich ins Unendliche, weil Er unendlich ist, ergiesset,

Nach weiser Ordnung Gutes thut, Sich ihrer aller Vater

weist,

Sein ewig-seeliges Vergnügen in stets gerechter Liebe

findet.

Von allen Seinen Creaturen ein Vater ist und nicht nur

heißt,

In Seiner Kinder Seeligkeit als Vater eine Freud’ em-

pfindet,

Der, für das uns erzeigte Gut, auf Dank nur Seinen

Ruhm gegründet.

Was müssen in so vielen Welten für Aendrungen sich

nicht begeben,

Die alle ihres grossen Schöpfers Macht, Lieb’ und Herr-

lichkeit erheben?

Mein Geist erblickt in solcher Menge der Gottheit würdigs

Bild allein.

Mir scheinen andere Jdeen von GOttes Macht und Grösse

klein.

Die Größ und Allmacht, die ich hier in ihrer Meng’ und

Grösse seh,

Erregt vom wahren GOtt in mir die allerwürdigste Jdee.

Dieß ist mein GOtt. Den bet ich an; Den will ich lie-

ben, preisen, ehren,

Und, obgleich hier in Schwachheit nur, Sein unausdrück-

lich Lob vermehren.

Nach dem mir möglichen Begriff will ich und kann nicht

anders schliessen,

Als daß wir, von dem Herrlichsten, das Herrlichste geden-

ken müssen.

Wann aber (wie ein leiblich Aug, wenns in die Sonne

lange sieht,