Viertes Buch. Die Feuersnoth

By Jakob Michael Reinhold Lenz

Written 1771-01-01 - 1771-01-01

Schon verbreitet die Mitternacht das schwarze Gefieder

Ueber den stillen Erdkreiß. Nun herrscht, von dienstbaren Schaaren

Gaukelnder Träume umflattert, der Schlaf auf den reizenden Bogen

Die das Auge sanftschmachtend ruhender Schönen umwölben:

Oder er fesselt auf hartem Lager den schnarchenden Landmann,

Der im verwirreten Traume dem langsamen Pflugochsen fluchet.

Schwärzre Stille wohnet im Thal. Von rauchen Klippen

Kochen Wasserfälle hinab, beständig eintönig,

Und aus dem schaurvollen Wald ist der Vögel Stimme verschwunden.

Doch welch blutiger Glanz steigt plözlich am finsteren Himmel

Wechselnd empor, wird grösser, verliert sich, wächset von neuem:

Jezo wallet er hoch auf. Mit gräßlichen Fittigen fliegen

Rauchwolken bei ihm vorüber. Ein Sturmwind erhebet sich ostwärts

Und sprüht feindliche Funken auf die umliegenden Dächer.

Zitternd eilet mein Fuß dem wilden Schauspiele näher. –

Ach ein wütendes Feuer in der entschlafenen Stadt frißt,

Wie ein entfesseltes Unthier, was ihm begegnet. Die Häuser

Stehn und können nicht fliehn, und bükken ihr Haupt aus den Wolken

Nieder in Asche. Wie brauset der Nacht entweyhete Stille!

Ueber die Flamme bläht sich der Dampf: die bleicheren Sterne

Schwinden: den gläsernen Himmel wölkt ein irdisch Gewitter. –

Plözlich erschallt die dumpfe Stimme der rasselnden Trommeln

Durch die traurig erleuchteten Gassen; Sie scheuchet urplözlich

Den so sichern Traum vom Lager des Hausvaters. Aengstlich

Fährt er empor und wekket die zitternde Gattin: auch färbet

Blässe die Wange des zärtlichen Mädchens, des weinenden Knaben.

Von dem falben, fürchterlich wiederscheinenden Kirchthurm

Brüllet die Feuerglokke hinunter: und alles wird rege.

Menschen, in der Dämmrung unkenntlich, stehen von ferne,

Ringen die Hände und rufen laut: Da ist keine Hülfe!

Die entlegensten, schwärzesten Gassen durchmurmelt ein hohles

Und verwirretes Sprechen: man klaget die Elenden, deren

Häuser das flammende Monstrum verschlingt und fürchtet den Rachen.

In den näheren Gassen zerstreut, verwirret, zerbrochen

Liegt ausgeworfener Hausrath. Es wacht beim kleinen Vermögen

Die tiefseufzende Hausfrau und sieht mit sehnlichem Blikke

Ihrem Manne nach, der mitten ins Feuer sich waget

Seiner Nachbarn Haabe zu retten; die Kinder stehn um sie,

Zittern vom nächtlichen Frost und blikken kläglich zum Himmel.

Unterdeß schwizzet und arbeitet ängstlich ihr größerer Bruder

Auf dem zischenden Dach es fürs Entbrennen zu schüzzen.

Schnell steigt wildes Geschrey zum Himmel, da ein Gebäude

Krachend einstürzt. Es heult die kaum gerettete Gattin

Um den vermißten Gemahl, und fragt mit ausschweifendem Schmerze

Jeden, den sie erblikt: „Hast du ihn gesehen?“

Aller Trost verstummt. Mit aufgelöseten Haaren

Eilt sie die dunkle Gasse hinauf: – da sieht sie ihn stehen,

Bloß, im Kleide der Nacht, ihr Kind an der bebenden Rechte,

Ohne Empfindung steht er, an eine Mauer gesunken.

Schnell, mit lautem Schreyn, ganz außer sich fällt sie ihm um den

Hals: „Bist du es, Geliebter, o lebst du, o bist dus?“

Ohnmächtig sinken sie beyde im Finstern dahin, bis ihr Freund sie

In sein Haus nimmt und erquikt, daß sie weinend sich freuen.

Aus der brennenden Hütte wird auf dürftigem Lager

Ein Todkranker getragen. Er sieht mit dämmerndem Auge

Furchtsam nach dem blutrothen Himmel. Die einzelne Träne

Starrt, mit kaltem Schweisse vermischt, auf dem bleichen Gesichte.

Unvermögend zu sprechen, dankt er mit sehnlichen, starren

Blikken seinen Errettern und wimmernde Seufzer entfliehen

Dem schon röchelnden Busen für seine leidenden Brüder.

Ach wie zittern die magern, verwelkten, knöchernen Glieder

In der Kälte der Nacht, da sie kaum Lumpen bedekken.

Izt sezt man ihn draussen nieder. Dem brechenden Auge

Schimmert die Flamme noch: er erhebet noch einmal

Die gefaltene Hand und stirbt.

Eine Gebärerin liegt noch kaum von der Bürd' entlastet,

Die sie trug, betäubt und kraftlos. Alles verläßt sie

Und vergißt die hülflose Kranke der Gluth zu entreissen.

Ach sie hört das hohle Brausen des Feuers: schon dringt es

Durch die plazzenden Fenster ins einsame Zimmer. Dreymal

Hebt sie die sinkenden Arme empor: „Erbarmt euch! erbarmt euch!“

Aber die eilende Flamme naht. Gestärkt durch des Todes

Ihr nicht fremde Angst, raft sie die unwilligen Glieder

Auf und eilet bis zur Thüre des Zimmers: hier weichen die lezten

Kräfte, sie sinkt und ächzet und stirbt, eh Flammen sie tödten.

Ach nun hat sich das Feuer schreklich verbreitet. Die hohen

Palläste stehen entdekt, gefüllet mit Gluth; die dem Himmel

Nachäffen wollten, sind Höllen geworden. Durch prächtige Fenster

Schlagen wilde Flammen hinaus: die güldenen Leuchter

Und die langen Spiegel tröpfeln von brennenden Wänden,

Japans Schäzze zerspringen. Geweyhete Häuser und Tempel

Schonet das wütende Element nicht. Hoch in den Lüften

Steigt es die Spizzen der Thürme hinan: der erschrokkene Wandrer

Zittert von fern bei dem Anblik. An Pfeilern kriecht es hinunter

Und die Chöre fallen zu Boden. In gräßlichen Tänzen

Hüpfen auf trauerndem Altar Flammen umher, und vom Lehrstuhl

Predigt die Feuersäule in der sich der HERR offenbaret.

Auch vermehrt sich die Stimme der Angst, die Stimme des Weinens

Um den Sohn, um Vater und Mutter, die rauhere Stimme

Sich zurufender Retter. Arme vernunftlose Schaaren

Menschlicher Bestien rasen umher und jauchzen: sie hat das

Feuer dem Haus' entrissen, das die lebend'gen Ruinen

Unsers stolzen Geschlechts an warnenden Ketten bewahret.

Schon kehrt auf ätherischer Bahn die treue Sonne

Zur in Todesschatten verlassenen Erde zurükke

Und entdekt sich zuerst dem Gipfel des frohen Gebirges:

Da erblikt sie die schrekliche Morgenröthe; die Gegend

Dampft von Schwefeldünsten und gräßliche Rauchwolken wollen

Bey dem Einzug des Morgens der Finsterniß Herrschaft behaupten.

Und nun verbirgt sie ihr tröstliches Licht; der blaue Himmel

Trauret, weit umher trauret die Flur. Schwarzströmende Flüsse

Rauschen gewaltig, und bieten ihr zu entferntes Gewässer

Laut den rathlosen Rettern dar. Auch flüchten die Vögel

Ohne Morgenlied, schüchtern in die verborgensten Büsche.

Aber laß uns, o Muse! die unglükseligen Mauren

Die die Gluth verödet, noch nicht verlassen; denn bängre

Jammervollere Scenen müssen sich dort noch eröfnen.

Damon, ein zärtlicher Gatte fährt, vom Schauder ergriffen,

Plözlich im Arm seiner Lesbia auf, und lauschet und höret

Das Geprassel der Flammen. Er rennt entkleidet, halb träumend

Sprenget die Thür, und sieht sich schon mitten im Feuer.

Schnell stürzt er

Die verbrannten Stiegen der steilen Treppe hinunter.

Aber ein grauser Gedanke fliegt wie ein Bliz in die Seele.

„Lesbia!“ – und nun will er zurük den Trost seines Lebens

Seine treuste Geliebte zu retten. Zu langsamer Retter!

Schon ist die Dekke des Zimmers in welchem sie ruht, eingesunken

Tödtendes Unglük! er steht erstarrt, versteinert, noch zweifelnd

Ob kein scheußlicher Traum ihn schrekke: ach! da ertönet

Ihm die sterbende Stimme seiner gemarterten Gattin

Und ihn dünkt seinen Namen zu hören: jezt rufet sie matter

Bis sie nicht rufen mehr kann. „O Lesbia!“ brüllt er, die Hände

Und das verwilderte Auge gen Himmel, aus dem eine kalte

Langsame Träne herabirrt; „Lesbia! Lesbia!“ Plözlich

Stürzt er ihr nach in die grausame Gluth.

Dort ergreift die erschrokkene Mutter, umklemmet von Flammen

Ihr geliebtes Kind und wirft es mit zitternden Händen

Von dem hohen Stokwerk hinab. O Gott! daß ihr Auge

Es hinstürzen sehen muß, ihr schwimmendes Auge,

Daß es sehn muß das zarte Haupt zerschmettert am Ekstein

Und das rinnende Blut in seinen goldgelben Lokken!

Stumm, verzweiflungsvoll, sinnlos und stumm, mit verbreiteten Armen

Bleibt sie stehen und läßt sich gern von den Bränden begraben.

O erbarme dich, Himmel! Weinet mitleidige Wolken,

Weint in die wüthende Gluth, die wie das Feuer zu Sodom,

Schon viel Tage durch raset. Schaut der Menschen Bemühung

Ist ermattet und der Löschenden Arme gesunken. –

Ja dort eilt er vorüber, der Bothe des Friedens, das schwangre

Schwarze Gewölk, der Retter, den Gott vom Himmel uns sendet.

Jauchzt! er schüttet die Urne voll von kräftigen Wassern

In die thürmenden Flammen. Vergeblich flattern sie scheußlich

Oft noch empor. Auch ergießt sich der irdische Regen von neuem

Und unterdrükket den feurigen Strom. Bald liegt er gedämpfet

Wie ein übermanneter Bär. Die lodernden Brände

Sprühen die lezten Funken. Ein dampfender Feuerheerd scheinet

Izt die verwüstete Stadt. Die nakkenden Schornsteine drohen

Und Elisäische Palläste sind zerrüttete Mauren.

So liegen fleischleere Beine des schönsten Körpers, unkenntlich

Bei durchlöcherten Schedeln, in denen vormals die braunen

Siegenden Augen brannten, izt hohl und ein Abbild des Todes.

Wie der Hölle entrunnen irren die Dürftiggewordnen

Nur mit Lumpen bedekket um das Grab ihrer Häuser,

Suchen zerschmolzenes Silber, erzehlen mitleidigen Fremden,

Oder flehen sie an. Dort, schröklich Geschäfte! dort suchet

Die Gebeine des Weibes ein trostloser Mann: sie hatte

In die verschonende Flamme sich wieder verwegen gewaget:

Grausamer Hang zu untreuen Gütern, der Leben und Freude

Für ein Linsengericht hinopfert, du machst deinen Sclaven

Selbst den Hunger nicht schwer und selbst die Flamme nicht schröklich.

Dir flucht auch des Ehemanns Seufzer. Er kann ihn nicht seufzen.

Kann nicht mehr weinen: dem Auge schimmern die Gegenstände.

„Theurer Märtrer, so denkt die Wehmuth in ihm, was hilft mir

Dein gerettetes Gold, da du der beste der Schäzze

Nicht mehr bist, da ich dein blasses holdseliges Antliz

Und dein gebrochenes Auge sogar nicht sehn darf, der Freude

Auch der bitteren Freude mich nicht erfreuen kann, deine

Kalten verschlossenen Lippen an die meinen zu drükken!“

Oft am schlechten Kittel zupft ein neugieriger Reicher

Ihn und forscht was ihm fehle. Er suchet fort, dann blikt er

Gleichgültig auf, und sieht ihm lang ins Gesicht: mit erzwungner

Schluchsender Stimme bricht er dann aus: „Sie starb! Ach sie such ich,

Ach ich suche mein Weib.“ Nun fährt er fort in der Asche

Und im Schutte zu graben und findt, (o traurige Freude!)

Findt die schwarzen Gebeine, und indem Ströme von Tränen

Aus seinen Augen stürzen, liebkoset und drükt er sie an das

Blutende Herz: „O Gott!“ da verstummt er, bis sein Vertrauter

Mitleidig zu ihm eilt, mit ihm den Ueberrest sammelt

Und ihn mit tröstenden Freundschaftszären dem Sarge vertrauet.

Lange herrschet die Armuth, auf dem dürftigen Throne

Von Ruinen erbauet über die schüchternen Bürger.

Steter Fleiß erhöht sie kaum zum vorigen Glükke

Und wenn seltene Edle ihnen die Güter nicht liehen

Die ihnen Gott erhalten, so würden sie nimmer dem Staube

Sich entschwingen. Wie beben sie izt den flammenden Richter,

Der Elemente Vater zum strengen Eifer zu reizen;

Aber bald vergißt ihre Schwachheit der strafenden Allmacht

Und mit emporgesträubtem Haupt, (o Greuel der Menschheit!)

Spottet der krümmende Wurm der Ferse die ihn zerquetschte.