Viertes Lied

By Karl Friedrich Kretschmann

Written 1773-01-01 - 1773-01-01

Noch höher, Harfe; Siegerharfe,

Noch lauter! Mehrern Jubels voll

Laß alle deine Tön' erbrausen,

So wie das Schlachtgetümmel scholl!

O daß sie, Pfeilen gleich von Bögen,

Mit lieblichem Gesäusel flögen,

Und träfen Feind- und Freundes Brust

Mit Überwinder Schrecken,

Mit hoher Siegerlust!

Wohlauf! Heb' an, die große Schlacht!

Schon kam der Tag; es glitt die Nacht

Vor uns im Thau dahin:

Wir aber schlichen, Feind und Beute

Im Morgenschlummer wegzufahn. –

Ha! sie sind auf! Zum Streite,

Zum Treffen, Brüder hinan!

Schon fliegen von jeder Seite

Des Waldes, Pfeile heran;

Nun strömen ihre Cohorten

Ins Blachfeld weit und breit:

Willkommen vom Schlafe, willkommen!

Seyd uns zum Tode des Kampfs geweiht.

Heraus, du jener Wölfin Brut,

Verlaß die sichern Läger!

Genug zum Sterben ausgeruht:

Heraus, dich sucht der Jäger!

Heraus ans frohe Tageslicht!

Denn mit blutfarbnem Angesicht

Eilt schon die Sonn' empor und säumet

Mit Purpur ihre Wolkenbahn;

Da strahlt ihr Wagen, da schäumet

Vor ihrem Feuerwagen

Der Eber, ihr Gespann:

Die Flammen seiner Nase prophezein,

Heiß wird der Tag, heißblutend wird er seyn!

Seht da, wie flattert in den Lüften

Das purpurne Pannier so schön!

Die goldnen Legionenführer,

Die Adler, schimmern in den Höhn;

Die Rosse stampfen und wiehern laut;

Laut ruft die Tuba, der Feldherr laut:

Auch schwinget, Weh euch! ungescheuht

Der Rabe sich über euch hin und schreit.

Heran mit Waffen! Heran zum Streit!

Ha, welche fürchterliche Menge!

Wie kühn! Wie so mit Siegsgepränge! –

Unsinnige, so seht ihr nicht

Die Schlingen die der Tod euch flicht?

Seht ihr nicht, wie der Strahlenschimmer

Die flatternden Wolken bricht?

Sie werden zu Winden, die fahren

Euch staubigt ins Gesicht!

Seht ihr nicht die gestreckten Wälder,

Drin euch kein Führer winkt?

Den steilen Fels? Die schilfigten Felder,

Wo Roß und Mann versinkt?

Seht ihr nicht, welch Getümmel

Euch dicht zusammen dreht?

Und seht ihr nicht, daß Himmel

Und Erd' euch widersteht?

Doch unter Mana's Schwert gebeugt,

Lauft ihr den Todesweg

Blind. Euer Kriegsgott schweigt.

So führ uns dann an ihre Schaaren,

O Herman, mit Bedacht;

Laß uns heut deine Kunst erfahren,

So wie sonst deine Macht:

Gebeut, (: ach unsre Herzen brennen!:)

Wo sollen wir die Reihen trennen?

Wo schlagen, und in Blute gehn?

Dort, wo der kühnsten Krieger Mengen

Sich wie Gewitterwolken drängen? –

Dort wird der Führer Varus stehn!

Wie mag das stolze Herz ihm klopfen;

Wie ängstlich werden kalte Tropfen

Von seiner blaßen Stirne fliehn!

Wie wird er, mehr als um sein Leben,

Um die von aller Welt

Für uns geraubten Schätze beben!

Dort unten vor der Reuterschaar

Trabt Vala trotzig her.

Sein schnarchend Roß ist ungestüm;

Doch nicht so wild als er.

Sein Schlachthelm, eines Drachens Sitz,

Sein Schwert, sein Panzer, strahlt wie Blitz;

Tod und Verderben ist sein Ruf:

Schon wähnt er unser Blut

An seines tanzenden Roßes Huf!

Das Schwert her und die Lanze! Schon

Erhebt sich eine Legion.

Hört, hört, wie sicher sie sich freuen,

Zu tödten oder zu zerstreuen:

Denn – führt sie nicht Cejonius?

Traun, wohl ein Held bey Wein und Kuß! –

Du Weichling mit den Rosenwangen,

Lebendig wollen wir dich fangen!

Nie muß in Thuiskons Opferhain

Ein röther Blut gefloßen seyn!

Das Schwert her und die Lanze!

Sie kommen; sie sind da!

So jagen rasende Stürme

Das Wetter tobender nah'.

Schwarz zog es durch die Tannen

Der Berg' und blitzte von ferne:

Itzt ist im Blitze der Donner,

Im Donner der Schlag auch da.

Nun fahren die Lanzen, nun dringen

Die Schwerter ins Schild, nun klingen

Die Pfeile vom Bogen gejagt:

Da quellen weite Wunden

Von Todesschmerzen genagt;

Der Staub fliegt in die Lüfte,

Himmel und Erde zittert,

Und heult, und jauchzt, und klagt.

Willkommen Sieg! Da blutet schon,

Da liegt die stolze Legion

Und stirbt zu unsern Füßen;

Ihr goldner Räubervogel stürzt

Herab zu unsern Füßen.

Hinan! daß wir die andern zween

Noch heut in unsern Händen sehn!

Hinan! und laßt es Arbeit kosten,

Laßt Blut den Preis des Sieges seyn:

Zwey Legionen beßre Krieger

Dringen mächtig auf uns ein;

Und wollen unsre Schaaren brechen,

Und wollen ihrer Brüder Tod

An uns gedoppelt rächen!

Wie muthig sprengen sie heran,

Wie listig sie uns rings umgeben,

Um wie mit Netzen uns zu fahn!

O bey des Vaters Götterleben,

Hier, Herman, nimm dich unser an:

Sonst ists um Sieg und Ruhm,

Um Leben, mehr noch, mehr,

Um unsre Freiheit gethan!

Ihm nach, wie Schlag auf Schlag!

Ihm nach: schon öffnet er,

Wie durch die Nacht der junge Tag,

Den Weg des Sieges vor sich her.

Wir aber folgen Schritt auf Schritt;

Wir kämpfen und wir tödten mit:

So geht auf geilbewachsner Aue

Der Mäher in dem Morgenthaue;

Die blanke Sense schallt vor ihm

Durch Blumen und Disteln ungestüm;

Dann liegen sie verwelkt und fahl,

Und werden dürr am Sonnenstrahl.

Ihm nach, durchs blutgefleckte Thal!

Ihm nach, auf die Berge voll Leichen,

Wo Römerpfeile schräg herab

Die kahle Höh' durchstreichen!

Hinan, und schmettert sie hinab

Von unsern Felsenspitzen;

Zerbrecht ihre Bögen, zerbrecht den Schützen

Alles Gebein, und werft's ins Grab!

Ha! tobender zerfleischen sich

Zween kühne Auer nicht:

Sie sind die Heerdenführer beide;

Sie treffen sich auf Einer Weide:

Da dröhnt der Boden, das Streithorn bricht;

Sie bluten, doch sie weichen nicht:

Bis daß ergrimmt durch ihren Muth

Die ganze Heerde kämpft, voll Wuth

Einander anfällt, schrecklich brüllt,

Und Staub den Tod in Wolken hüllt.

Wer sähe das, und fühlte

Die Lust des Würgens nicht?

Sie tobt in meinem Busen,

Und flammt mir im Gesicht;

Und meine Faust, die friedlich

Sonst nur die Harfe trug,

Stürmt ins Gewirr des Feindes,

Wie sie die Saiten schlug.

Flieht, flieht

Des zornigen Bardens Klinge,

Damit sein Lied

Nicht hundert Gefallene mehr besinge!

Ha, wer ist der Verwegne

Im römischen Gewand?

Er kömmt voll Staub und Blutes,

Er schreitet matt und einsam,

Siegmüde hängt sein Schwert

Ihm in gesunkner Hand. –

So sehnst du dich zu sterben?

Dein Wunsch geschehe dir!

Heran! – Fluch und Verderben! –

Wer bist du? – Wehe mir!

Bist du es, du Verräther?

Nicht teutsch mehr, Freund auch nicht!

Wie darfst du mir noch schauen

Ins zornige Gesicht?

Wie, Godschalk, darfst du trauen,

Nicht fliehen, zittern nicht?

„O Freund – –!“ Nicht Freund! – „O Rhingulph,

Halt ein, und höre mich!“

Was sollt' ich dich noch hören?

Die Götter hörten dich!

Sie sahen deinen Abfall,

Sie wogen dein Verbrechen,

Und sie verwarfen dich:

Ihr Tod geht aus zum Rächen,

Und kömmt, und rüstet mich!

„Rhingulph, Rhingulph! – Schwachheit weicht,

Jugend fehlt; nur allzuleicht!

Sprich doch, du, den ich geliebt,

Mehr als wie sich Brüder lieben,

Ob die Freundschaft nie vergiebt?“

Aber wer (: hör deine Schande!:)

Vaterlands- und Freundschafts-Bande

Zu zerreißen sich erkühnt;

Wie verdiente der Vergebung,

Der das Leben nicht verdient? –

Hier ist Raum zum Büssen, hier!

Waffen, Waffen über dir!

Verachtend streifte mich sein Blick:

Das fiel zweischneidig auf.

Mein Lanzenwurf gabs ihm zurück:

Doch fing sein Schwert ihn auf.

Wir kämpften. Hieb auf Hieb erklangen,

Daß die, so mit dem Tode rangen,

Sich mühsam huben und uns sahn:

Die Tödtenden in ihrer Wuth

Erwachten aus ihrem Traume von Blut,

Verweilten, und staunten uns an.

Die Götter blickten itzt nach ihrem Runenbuche

Wo Tod und Leben steht.

Er falle! So stands, mit einem Fluche

Gezeichnet stand es da.

Weh ihm, da sank er; da lag er; da!

Sein Leben entfloh. Ich hatte

Mein Herz verwundet; ich starrte

Betäubt hin in sein Blut;

Verfluchte dieses Eisen,

Verdammte meine Wuth.

Da wandt' ich mich, und stieß mein Schwert

Dem nächsten Römer in die Brust;

Nahm ihm das seine; stürzte mich

Ins Treffen, das schon fern entwich.

Wie flohn da die Geschlagnen

Gleich schüchternen Lämmern umher;

Verlassen, matt, verfolget,

Zerrißen von Wolf und Bär!

Denn Varus, der Führer der Heerde,

Liegt auf der blutigen Erde

In Todeszückungen da,

Und seine Seel' entbebt ihm. Ha!

Er hatte nicht zum Streite,

Kaum noch zum Sterben Muth:

Er stieß sich in die Seite

Sein Schwert, und ruht.

Wohl dir! Der Tod ist beßer,

Denn Siegmars zornger Sohn!

O wohl dir, daß du dem Meßer

Der unversöhnlichen Runen entflohn!

Huy! da verstäubt mit seinem Reuter,

Vala Numonius;

Verläßt den müden Lanzenstreiter,

Der nun erliegen muß:

Doch sollst du nicht entrinnen,

Sollst Rom nicht wiedersehn:

Denn euer Glück ist müde

Dem Unrecht beizustehn!

Sie fliehn! sie fliehn

Zum strömenden Rhein;

Sie drängen, sie stürzen sich hinein.

Doch Tohro donnert, und winkt

Seinen bellenden Stürmen:

Da brausen die Wellen und thürmen,

Und Roß und Mann versinkt.

Nun werden seine Waßerraben

Bis zu der nächsten Schlacht

Ein sattes Futter haben!

Und nun, du kleiner Rest, heran! –

Ihr Götter! Wie? Ist es gethan? –

Es ist vollbracht! Kein Römer lebt,

Der nicht mit Feßeln gebunden bebt.

Triumph! Noch eins Triumph! Nun hat

Der Tod gesäet seine Saat!

Drei Legionen liegen, sterben;

Sohn, Vater, Bruder ist hingerafft.

Wir nur, wir sind die Erben

Zu der Verlaßenschaft!

Sie aber eilen zitternd,

Um schrecklicher zu büßen,

An ihres Lasters Hand

Hinab ins große Schattenland.

Blinde Nächt' umgeben

Den Sündenrächer dort:

Aber er hascht ihr Leben,

Und seine Schlangengeißel

Zerfleischt sie fort und fort.

Da hallen des Elends Lieder

In der Höh' und der Tiefe wieder,

Daß er, der Wirth des Jammers,

Horchend oft innehielt,

Und grimmiges Erstaunen,

Doch nie Erbarmung fühlt!