Vinval und Vinvela.

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Unter ging die Sonne Gottes

Thaugedüft entstieg der Flur.

Auf die Abendlispel Gottes

Horchte feyrend die Natur.

Grillen zirpten, Mücken summten,

Frösche gurgelten im Sumpf;

Und aus stillen Dörfern bummten

Abendglocken fern und dumpf.

Aus der Mauern Eng' und Schwüle,

Aus der Städter lautem Schwarm

Flüchtet' in die freye Kühle

Vinval an Vinvelens Arm.

Warmen Herzens, reiner Seele

War das liebetrunkne Paar,

Sonder Tücke, sonder Fehle,

Aller Schuld und Makel baar.

Gern vom grünen Hügel schauten

Sie der Sonne letzten Strahl;

Horchten gern der wonnelauten

Wachtel Schlag im Wiesenthal;

Schwelgten lüstern in den Düften

Der erfrischten Weizenflur;

Freuten sich des Rauchs der Triften,

Und des Friedens der Natur.

Itzt im blüthenweissen Laube,

Itzt am blaubeblümten Bach,

Itzt im Würmchen, itzt im Staube,

Spürten sie dem Ewgen nach;

Hörten seiner Stimme Hallen,

Fühlten seiner Flügel Wehn,

Sahn in jeder Wolke Wallen

Seines Wagens Rosse gehn.

Harmlos wandelten die Beyden

In das volle Ährenfeld,

Und mit süssen Seelenfreuden

Tränkte sie die Dämmerwelt.

Laulich war die Luft und milde,

Rein der Aether, klar und blau,

Und die athmenden Gefilde

Hauchten Frisch' und Füll' und Thau

Vinvals und Vinvelens Seelen

Schmelzte Rührung und Gefühl.

Vinval lispelte Vinvelen:

„köstlich ist das Abendkühl.

„herrlich goldet deine Wange

„jener Wolke rother Schein.

„lass uns, Traute, mit Gesange

„diesen schönen Abend weihn.“

Und Vinvela, leiseschauernd,

Sang den holden Klaggesang.

Bangeahnend, leisetrauernd

Klang des Liedes süsser Klang.

Mit den stillen Abendlüften

Säuselte der sanfte Hall

Über Feld und über Triften.

Wandrer lauschten seinem Schall.

„lieblich ist des Abends Milde,

„schön des Himmels Angesicht.

„freundlich dämmern die Gefilde,

„halb in Schatten, halb in Licht.

„lieblich sind des Mädchens Reize,

„wenn die Unschuld sie bekränzt.

„herrlich sind des Jünglings Reize,

„wenn sein Aug' in Liebe glänzt.

„aber, ach, des Abends Schöne

„schwindet, und des Spätroths Pracht

„blasset, und der Wachtel Töne

„schweigen, und es wird so Nacht.

„jüngling, deine Gluth verlodert;

„deiner Kräfte Mark versiegt.

„mädchen, deine Schöne modert;

„deines Kelches Duft verfliegt.

„sterben werd' ich bald. Sie werden

„mich begraben. Auf mein Grab,

„tief im kühlen Schooss der Erden,

„schlosset es und schnei't herab.

„mein Geliebter wird mich missen,

„wird mich suchen, finden nicht.

„jüngling such mein Grab. Da spriessen

„rosen und Vergissmeinnicht.“

Also sang sie, und betrübter

Ward ihr Geist. Die Wang' hinab

Floss ein Thränchen. Ihr Geliebter

Küsst sie ihr vom Busen ab.

Dann mit tiefern Athemzügen

Sang er ihr den Trostgesang.

Wachtel, Grill' und Unke schwiegen,

Als des Sängers Stimm' erklang.

„traure nicht, o Vielgeliebte!

„deine Trauer trübt auch mich!

„tröste dich, du Sanftbetrübte;

„ewig liebt dein Trauter dich.

„dämmrung schleyert Wald und Auen,

„raubt den Fluren Farb' und Glanz

„dämmrung wird auch uns umgrauen,

„welken unsrer Jugend Kranz.

„aber schau! der Nächte Dunkel

„ist nicht gänzlich schimmerleer.

„tausendfacher Sternenfunkel

„dämmert durch das Dunkel her.

„freundin, unsre letzte Wohnung

„wird nicht licht- und trostlos seyn.

„hoffnung einer hellern Wohnung

„wird die schwarze Nacht zerstreun.

„dieser Schatten graue Hülle

„deckt nicht ewig Berg und Thal.

„nacht und Schatten, Schlaf und Stille

„scheucht des nahen Morgens Strahl.

„freundin, unser Grabesschlummer

„währt nicht ewig. Jung und schön

„werden wir, nach kurzem Schlummer,

„aus der kühlen Kammer gehn,“

Also sangen sie, und schwiegen;

Wanderten bey Sternenschein,

Von des Schicksals starken Zügen

Fortgezogen, feldhinein;

Ruhten endlich, wandernsmüde,

Wang' an Wang' an einem Baum,

Und der Unschuld sichrer Friede

Wiegte sie in Schlaf und Traum.

Mit des Frühroths Strahlergiessen

Ward der gute Jüngling wach.

Seine Traute wach zu küssen,

Wandt' er sich zu ihr. Doch ach!

Ach, erblasst war ihre Wange,

Giftgeschwellt die zarte Brust;

Eine buntgefleckte Schlange

Schwelgt' an ihrer reinen Brust.

Schreckenschwindelnd, graunumrungen,

Krampfhaft von der Lieblingin

Halbgelähmten Arm umschlungen,

Fiel er jammernd auf sie hin,

Sah des Lebens letzten Funken

Matt verglimmen; und von Schmerz

Umgebrochen, umgesunken,

Stürzt' er leblos an ihr Herz.