[Vom Rosenstrauch die letzte Blüte fällt,]

By Paul Heyse

Written 1872-01-01 - 1872-01-01

Vom Rosenstrauch die letzte Blüte fällt,

Ein böser Herbstwind schauert durch die Welt.

Wir pflegten Winters dies und das zu tun,

Das ward so müßig, so entbehrlich nun!

Zu hoffen, harren, sorgen, uns zu freun –

Das soll nun alles nimmer sich erneun.

Nicht sehn wir mehr der kleinen Füße Spur

Leicht eingedrückt der überschneiten Flur.

Nicht bei der frühen Lampe goldnem Licht

Glüht horchend auf ein kleines Angesicht.

Uns bringt der Winter nur mit Sturm und Graus

Melancholie ins ausgestorbne Haus.

Das klügste wär', sich einzuspinnen sacht,

Wie es zum Winterschlaf die Raupe macht.

Doch da ein Mensch soll wacker sein und wach,

Komm! fliehn wir sommerwärts den Schwalben nach!

Vielleicht daß zweier Wandrer tiefverarmt

Die Bettlerfreundin Sonne sich erbarmt.