Von den Bewohnern des Wassers.

By Barthold Heinrich Brockes

Nunmehr kann ich, von den Bürgern der Fluht, den

Fischen, hier zu sprechen,

Zu unsers Schöpfers Ruhm und Preis und Dank, mich

gleichfalls nicht entbrechen.

O welch ein Wunder! daß des Meeres unfruchtbar-bitter-

salzes Naß

Lebendige Geschöpfe zeugt! Daß eine Fluht, die unerträglich,

Und streng und traurig von Geschmack, was, das der Zunge

so behäglich,

So süß und lieblich schmecket, nährt! Wie unbegreiflich ist

doch das!

Wer dieß nicht wüßte, würde sprechen: Ein unfruchtbares

Element

Wird etwan wenig Kinder hegen. O nein! auch hier ist

abermahl

Der Schluß nicht richtig, und der Wahn von der Erfahrung

weit getrennt.

Es ist fast, wie der Sand am Meer, die Zahl der Fische sonder

Zahl.

Mein geistig Auge siehet hier, mit recht bewunderndem Ver-

gnügen,

In dieser weiten Meeres-Tiefe, in dieser Wasser-vollen Gruft,

Ein nicht zu zählend Heer von Fischen, recht wie die Vögel

in der Luft,

In einer stetigen Bewegung, so sehr nicht schwimmen fast,

als fliegen.

Wer kann das Wunder doch begreifen! Was alle Thiere

sonst ersticket,

In Fäulung und in Gährung bringt, und, was lebendig ist,

erdrücket,

Das Wasser hat gewisse Thiere, die es erhält, versorgt,

ernährt.

Ist dieses Wunder nicht allein Betrachtung und Bewund-

rung wehrt?

Nicht minder, daß dergleichen Thiere, ohn’ Hand und Fuß,

ohn' Arm' und Bein',

Auch sonder Flügel, Stachel, Klauen, deswegen doch im

Stande seyn,

Sich zu erhalten, fortzubringen, bald schnell, bald langsam

sich zu nähren,

Zu rauben, auf so manche Weise sich zu beschützen, sich zu

wehren;

Daß ihr Geblüt, in steter Kälte, sich nicht verdicket, nicht

gerinnt,

Daß sie von Federn, Haar und Pelzwerk beraubet und ent-

blösset sind,

Und doch, im kältern Element, als wie die Luft ist, sind und

leben.

Was kann doch immer mehr den Fischen, an deren statt,

Beschirmung geben?

Worinn kann ihr Gewand und Kleid, und ihr Zusammen-

halt bestehn?

Dieß ist gewiß Aufmerkung würdig, und wehrt, daß wirs

mit Fleiß besehn.

Von aussen ist, an jedem Fisch, wenn wir desselben Bau

betrachten,

Und auf sein äussers glattes Wesen, mit wahren Menschen-

Augen, achten,

Ein schleimigt Wesen, wie ein Leim, dann wird die harte

Schuppen Haut,

Ein wunderbar gefügt Gewebe, das schützt, zugleich auch

ziert, geschaut.

Bis endlich noch ein speckigt Wesen, ein öhligt Fleisch,

das Fleisch bedeckt,

Und sich, zu nicht geringem Nutzen, von vornen bis nach

hinten streckt.

Man kann, wie sich der Schuppen Menge formiert und

wächset, nicht ergründen,

Und ja so wenig den Behälter und Ursprung dieses Specks

erfinden.

Indessen dient der Schuppen Härte, und auch des Oehles

Fettigkeit,

So allem Wasser widersteht, dem Fisch nicht nur zur

Sicherheit;

Es wird, durch beydes, ihm sein Leben, nicht minder seine

Wärm' im Kalten,

Auf eine sonderbare Weise, die wohl Bewundrung wehrt,

erhalten.

Wie könnte man der Fische Schaar, den Wasser-Bürgern,

doch ein Kleid

Von einer nützlichern Beschaffenheit,

Von mehrer Leichtigkeit, und doch von größrer Undurch-

dringlichkeit,

Mit allem unsern Witz erdenken,

Mit aller unsrer Macht ihm schenken?

So, daß, wohin wir unser Aug, in allen Elementen, lenken,

Wir überall solch eine Tiefe von Weisheit, die nicht zu

ergründen,

Die an Erfindungen so reich, mit Ehrfurcht und Erstaunen,

finden.

Die alles, was zu ihrer Absicht gehöret, kennet, nie sich

irrt,

Und der von dem, was sie, als Werkzeug’, gebraucht, nie

widerstanden wird.

Wer ist, der nicht, mit Dank und Ehrfurcht, die Liebe dieser

Liebe preiset?

Da sie solch’ eine Menge Fische, im tiefen Schooß des Meers,

beschehrt,

Daß man in einem Tage fängt, was ganze Städt’ und Länder

nährt.

Da GOtt, durch sie, nicht nur die Reichen, nein, auch die

Armuht reichlich speiset,

Da sie aus dunkler Meeres-Tiefe sich, zur gewissen Zeit,

erheben,

Uns, und die flachen Ufer, suchen, sich nach den Ströhmen

und den Flüssen,

(wer faßt, und wer begreift den Trieb, durch welchen es

geschicht,) begeben,

Und, ohne Zwang, sich gleichsam selbst auf unsre Tische

liefern müssen.

Es scheinet recht, ob triebe sie, aus ihrem Sitz, so tief ins

Land,

Zum Nutzen und zur Lust der Menschen, ein’ unsichtbare

Wunder-Hand.

Wodurch, die weit vom Meere wohnen, auch an desselben

süssen Schätzen

Nicht minder einen Antheil haben, sich nähren und daran

ergetzen.

Noch mehr! die eines zarten, süssen, gesunden Fleisches find,

empfinden

Allein den Trieb, sich uns zu nähren; da andre in des Meeres

Gründen,

Und weit von uns entfernet, bleiben. Jmgleichen, daß die,

so uns nähren,

In solcher ungezählten Zahl, die andern sich nur sparsam,

mehren.

Da Wallfisch, Wallroß und dergleichen nur eins und höch-

stens zwey gebähren,

Wenn jene Millionen zeugen. Jmgleichen, daß verschiedene

Beständig bey uns seyn und bleiben, da uns die andern aus

der See

Zu einer richt’gen Zeit besuchen, mit ungezählten Schaaren

kommen.

Kommt nicht von Hering und von Stockfisch ein nicht zu

zählend Heer geschwommen,

Und liefert sich in unsre Netze. Da denn, ob mans gleich nicht

bedenkt,

Zum neuen Wunder uns das Salz, sie zu erhalten, ist

geschenkt.

Nun ist, bey diesen Wasser-Bürgern, so Mord, als Rauben,

unverwehret,

Sie fressen, sie verschlingen sich, daß es ein grosses Wunder

scheint,

Und zwar, wenn man es recht erwegt, ein grösser Wunder,

als man meynt,

Daß, da das Fisch-Heer so gefreßig, es sich einander nicht

verzehret.

Allein,

Fruchtbarkeit

Der Fische, die fast unerschöpflich und unbegreiflich ist,

gesetzet,

Daß man fast, wie den Sand am Meer, den Rogen für

unzählig schätzet.

Dieß zu erweisen, hat man eins von einem Fisch, zu einer

Zeit,

Desselben Eyerchen gezählt, und über die neun Millionen,

Drey hundert vier und vierzig tausend, bey ihm gefunden

und gesehn.

Hieraus kann man der Fische Menge, die in dem Schooß

des Meeres wohnen,

Samt ihrer Unerschöpflichkeit, zum theil begreifen und

verstehn,

Und daß man nicht zu fürchten habe, ob mögten Arten

untergehn,

Weil Gott dafür gesorget hat. Es hat vielmehr der Rau-

bereyen

Und der Gefreßigkeit der Fische der Mensch besonders sich zu

freuen,

Indem sie uns zu Nutzen kommt.

Der Hering, nebst viel andern Fischen, da, zu gewisser Zeit,

im Norden,

Sich, um den räuberischen Horden

Der Fische, die sich dort versammlet, um sie zu fressen, zu

entfliehn,

Der Hering’ ungezählte Zahl sich denn nach unsern Küsten

ziehn;

Daß wir daher gestehen müssen, wenn wir die Wahrheit

wollen sagen,

Daß viele Fische dazu dienen, die Fisch’ in unser Netz zu jagen.

Zudem gereicht die Fruchtbarkeit der Fisch’ und ihres Rogens

Menge,

(für die, wenn sie vollkommen würden, das Wasser selber

fast zu enge,

Indem es sie kaum faßte, wäre) dazu, daß sich die Fische

nähren,

Da sie derselben Ueberfluß, zum Wachsthum, und zur Lust,

verzehren.

“wie? spricht allhier vielleicht ein frecher und unver-

nünftger Atheist,

„der alles sonder Ueberlegung, und nach den Sinnen bloß,

ermißt.

„wie? muß nicht dieser Ueberfluß, ohn’ Widerspruch, euch

überführen,

„daß, so wie alles auf der Welt, auch dieß von ungefehr

geschehe?

„da ja ein weises Wesen weder, daß etwas, so zu viel,

entstehe,

„als, was zu wenig, wirken wird. Dieß läßt uns über-

zeuglich spüren,

„daß weder Ordnung oder Weisheit, in diesem Ueberfluß,

zu sehn,

„und daß, ohn’ allen Witz und Absicht, die Dinge, die

geschehn, geschehn.

„da von viel tausend Eyerchen kein einziges vollkommen

wird;

„hat Der denn, so die andern macht, in Seiner Absicht nicht

geirrt?

„ich kann von eurem Aberglauben der All-Bewundrung

nichts begreifen,

„und fühl’ ich mich, in meiner Meynung, durch die vergebne

Mühe steifen.

Wahrhaftig, es ist sehr betrübt, daß Menschen, so verstockt

zu sprechen,

So blind und so unüberlegt was anzusehn, sich nicht ent-

brechen;

Da ja die tägliche Erfahrung uns zeigt und überzeuglich

lehrt,

Wie noht und nütz der Ueberfluß, und wie Der zu bewundern

wehrt,

Der, da der Ueberfluß uns nöhtig, uns auch den Ueberfluß

beschehrt.

Beschwehren wir uns wohl darüber, wenn unsre Hühner

öfters pflegen,

Für uns, in einem einzgen Jahr, drey hundert Eyer fast zu

legen,

Wovon kein einzigs ausgebrütet, und alle sonst verzehret

werden,

Daß ihre Fruchtbarkeit zu stark? Kann man nicht augen-

scheinlich sehn,

Daß, durch den mächtigen Regierer und Schöpfer Himmels

und der Erden,

Der unerschöpften Fruchtbarkeit gehäufte Wirkungen

geschehn,

Damit nicht nur die Arten bleiben; nein, daß ihr grosser

Ueberfluß,

Nicht nur den Thieren, auch den Menschen, zum nütz- und

lieblichem Genuß,

Gereichen und sich mehren sollte. Wir sehen denn auch hier

die Spur,

Und zwar mit einer frohen Ehrfurcht, daß in den Werken

der Natur

Zu wenig nichts, auch nicht zu viel, verhanden sey. Wenn

wir dieß sehn,

So laßt uns unsers Schöpfers Weisheit, die unergründlich

ist, verstehn,

Und Jhn, in froher Ehrfurcht, suchen, mit Dank und Loben,

zu erhöhn!

Nun laßt uns bey den Fischen ferner doch noch ein Wun-

der überlegen,

Und, was doch wohl die Ursach sey, daß mit so ungezähltem

Heer

Die Fische, zu gewisser Zeit, in Flüß’ und Ströhm’, aus

tiefem Meer,

Wodurch sie uns zur Speise werden, so emsig sich erhöhn,

erwegen!

Die Absicht scheinet uns zum Besten. Die Mittel, welche

die Natur

Zu diesem grossen Zweck gebraucht, und meistens uns zum

Besten nur,

Sind ja so weis’ als ungekünstelt. Die Wasser-Würmer,

die in Flüssen

In ungezählter Menge wachsen, sind aller Fische Lecker-

Bissen,

Und eben diese sind die

Gründen,

Durch einen eingesenkten Trieb, gewiß sich bey uns ein-

zufinden,

Und uns, mit so viel Lust zu speisen, hervor zu locken, dienen

müssen.

Es sehe denn aus dieser Handlung, nebst andern Wun-

dern, jedermann

Den sonst ganz unbekannten Nutzen des schlechtsten Ungezie-

fers an,

Und denk’ an Dessen Lieb’ und Weisheit, Der solche Wunder

wirken kann

Durch so gering’ und schlechte Werkzeug’, die wir nicht anders

angesehn,

Als wären sie mehr schäd- als nützlich, als wenn sie ungefehr

entstehn;

Da sie jedoch nicht minder künstlich, nicht minder GOttes

Lob erhöhn.

Endlich ist der schnellen Fische wunderwürdige Figur,

Jhres Cörpers Wunder-Bau, ihre Art, sich zu bewegen,

Wie sie, sonder Händ’ und Füsse, sich, fast unbegreiflich,

regen,

Ohne Flügel, dennoch fliegen, als ein Wunder der Natur

Abermahl wohl zu betrachten, und vor vielen andern wehrt,

Daß man Den, Der es geordnet, voller frohen Ehrfurcht,

ehrt.

Wann der Kopf, fast aller Fische, sich von vorn allmählig

spitzet,

Findet sich, daß dieses ihnen, durch die Fluht zu dringen,

nützet,

Und der Schwanz, der durch die Muskeln sich auf alle

Weise krümmt,

Ist, den Fisch schnell fortzubringen, recht Verwunderns-

wehrt, bestimmt.

Er ist stark, und wendet sich schnell von der zu jener Seiten,

Wenn er sich gerade richtet, stösset er die hintre Fluht,

Und durch der Bewegung Kraft kann der Fisch schnell vor

sich gleiten,

Weit geschwinder, als ein Boot durch den langen Riemen

thut,

Den man hinten stark bewegt. Wozu denn noch ferner ihnen

Die am Bauch gewachsene Floß- und Wasser-Federn

dienen,

Da sie nemlich durch dieselben ebenfalls die Fluht zurück,

Und sich dadurch vorwerts bringen, auch in einem Augen-

blick,

Wenn sie sich nicht rühren, ruhn, ferner durch ihr wechselnd

Regen

Sich auf beyden Seiten lenken und unglaublich schnell

bewegen;

Ja, noch mehr durch dieses Werkzeug ihren Leib im Gleich-

Gewicht,

Und den Rücken oben halten, welcher sonst, als viel zu

schwehr,

Bey dem leichtern Bauch vermuhtlich unterwerts gekehret

wär,

Wie wir es bey todten Fischen, daß sie nicht mehr aufgericht,

Sondern auf dem Rücken treiben, öfters augenscheinlich

sehn.

Ja, so noch ein neues Wunder! Durch dieß Werkzeug können

sie,

Seiten- vor- und hinterwerts, sehr geschwind und sonder

Müh,

Sich bewegen, sich regieren, und auf allen Seiten drehen.

Aber, wie geschicht es doch, daß die Fische sich erhöhen,

Auch, so bald sie nur verlangen, sich schnell abwerts senken

können?

Hiezu hat der Schöpfer ihnen solch ein Werkzeug wollen

gönnen,

Welches recht Bewunderns-wehrt: Jeder hat in seinem

Bauch

Eine Flasche voller Luft, einen sonderbaren Schlauch,

Welchen man die Blase nennet; diese dient, den Fisch zu

heben,

Wenn sie sich vonsammen treibt, weil mehr Luft den Cörper

dehnet,

Und ihn doch nicht schwerer macht; welches ihm die Wege

bähnet,

Durch des Wassers Seul’ und Theile, die ihn tragen und

umgeben,

Wenn sich selbige vergrössern und vermehren, mehr zu

schweben;

Weil, wenn das Gewicht des Wassers sich vermehrt, es mehr

Gewicht,

Als es erst getragen, trägt. Wenn er nun die Blase

preßt,

Und die Luft, indem er drückt, durch die Kefen von sich

läßt,

Wird sein Umfang etwas kleiner, und kann soviel Wasser

nicht,

Als er erst beschlug, beschlagen, dadurch eben sinkt er

nieder,

Weil er schwerer, als das Wasser. Wie er aber Luft kann

fassen,

Und auf welche Weis’ und Art er die Luft im Wasser

wieder,

Die der Luft sonst widersteht, dennoch könne von sich

lassen,

Scheint von neuem unbegreiflich. Aber, wer das Werkzeug

sieht,

Wodurch von ihm diese Handlung, wenn der Fisch es

braucht, geschieht,

Muß mit Recht aufs neu erstaunen. Was wir bey uns

Kefen nennen,

Giebt ein kaum begreiflich Werk die Natur uns zu

erkennen:

Das Gewebe, die Gestalt, Farb’ und Stoff sind wahrlich

wehrt,

Daß man in so vieler Theile nöht- und künstlichen Verbin-

dung,

In so ungemeinen Werkzeugs unbegreiflicher Erfin-

dung,

Eine Weisheit, ohne Grenzen, merkt, bewundert und ver-

ehrt.

Dieses ist, mit solcher Kunst, in einander eingeschrän-

ket,

Daß dadurch sich gar kein Wasser, und nur bloß die Luft,

sich senket.

Welches Werk denn seinen Meister, auf besondre Weise,

preiset,

Und zugleich Macht, Lieb’ und Weisheit Deß, Der es erfun-

den, weiset.