Von des Todes Gewißheit, und der Tugend Unsterblichkeit.

By Johann Jacob Bodmer

Man findet nichts vollkommen in der Welt,

Wir Menschen sind mit Sorgen, Pein und Plagen

All Ort und Zeit, in Städten, auf dem Feld,

Vom Himmel, Lufft, Meer, und uns selbst geschlagen:

Ja auch der Götter Macht

Hat ihr Wohnung vollkommen

Und selig nicht gemacht.

Wer hat nicht wahrgenommen,

Wie Sonn und Mond gemein

Verfinstern ihren Schein?

Und wie des Himmels Zeichen

Offt mangelhafft verbleichen?

Mit wie viel Angst, Gefahren, Müh und Noth

Sind ohn Ablaß wir Menschen umgegeben?

Diese mit List man übergibt dem Tod,

Jener hertzhafft verkrieget selbst sein Leben.

Dieser aus viel Verdruß

Und Trauren will verderben,

Jener erbärmlich muß

In der Gefängniß sterben.

Etlich dürstig nach Gut

Fliehen vor der Armuth,

Und ihren Geitz versincken,

Wann sie im Meer ertrincken.

Diese mit Wasser, Gifft, Schwerdt oder Strick

Selbst über sich ein schrecklich Urtheil sprechen,

Und rettend sich von zu schwerem Unglück

Zweiffeln sie nicht sich wider sich zu rächen.

Jene kommen mit Zwang

In dieses Lebens Leiden,

Finden gleich den Ausgang,

Und andre Müh vermeiden,

Oder sich in ihr Grab,

Eh sie einige Gab

Des Tags selig geniessen,

In Mutter-Leib beschliessen.

Der Tod gewiß klopffet mit einem Bein

An grosser Herrn Wolcken-tragende Schlösser,

Und armer Leut liegende Hüttelein,

Und ist für beyd weder böser noch besser.

Den Leib ein Tod allein

Mit unheilbaren Plagen,

Unentfliehlicher Pein,

Und undienstlichen Klagen,

Aengstiget Tag und Nacht,

Und die Seel wird gebracht

Vor Minos, der kein Flehen

Mehr pfleget anzusehen.

Der Weg ist breit in das finstere Hauß,

Offen die Thür, daß man hinein stets gehet,

Aber wiedrum zu entrinnen daraus,

Hierauf das Werck, hierauf die Müh bestehet.

Der Tugend Weg ist schmahl,

Mit Dornen wohl verschlossen,

Gering ist die Anzahl,

Deren die unverdrossen

Und durch der Götter Gunst,

Und der Tugend Einbrunst,

Von dem Pöffel entzogen

Zu dem Gestirn geflogen.

Der, deß Hertz mit Tugend gewaffnet ist,

Gleich wie, Potzheim, dein edles Hertz zu sehen,

Der kan des Glücks Zorn, Wanckelmuth, und List

Vest, wie ein Fels, unzaghafft widerstehen:

Er ist allzeit forchtloß,

Vor dem Strahl unverblichen,

Weißheit macht sein Hertz groß,

Stets siegreich, unvergliechen,

Er, der für seinen Lohn

Sucht der Seligkeit Cron,

Und sich selbst überlebet.