Vor der Predigt

By Johann Christoph Gottsched

Written 1733-01-01 - 1733-01-01

Ja, Herr, so pflegst du es zu machen,

Verbirgest du dein Angesicht:

So fängt der Erdkreis an zu zittern,

Wie Felsen in den Ungewittern,

Davon des Himmels Feste bricht,

Bis in den Abgrund krachen.

Doch kläret sich dein Antlitz aus:

So sieht man alles lachen.

Sanfte Vaterblicke!

Euer Sonnenschein

Ist der Frommen Glücke,

Kann das Herz erfreun.

Aechzen, Klagen, Weinen

Werden lauter Lust,

Läßt der Höchste unsrer Brust

Nur sein Gnadenantlitz scheinen.

Zwar muß ich erstlich hier

Des süßen Anblicks wegen,

Und für des Himmels Kronenzier,

Das grobe Kleid der Sünden niederlegen.

Ich weis, daß dieses Fleisch und Blut

Gemeiniglich sehr wehe thut.

Allein getrost!

Es muß einmal gestorben seyn,

Und unser Grab schließt uns nicht ewig ein.

Nein, der Tod wird selbst erstaunen,

Wenn die Stimme der Posaunen

Aus der Gruft

Alle Todten wieder rufft.

Ihren Leib wird Gott verklären,

Und kein Moder, Graus und Duft

Soll ihn ewiglich verzehren.

So geht, und sterbt mit Freuden,

Ihr matten Glieder! legt euch sicher hin.

Auch der Verlust ist ein Gewinn;

Denn Gottes Lamm wird euch viel schöner kleiden,

Und dort vor seinem Stule weyden.