Vor-Jahrs-Lied. – Veris tempore regnat Amor

By Simon Dach

Written 1632-01-01 - 1632-01-01

Wir sehn setzt sich erfrewen

Der Erden gantzes Hauß,

Die schöne Lust des Meyen

Lockt Dorff vnd Stadt hinauß.

Mein Hertz beginnt zu wallen,

Wenn sich das Lufft-Volck schwingt,

Vnd lesst ein Lied erschallen,

Daß Berg vnd Thal erklingt.

Die Heerden gehn sich weiden,

Ihr träger Hirten-Mann

Hebt hoch auff grüner Heyden

Ein freyes Wald-Lied an,

Sieht wie in grossem Hauffen

Dort vmb der Flüsse Rand

Die Heerden sich belauffen,

Vnd wünscht jhm gleichen Standt,

In dem daselbst von weiten

Ein klares Bächlein quillt,

Das sich von beyden Seiten

In Graß vnd Laub gehüllt.

Der Schertz herrscht aller massen,

Die Lust bezwingt das Leid,

Die Welt ist außgelassen

Mit Lieb vnd Freundlicheit.

Auff! Venus, die ich singe,

Füg mir auch jetzund bey.

Die willig in mich dringe

Vnd meine Liebste sey!

Ich habe gnug gepriesen

Zwar dich vnd deinen Sohn,

Mich dienstlich gnug erwiesen,

Dieß aber ist mein Lohn:

Daß ich ohn Maaß vnd Ende

Muß derer müssig gehn,

Die mir das Hertz verpfände,

Mir trewlich beyzustehn.

Was fleugt, was kreucht, was schwimmet,

Schmeckt jetzt der Vorjahrs-Kost,

Ist Liebe-voll vnd glimmet;

Nur ich klag' über Frost.

Ist denn in mir kein Leben

Zu deiner Frewden Schein,

Daß ich so gut nicht eben

Als Heerd vnd Laub kan seyn?