[Warum zwitschert ihr mich]

By Paul Heyse

Written 1872-01-01 - 1872-01-01

Warum zwitschert ihr mich

Um meinen Morgenschlaf

Mit scharfem Weckruf,

Grausame Vögel!

Ach, ihr scheuchet

Mir von der Seite

Den einz'gen Freund und Erbarmer,

Der bei mir aushielt,

Da vom Haupte

Des Götterverfemten

Entsetzt hinwegflohn

Alle guten Geister.

Wie qualvoll lang

Im purpurnen Abgrund der Nacht,

Zu dem hinunter

Kein Strahl des Friedens tauchte,

Lag ich mit fieberbangen Sinnen,

Aus furchtbarn Träumen

Zurückgeschreckt

Ins schreckenvollere

Wache Bewußtsein

Meines Unglücks,

Bis endlich nachgab

Der leidermattete Leib

Und ein Tropfe Vergessen

Auf die lechzende Seele taute.

Den mißgönnet ihr mir,

Schadenfrohe Vögel!

Ach, vorzeiten

Meintet ihr's gut,

Wenn ihr den schlummerberauschten

Knaben und Mann

Hinaus in die lodernde

Pracht des Morgens riefet.

Da war Welt und Leben

Des Wachens wert.

Jetzt ist der dichteste Schleier,

Den Träume weben,

Nur wie ein Spinnweb,

Gelegt auf frische Wunde:

Nur leicht das Blut

Zu hemmen vermag's;

Doch voll durchtränkt

Mit dem quellenden Naß,

Wird das Gespinst

Wieder hinweggespült,

Und heißer rieselt die Welle

Am grauen Morgen.

Daß ein Morgen käme,

Der sie stocken machte,

Müßte mit ihr auch

Mein Leben stocken –

Denn, all ihr Götter,

Übermenschlich

Ist diese Pein!