Was bleibet und was schwindet.
Es rinnt der Sand der Stunden;
Es rauscht der Jahre Flügel.
Der Zukunft heilge Siegel
Bricht jeder Augenblick.
Wie Schlossen Schlossen jagen,
Wie Fluthen Fluthen schlagen,
So rollt der Strom der Zeiten;
Kein Gott ruft ihn zurück.
Es kreisst der Zeiten Strudel,
Und reisst des Menschen Freuden
Und seine tausend Leiden
In seinen Schlund hinab.
Hast du verjauchzt Secunden?
Hast du verjammert Stunden? —
Dein Jauchzen und dein Jammern
Verschliesst das stumme Grab.
Die Ros' erblüht am Morgen.
Wie strömen ihre Düfte!
Ihr Hauch durchwürzt die Lüfte;
Am Abend welkt sie hin.
Es lockt im Mayenschatten
Die Nachtigal den Gatten.
Der May entflieht, und traurig
Erstummt die Sängerin.
Hoch klingt des Dichters Harfe;
Sie schmelzt die rohe Jugend,
Entflammt zu hoher Tugend,
Und stärkt zu Edelthat.
Der Wandrer kommt im Lenzen,
Sein grünend Grab zu kränzen —
Umsonst! denn niemand kennet
Des Edeln Ruhestatt.
Von Durst nach Ruhm und Liebe,
Vom Wein der Lebensfreuden,
Vom Heldenmuth zu leiden —
Wie flammt des Jünglings Blick!
Vom Morgen saust ein Lüftchen,
Vom Mittag weht ein Düftchen,
Umhaucht den Starken — Plötzlich
Erlischt sein Flammenblick!
In ihrer Myrtenkrone,
In lilienweisser Seide,
In bräutlichem Geschmeide,
Wem blüht die junge Braut?
Es flammt die Mittagsschwüle,
Es weht die Abendkühle —
Und in die kalten Arme
Nimmt Tod die holde Braut.
Die Zeder trozt den Stürmen;
Es trotzt der Fels den Wogen.
Es fährt am Himmelsbegen
Die Sonn' in stolzer Pracht.
Die hohe Zeder splittert;
Der stolze Fels verwittert.
Einst sinkst du, goldne Sonne,
Und kehrst nicht aus der Nacht.
Mit diamantnem Griffel
Ward es in Erz geschrieben:
„was Staub ist, soll zerstieben;
„was athmet, soll verwehn;
„die vollste Kraft ermatten;
„der lichte Tag in Schatten,
„die Schönheit und die Jugend
„in Moder übergehn!“
Welkt, Lorbeern meines Hauptes!
Bekränzt mich, Weid' und Wermuth!
Die Seele wölke Schwermuth,
Das Auge Thränenfluth!
Verblühn wird Idens Blüthe;
Dein Blick voll reiner Güte,
Ellwina, wird ermatten,
Erlöschen meine Gluth!
Klagt, Saiten, ächzt, ihr Weiden —
Doch nein, erjauchzt in Psalmen!
Rauscht, Edens ewge Palmen!
Mag seyn, dass Staub zerstiebe!
Eins, weiss ich, kann nicht sterben;
Eins trotzet dem Verderben,
Eins spottet der Verwesung —
Ein Geist, der Tugend liebt!
Ein Geist voll reiner Tugend,
Voll Einfalt und voll Liebe,
Bezwungen nie vom Triebe,
Bleibt ewig jung und schön;
Ist Hauch des Mundes Gottes,
Ist Blirz der Flamme Gottes,
Ist Abglanz seines Lichtes,
Kann ewig nicht vergehn.
Er stammt nicht von hienieden;
Er wird nicht dir zum Raube,
Verwesung, gleich dem Staube,
Dran ihn sein Schöpfer band.
Er sieht den Staub verfliegen,
Den Sturmwind um ihn kriegen,
Erhebt sich, mächtig, schwingt sich
Hoch in sein Vaterland.
Sein Vaterland ist droben.
Dort leuchten andre Sonnen;
Dort quillt ein Born von Wonnen,
Die keine Reue trübt.
In unbewölkter Klarheit
Glänzt dort der Stern der Wahrheit,
Der Schönheit Cynosura,
Dem Geist, der sie geliebt.
Dort werd' ich, meine Ida,
Dafern du Tugend liebtest
Und schöne Thaten übtest,
Dich schimmernd wiedersehn,
In lilienweisser Seide,
In bräutlichem Geschmeide,
In Myrten, welche duftig
Dein goldnes Haar durchwehn!
Da werd' ich wonnetrunken,
Im Amaranthenkranze,
In hochzeitlichem Glanze,
Ellwinen wiedersehn,
Fest an mein Herz sie schliessen,
Sie Braut und Schwester grüssen,
Und zwischen ihr und Iden
Durch Edens Auen gehn.
Wer sagt mir an: Wo wandelt,
In welchen Blumenfeldern,
In welchen Lorbeerwäldern
Der Dichter selge Schhaar?
Wo klingen Assafs Psalmen?
Wo rauschen Miltons Palmen?
Wo kränzet Cona's Sänger
Sein silberweisses Haar?
Es führt der Götter einer
Auf raschem Zephyrflügel
Mich über Thal und Hügel:
„hier wallt die selge Schaar.
„hier klingen Miltons Psalmen;
„dort rauschen Klopstocks Palmen;
„dort kränzt dem Sänger Cona's
„homer das graue Haar!“
Der edlen Sänger einer
Entschwebt des Haynes Nächten,
Führt mit der Strahlenrechten
Mich zu der hellen Schaar.
Mit trautem Brudergrusse,
Mit heilgem Weihekusse
Empfahn sie mich, und kränzen
Des Blöden strömend Haar.
„nimm hin! Nimm hin die Harfe!“
„vernimm der Flamme Prasseln,
„des Sonnenwagens Rasseln,
„der Wieh'rer Adlerschwung.
„nimm hin, nimm hin die Harfe!“ —
Wie bebt, wie tönt die Harfe.
Es braust von ihren Saiten,
Wie Orionenschwung.
Nun strömt des Hymnus Fülle
Vom Lorbeerhügel nieder.
Der Felshang tönt sie wieder;
Es tönet: „Staub zerstiebet.
„doch ewig unvergänglich,
„doch selig überschwänglich
„bleibst du, o Gottgeliebter,
„o Geist, der Tugend liebt!