Was ich liebe

By Felix Dörmann

Written 1857-01-01 - 1857-01-01

Ich liebe die hektischen, schlanken

Narzissen mit blutrothem Mund;

Ich liebe die Qualengedanken,

Die Herzen zerstochen und wund;

Ich liebe die Fahlen und Bleichen,

Die Frauen mit müdem Gesicht,

Aus welchen in flammenden Zeichen,

Verzehrende Sinnenglut spricht;

Ich liebe die schillernden Schlangen,

So schmiegsam und biegsam und kühl:

Ich liebe die klagenden, bangen,

Die Lieder von Todesgefühl;

Ich liebe die herzlosen, grünen

Smaragde vor jedem Gestein;

Ich liebe die gelblichen Dünen

Im bläulichen Mondenschein;

Ich liebe die glutendurchtränkten,

Die Düfte, berauschend und schwer;

Die Wolken, die blitzedurchsengten,

Das graue wuthschäumende Meer;

Ich liebe, was niemand erlesen,

Was keinem zu lieben gelang:

Mein eigenes, urinnerstes Wesen

Und alles, was seltsam und krank.