[Was ist der süsse Safft der schwancken Reben]

By Hans Aßmann von Abschatz

Written 1672-01-01 - 1672-01-01

Was ist der süsse Safft der schwancken Reben

Liäus starcker Tranck der theure Wein?

Wo ein Poet hiervon soll Zeugnis geben

Muß er die beste Kost der Musen seyn.

Diß ist die klare Bach auff Pindus Spitzen

Woraus die nasse Schaar der Sänger trinckt;

Auff diesem Pegasus muß feste sitzen

Wer von der Erde sich zum Sternen schwingt.

Mit dieser Tinte muß die Feder schreiben

Was vor der klugen Welt bestehen soll.

Was sonst würd' ungethan beym Wasser bleiben

Giebt sich hernach beym Trunck und Weine wohl.

Ein Gärtner muß zuvor das Land begüssen

Eh die gewünschte Frucht sein Aug ergözt:

Dem Dichter werden nicht die Reime flüssen

Eh er den dürren Mund mit Weine nezt.

Der scharffe Wein erhizt Verstand und Sinnen

Nicht minder als den Leib und und das Gesicht

Und lehrt sein treues Volck ein Werck beginnen

Das weder Neid noch Zeit noch Tod zubricht.

Nicht minder kan ein Krantz von grünen Reben

Den Berezinthius zum Lohne schenckt

Den Preiß der Ewigkeit Poeten geben

Als wenn ein Lorber-Zweig ihr Haar umschränckt.

So ohne Zweiffel wird ein Dichter sagen

Der Päans Liberey in Wangen trägt:

Izt will man um Bescheid und Urtheil fragen

Die Schaar die nasses Glach zu lieben pflegt.

So wird man vor gewiß zur Nachricht hören

Wer Freud und Freunde sucht wer Höfe liebt

Wer sich erheben will zu Gunst und Ehren

Muß seyn in Bachus Schul und Zucht geübt.

Ist iemand welchen Sorg und Kummer drücken

Den um das Hertze Furcht und Trauren nagt

Er darff den Podalir nicht erst beschicken

Den sonst die krancke Stadt zu Rathe fragt.

Es wohnt ein besser Arzt beyn Sieben Kannen

Lenäus heisset er und Dionys

Des Traurens schnöden Wust hinweg zu bannen

Ohn Purgantz und Clystir ist er gewiß.

Ich wolte fast aus ihm Galenum machen

Er theilet ziemlich starck die Doses ein

Doch einen Paracels in seinen Sachen

Läst ihn der zarte Geist des Weines seyn.

Sein Artzney reitzet an zum heißen Schwitzen

Greifft an den warmen Kopff der Sinnen Haus

Macht manchen Punct um Nas' und Stirne sitzen

Führt unter sich so wohl als oben aus.

Laß nun die stoltze Schaar berauchter Weisen

Das Wunder ihrer Kunst den göldnen Tranck

Als ein durchgehend Stück und Mittel preisen:

Dem Weine wissen wir nicht mindern Danck.

Kein Nisen-Pulver darff nicht in sich ziehen

Wer sein durchgrilltes Blutt will haben rein:

Wo Schmertz und Hertzeleyd soll von ihm fliehen

Brauch er das Sechstheil nur vom Eymer Wein.

Diß wird ihm so viel Freud und Lust erwecken

Als sein benezter Geist kaum fassen kan.

Will man die weite Zahl der Freund erstrecken

So führt uns dieser Trunck am besten an.

Vertrauligkeit der Welt und Brüderschafften

Sezt der gebrauchte Wein bey Freunden ein.

Gleich wie beysammen Reb und Ulmen hafften

Und ungefärbter Lieb ein Bildnis seyn.

So muß zwey Hertzen auch ein Glaß verbinden

Ein Glaß gegebner Treu und Liebe Pfand

Die sich nicht eher soll getrennet finden

Biß ihren Leib bedeckt der kühle Sand.

Ein volles Glaß erwirbt uns tausend Knechte

Wenn uns sonst einer kaum zum Dienst erscheint

Ein volles Glaß bringt Streit und Zorn zurechte

Ein Glaß verbindt den Freund versöhnt den Feind.

Will unser Vorwitz das was heimlich wissen

Er darff hierzu kein Sicht- noch Spiegel-Glaß

Darff keinen Hammon nicht darum begrüssen

Ein Glaß mit Wein gefüllt thut eben das.

Er darff kein kluges Weib von Cuma fragen

Er wird vom Serapis umsonst gehört.

Der Dreyfuß kan vielmehr die Warheit sagen

Als den die blinde Welt zu Delphis ehrt.

Will man gewissen Grund der Sach erfahren

Man darff der Folter-Banck des Däumelns nicht;

Ein harter Sinn wird doch nichts offenbaren

Es wird offt mehr durch Glimpff und Wein verricht.

Kein schlauer Hannibal darff Eßig güssen

Damit er einen Weg durch Felsen macht:

Im Fali man lässet Wein die Fülle flüssen

Wird gleiches Wunderwerck zuwege bracht.

Der feste Diarnant läst sich gewinnen

So bald ihn überschwemmt der Böcke Blutt:

Ists nicht das Trauben-Blutt das unsern Sinnen

Wie steinern sie auch seyn dergleichen thut?

Will man 'die Zier der Sprach und Red erheben

Darff kein Quintilian zur Stelle seyn

Kein Tullius Gesetz und Lehren geben;

Die beste Redner-Kunst ist ein Glaß Wein.

Wer bey Gesellschafft vor als stumm gesessen

Kaum Sylb auff Sylb und Wort auff Wort gefügt

Und gleichsam hinter sich das Maul vergessen

So bald er was in Hirn und Stirne krigt

Kan er die Worte wohl und füglich setzen

Die Zunge die zuvor voll Stammlens war

Weiß vor den Leuten sich nicht satt zu schwätzen

Stellt ihre gantze Kunst und Weißheit dar.

Will man beherzte Leut und Helden schauen

Damit der Officier die Rolle füllt

Die ihnen vor Gefahr nicht lassen grauen

Wenns Mann vor Mann wenns Schlacht und Stürmens gilt

Es müssen sonst Trompet und Paucken klingen

Man bläst Allarm und wird das Spiel gerührt

Man sieht den Mahomet sein Maßlah schlingen

Sein Maßlah das ihm Krafft und Mutt gebiert.

Der Wein hilfft mehr denn diß im Streit und Kriege.

Daß Bachus gleich so viel als Mars gethan

Zeigt Indien die Werckstatt seiner Siege

Zeigt Deutsch- und Niederland durch Beyspiel an.

Ein Elephante wird mit Safft besprützet

Der von der Tißbe Baum ist ausgeprest

Wenn dieser Elixir den Mann erhitzet

Den uns der Rebenstock genüssen läst

Da brennet die Begier zur Rach im Hertzen

Da wird dem Hahne Kamm und Schnabel roth

Da weiß der kühne Leib von keinen Schmertzen

Da gehet man getrost in Noth und Tod.

Will sich iemand bey Höff- und Herren finden

Das Meisterstücke muß seyn abgelegt:

Ein Becher Ellen hoch muß vor ergründen

Was er in seiner Brust verborgen trägt.

Es mag der Jupiter geträncket werden

Mit Nectar das noch du noch ich gekost;

Was Fürst- und Göttlich ist bey uns auff Erden

Sieht hört und trincket ihm am Weine Lust.

Der Wein macht klug erfreut und wohl beliebet

Was wahr was heimlich bringt der Wein hervor

Wein ists der Mutt zu Red und Fechten giebet

Das Wasser sinckt der Wein hebt sich empor.

So wird des Weines Ruhm und Lob erhöhen

Wer seine Seel an Krug und Becher hengt.

Will man zur ernsten Schaar der Weisen gehen

Die Nutzen Ehr und Lust zugleich bedenckt

So wird das Widerspiel durchaus erschallen.

Ein rauher Seneca ein Arrian

Läst ihm vor Malvasier und Sect gefallen

Was er aus seiner Bach genüssen kan.

Des Weines Uberfluß schwächt sein Gemütte

Druckt zu der Erde den erhobnen Geist.

Die noch von gestern her beschwerte Hütte

Ists die die Seele mit zu Boden reist.

Ein Sitten-Lehrer wird dich so bescheiden:

Ein Gläßgen über Durst ist schon zu viel.

Das süsse Gifft den Wein muß fleißig meiden

Wer ihm das höchste Gutt erwerben will.

Ein Redner nennt den Wein die Pest der Sinnen

Und widerlegt was der Poet erhebt.

Wie wolte der den Mund gebrauchen künnen

Dem Zunge Witz und Hertz am Glase klebt?

Der kühle Wasserstrohm von Hippocrenen

Der zu der Poesie soll geben Krafft

Im Fall man Glauben giebt den Phöbus-Söhnen

Führt mit sich weder Korn- noch Reben-Safft

Es sind die Musen nicht es sind Menaden

Die wo das freche Volck der Thracer haust

Zu Bachus Ehren sich mit Wein beladen

Daß einem sie zu sehn und hören graust.

Die also gar entfernt von den Poeten

Von aller Freundligkeit entäussert seyn

Daß sie den Orpheus selbst im Grimm ertödten

Dem zu Gebote steht Wild Wald und Stein.

Wer diesem Pegasus sich will vertrauen

Und fliegen von der Erd ins Sternen-Feld

Wird sich in kurtzer Zeit ein Bildnis schauen

Des kühnen Icarus ein Spiel der Welt.

Wer dieser Dinte sich bedient im Schreiben

Tunckt nicht im Sinn verderbt Papier und Zeit

Will nicht von eigner Krafft ein Kraut bekleiben

Begüssen dienet schlecht zur Fruchtbarkeit.

Das Wasser macht den Acker hart und strenge

Den ohne diß der Sonnen Hitze sengt.

Was anders richtet aus der Gläser Menge

Als daß sich Geist und Leib zu Boden hengt?

Was manchen vor der Zeit geschickt zur Erden

Wie will es vor den Tod ein Mittel seyn?

Wie manchem muß ein Todten-Eppig werden

Der Rebeu-Krantz ein Sarg der Eymer Wein.

Die Grillen werden nicht vom Wein erstecket

Die angefeuchte Glutt giebt stärckern Rauch.

Geringe Freundschafft wird beym Suff erwecket

Zubricht das schwache Glaß so bricht sie auch.

Wer sich getreuen Knecht und Diener nennet

Winckt öffters bald dem Herren mit der Hand

Wer voller weise dich vor Freund erkennet

Dem bistu wohl zum Morgen unbekandt.

Ein Trunck auff Hofe-Recht kan nicht verjagen

Die Feindschafft deren Grund im Hertzen wohnt.

Ein volles Maul wird im Vertrauen sagen

Was nüchtern Strang und Schwerdt mit Angst belohnt.

Durch Wein erkauffter Mutt macht schlechte Helden

Fällt wenn der dichte Rausch vorbey in Koth.

Wer sich wohl nüchtern darff bey Hofe melden

Wird truncken abgeweist mit Schimpff und Spott.

So wird ein Reben-Feind den Wein verachten.

Wem sollen wir nun Glauben messen bey?

Wenn ich den Grund der Warheit will betrachten

Däucht mich daß der und jener unrecht sey.

Es schuff ja selber Gott die edlen Reben

Und Roah must ihr erster Gärtner seyn

Der rechte Brauch ist drum nicht auffzuheben

Ob gleich ein Mißbrauch ist geschlichen ein.

Ich weiß ihr Brüder werdt mir Beyfall geben

Und diesen Tag nicht ohne Wein begehn

Nun wohl euch schmecke gutt das Naß der Reben

So lang eur Nahme wird im Zeit-Buch stehn.

Legt euch den Tag mit einem Räuschgen nieder

Und stehet in Gesundheit wieder auff

Ein reiches Weib bringt künfftig alles wieder

Und gienge gleich ein halbes Dörffgen drauff.