Was Leben heisse?
Nicht alle leben auf der Erden,
Die in die Welt gebohren werden,
Die auf derselben Schauplaz stehn,
Und wiederum von hinnen gehn.
Der Ausspruch, wird wol mancher
Ist ungegründet, zu verneinen.
Allein, die ihr also urtheilt
Jhr schliesset warlich übereilt.
Ich will euch von den Menschen Leben,
Die richtige Beschreibung geben:
Der lebet wer sich auf der Welt,
So wie sein Schöpfer will, verhält,
Und die ihm aufgetragnen Pflichten,
In Emßiakeit sucht zu verrichten.
Wenn man des Schöpfers Zwek bedenkt,
So ist das Leben uns geschenkt,
Daß wir ihn auf der Welt betrachten,
Und in Erkenntnis herrlich achten,
Wir stehen im Gesellschafts-Band
Und jeder muß nach seinem Stand,
Den Neben-Menschen redlich lieben,
Und sich im wahren Guten üben.
Wir leben wenn wir uns bemühn,
Den Hindernissen zu entfliehn,
Die uns allhie im Wege stehen,
Zum ewgen Leben einzugehen.
Bedenket dies und saget mir,
Wie viele sind im Welt-Revier,
Die keine Lebenspflicht beweisen,
Und als umsonst von dannen reisen.
Sie sehen diese Welt nur an,
Und haben darin nichts gethan:
Drum wird das eine Warheit bleiben,
Man kan auf ihre Gräber schreiben:
Seht Leser! todte Menschen an,
Die wenig auf der Welt gethan,
Und nichts mehr könt ihr allhie lesen,
Als daß sie lange da gewesen.
Von der Geburt bis an die Bahr,
Sind sechszig, siebzig, achzig Jahr
In ihren Lauffe fast verstrichen;
Und da sie wiederum verblichen,
So ist wenn man gleich rechnet viel,
Ein Tag ihr ganzes Lebens-Ziel.