Weihgesang Zur Eröffnung des neuen anatomischen Theaters in Rostock. .

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Erwache zu erhabner Geistesweide,

Erwache, gottgeliebtes Warnathen!

Und eil', in deinem schönsten Feyerkleide,

Das neue Heil, das dir erglänzt, zu sehn.

Es lodern schon des Frühroths Purpurgluthen;

Es wallt schon aus des Osten Flammenmeer

Der schöngelockte Tag, den Weisen und den Guten

Ein vielgewünschter Tag, daher.

Zu unsers Musageten Preis und Ehre,

Dir, süsses Vaterland, zu Lob' und Ruhm,

Euch, Söhnen Aeskulaps, zu Lust und Lehre,

Entriegelt heut ein neues Heiligthum

Sich unserm Blick — Wem flammt die Altarlohe?

Wem wallt die lichte Weihrauchwolke hin?

Dir, Anatome, dir, du Hehre, Holde, Hohe,

Des ewgen Bildners Heroldin!

Entschwebet euren stillen Regionen,

Ihr Genien der grauen Wissenschaft,

Die ihr in

An des

Entwallt, Heroen, euren Lorberschatten,

Und helfet unser Heiligthum uns weihn!

Verlasse, Greis von

Und stimm' in unsre Feyer ein!

Die ihr aus tausendjähr'ger Nacht erstandet,

Und kühn im Zwielicht eines schönern Tags

Die hohe Kunst der Barbarey entwandet,

Ihr Schatten

stach's,

Linnäus, Meteor aus Uplands Öden,

Verklärter

Entschwebt, ihr Herrlichen, entschwebet eurem

Eden,

Und weihet unser Heiligthum.

Heran, wem Liebe zu der ernsten Muse

Die Brust mit Sehnsucht und Verlangen schwellt,

Heran, und schöpft aus unsrer Arethuse

Die jedem Lechzer volle Labung quellt!

Heran, wem theuer seines Menschenseyns Kunde,

Wem wichtig inhaltreiche Wissenschaft,

Heran, und schauet hier im festverschlungnen Bunde

Raumlose Weisheit, Huld und Kraft.

Seht hier die morsche Hüls' erhabner Seelen

Aus Stoffen tausendfacher Art gewebt,

Aus Salzen, Säuren, Kalken, Erden, Ölen,

Durch Licht und Luft und Feuerstoff belebt!

Seht hier das labyrinthische Geäder,

Dadurch des Blutes Kugelwoge rollt!

Seht hier des Daseyns Born, das grosse Rad der

Räder,

Dem jede Ader zinst und zollt!

Bist du es, kleiner Muskel unsers Lebens,

Rastloses Triebwerk, Unruh unsrer Brust?

Du Stifter unsers Drängens, Treibens, Strebens?

Du Quelle unsrer Qual und unsrer Lust?

Wir fühlen wohl dein ungestümes Dehnen,

Dein Jagen und dein Schlagen Nacht und Tag —

Doch zu beschwichtigen dein Schmachten und dein

Sehnen,

Ist unsre Menschenkraft zu schwach.

Bist du es, enge Spalte, draus die Rede,

Das Angeld ewiger Veredlung, fleusst?

Draus jeder gährende Gedank' und jede

Herzschwellende Empfindung sich ergeusst?

Bist du es, kleine leichtverschnürte Ritze,

Aus welcher Platons Honigweisheit floss?

Aus welcher Demosthen des Heroismus Blitze

Durch das entmannte Hellas schoss?

Bist du es, zartes fas'riges Geflechte,

Das nicht dem Demant, nicht der Zeder ward,

Das nur dem gottheitnähern Thiergeschlechte

Zum Majestätsbrief seines Vorzugs ward?

Seyd ihr es, tausendfach verschlungne Faden,

Durch die uns tausendfach Gefühl durchzückt,

Durch die in diesem Nu uns Wollustfluthen baden,

In jenem Mörder-Schmerz uns knickt.

Bist du es, weiches Mark, das unum-

schränket

Durch jenes Kunstgespinnstes zarten Zwirn

Die Muskeln spannt, das Spiel der Fibern lenket,

Itzt hemmt, itzt fortschnellt — königliches Hirn!

Organ des Denkens, das, von Kepler's Stirne

Umwölbt, der Weltsysteme Tanz erräth!

Organ des Forschens, das in unsers Kant Gehirne

Das Thule der Vernunft durchspäht!

Und, o der Kunst, die mit Gedankenschnelle

Den holden Lichtstrahl in den Sehnerv lenkt!

Und, o der Weisheit, die des Schalles Welle

In unsers Ohrs Gekämmer sorgsam senkt!

Und, o Geheimniss, das die tausend Räder

Im Nu harmonisch regt und rückt und schiebt!

Wer bist du, leise Kraft? wo schnellst du, stille

Feder?

Wer ist, der dein uns Kunde giebt?

O leit' uns, unser Führer, unser Lehrer!

Leit' uns, Josephi, auf der Göttin Spur!

Entschleyere dem Blicke deiner Hörer

Den ernsten Reiz der heiligen Natur!

Lass uns die Werkstatt des Verborgnen schauen,

Uns knie'n am Schemel ihres Heiligthums —

Glückselig, winkt sie uns dereinst ins heilge Grauen,

Ins Dunkel ihres Adytums.

Jedoch zurück zum Hügel der Kamönen,

Zu Phöbus Lorberhaynen, Weihgesang!

Zurück und sing' in auserwählten Tönen

Dem Stifter unsrer Freuden unsern Dank!

Doch wie? Ihm Dank? In Tönen, Worten,

Schällen?

O nein, so dankt man

Die Hochempfindungen, die unsern Busen schwellen,

Erzähl' ihm Übung unsrer Pflicht!

Erzähl' ihm unser unverdrossnes Streben

Hinan von Wissenschaft zu Wissenschaft!

Erzähl' ihm unser thatenreiches Leben,

Und unsers Geistes wohlgeübte Kraft!

Und jede Wahrheit, die sich uns verklärte,

Und jede Rettung, welche uns gelang,

Und jede schöne That, die Bruderwohlfahrt mehrte,

Sey Friedrich Franzen süsser Dank!

Wohl, wohl dem Völkerhirten, der der

Wahrheit,

Des Himmels schönstem Kinde, Tempel baut;

Der selbst in ihre sonnenhelle Klarheit

Mit Adleraugen ungeblendet schaut!

Der nie das hohe Vorrecht freyer Geister —

Dich, Vorrecht, frey und laut zu denken — kränkt,

Der, Vater seines Volks, und seiner Herzen Meister,

Es weis' erzieht und schonend lenkt.

Es schlummert in des Grabmahls tiefem Frieden,

Das Lob, das feiler Schmeicheley entquillt.

Es trümmern Obelisk und Pyramiden;

Des Mausoläums finstre Pracht zerschillt.

Geh unter! ruft die richtende Geschichte

Dem Rauschgold falscher Fürstengrösse zu.

Dem Volksbeglücker Heil! Ihm donnert kein Gerichte;

Ihm lohnt der Himmel Ruhm und Ruh!