Wider den Hochmuht.

By Barthold Heinrich Brockes

Daß die Begier, zu viel zu wissen, dem Satan als ein

Mittel dienet,

Die ersten Eltern zu verführen, ist unserer Betrachtung

wehrt.

Wer weiß, ob ers nicht noch gebraucht? Es scheint, sobald

man sich erkühnet,

Des Geistes Kräfte zu vergrössern, (da wir, was GOtt uns

hier beschehrt,

Dadurch versäumen zu geniessen) daß bloß allein die Sucht

zu wissen

An allem unsern Unglück schuld. Indem wir, für den

Geist allein,

Um das, was ausser unsern Schranken, zu fassen nur

besorget seyn;

Wird, nebst der Kraft der Gottheit Werke zu kennen, uns

Gott selbst entrissen.

Wer kann bewundern? Wer geniessen? Wer kann GOtt

danken? wenn der Geist

Beständig mit sich selbst beschäftigt, sich seiner wahren

Pflicht entreißt,

Die in des Schöpfers Ehr’ allein besteht, wozu wir bloß

gemacht?

Wir lassen auf dem hohen Weg, den wir uns bahnen,

aus der Acht

Des Schöpfers weise Macht und Liebe. Wir wollen stets

das Wissen häufen,

Und, was uns wirklich unbegreiflich, des Schöpfers weise

Macht begreifen.

Uns scheinet der Verstand geschenkt, was uns der Schöpfer

wollen gönnen,

Bloß im vernünftigen Genuß, und im Bewundern zu er-

kennen.

So aber sieht man uns recht sträflich den angewies’nen

Weg verlassen,

Um die verborgne Spur der Dinge, und wie sie GOtt gewirkt,

zu fassen.

Es scheinet wahr, und mehr als glaublich, daß, wenn ein

Pferd sein Futter frißt,

Es fast vernünftiger geschehe, als wie vom Menschen,

wenn er ißt.

Denn hat es nicht so scharfe Geister, als wir; so sind sie auch

hingegen

So unvernünftig nicht zerstreut, als unsre, die, ohn’ Ueber-

legen,

Indem sie stets was anders denken, was sie geniessen nicht

erwegen.

Da es unwidersprechlich wahr, daß unser Auge gar nichts

sieht,

Und unsre Ohren nichts vernehmen, wenn unser denkendes

Gemüht

Mit anderm Vorwurf sich beschäftigt. Die Leidenschaf-

ten helfen zwar

Die Geister gleichfalls zu zerstreuen, und von den Sinnen

abzuziehn.

Allein die Wissens-Sucht, da wir, was wir doch nicht

begreifen sollen,

Jm Geistlichen und Weltlichen, ergrübeln und begreifen

wollen,

Hat noch die allergrößte Schuld. Wie viele sieht man

sich bemühn,

Geheimnisse der Schrift zu fassen, und selbe deutlich zu

erklären,

Die doch, wenn sie Erklärung fähig, gar nicht Geheim-

nisse mehr wären.

Inzwischen lassen sie die Wunder von GOttes Lieb’ und

weisen Macht,

In welchen sie doch gleichsam schwimmen, recht unver-

nünftig aus der Acht.

Gott hat uns auf die Welt gesetzt, um Seine Ehre zu

erheben,

Er hat uns ungezähltes Gutes, zur Lust und zum Genuß,

gegeben.

Wir aber achten dieses nichts. Der Geist fliegt in die

Höh', wir schweben

Aus unserm angewies’nen Ort in einen andern, und ver-

gessen,

In unserm aufgeblas’nen Flug, des Schöpfers Ordnung

zu ermessen,

Die uns zur Richtschnur dienen sollte, und zwar, ohn’

Ausnahm, ganz allein.

Gott will uns hier auf Erden haben, wir wollen nicht

auf Erden seyn.

Der Geist verschmäht das uns von GOtt allhier gegön-

nete Vergnügen,

Und sucht, auf seine Weis’, ihm Flügel (könnt’ er) selbst

über GOtt zu fliegen.

Ach, mögten wir doch unsre Pflicht, und in derselben

Gottes Willen,

Jm angewies’nen Brauch des Geistes, und nicht der Wis-

sens-Sucht, erfüllen!

Ach, laßt, den in der Sucht zu wissen versteckten Hoch-

muht doch nicht mehr

Euch den Genuß von GOttes Gaben, und in demselben

Gottes Ehr',

So sträflich, wie bishero, rauben! Bezähmt solch sträfli-

ches Erkühnen,

Und lasset eurer ersten Eltern Exempel, euch zur Lehre,

dienen!