Wider den Übermut

By Christian Fürchtegott Gellert

Written 1742-01-01 - 1742-01-01

Was ist mein Stand, mein Glück, und jede gute Gabe?

Ein unverdientes Gut.

Bewahre mich, o Gott, von dem ich alles habe,

Vor Stolz und Übermut.

Wenn ich vielleicht der Welt mehr, als mein Nächster, nütze;

Wer gab mir Kraft dazu?

Und wenn ich mehr Verstand, als er besitzt, besitze;

Wer gab mir ihn, als du?

Wenn mir ein größer Glück, als ihn erfreut, begegnet;

Bin ich ein beßrer Knecht?

Gibt deine Gütigkeit, die mich vor andern segnet,

Mir wohl zum Stolz ein Recht?

Wenn ich, geehrt und groß, in Würden mich erblicke;

Gott, wer erhöhte mich?

Ist nicht mein Nächster oft, bei seinem kleinern Glücke,

Viel würdiger, als ich?

Wie könnt ich mich, o Gott! des Guten überheben,

Und meines schwachen Lichts?

Was ich besitz, ist dein. Du sprichst! so bin ich Leben;

Du sprichst! so bin ich nichts.

Von dir kömmt das Gedeihn, und jede gute Gabe

Von dir, du höchstes Gut!

Bewahre mich, o Gott, von dem ich alles habe!

Vor Stolz und Übermut.