Wie sich die Menschen gemei- niglich den Himmel vorstellen?
Der seelgen Geister ewge Welt, der Gläu-
bigen gelobtes Land,
Ist denen Wandrern dieser Zeit nicht
vollenkommen hier bekannt;
Es ist uns nur in Schattenbildern, des Himmels
Lustrevier gemahlet,
Gleich wie ein Licht das nur durch Wolken, mit sei-
nen schönen Schimmer strahlet.
Kein Sterblicher hat diese Stadt der künftgen
Seeligkeit gesehn,
Drum können wir die Himmels-Lust und ihre Freu-
de nicht verstehn.
Der Offenbahrung heilge Lehren, die unter schönen
Reizungs-Bildern,
Die Pracht der Geister-Welt beschrieben, dersel-
ben Herrlichkeit abschildern,
Die haben unsrer Schwachheit nur, dasjenige hier
kund gethan,
Was unsrer eingeschränkter Geist, der sinnlich den-
ket, fassen kann.
Und dieses ist genug zum Glauben, bis einst der
Vorhang wird zerrissen,
Bis wir das Heiligste selbst schauen, da wir denn
vollenkommen wissen,
Worin der Frommen Seeligkeit die überschwenglich
ist, besteht.
Jedoch der Menschen Wisbegier, die in dem For-
schen weiter geht,
Als unsere Begriffe steigen, die hat das schon ent-
dekken wollen,
Wornach wir Bürger dieser Erden, im Glauben
eifrig trachten sollen.
Wir tadlen nicht die seelge Müh, wenn man nach
dieser Gegend blikt,
Des Himmels reine Lust erwegt, durch Canans
Trauben sich erquikt,
So lang man in der Wüste wallet: wenn wir von
Himmlischen Gefilden,
Nur nicht, was unsre Neigung wollen, so sinnli-
che Begriffe bilden.
Und dies geschieht gemeiniglich, was unsre Haupt-
begierde sucht,
Das ist nach unsrer Einbildung, des Paradieses
süsse Frucht
Die jene Seeligen geniessen, wenn sie als Pilgrim
dieser Erden,
Von diesen Schauplatz abgetreten, und dorten Him-
mels Bürger werden.
Der Mensch, der eitle Wollust liebt, und gerne Süs-
sigkeiten lekt,
Der sein Vergnügen alda sieht, wo man zum Gast-
mahl Taffeln dekt,
Dem dünkt das himmlische Ergözzen, bestünde nur
in solchen Laben,
Wenn wir in steten Ueberflusse, die schönsten Speiß
und Tränke haben.
Ein andrer der Gesellschaft liebt, ein lieblich klin-
gendes Gethön,
Wornach ein lustger Reihen springt, der glaubt im
Himmel nichts zu sehn
Als solche frohe Lustgelage, als solch beständig Spiel
und Klingen,
Wornach der Seelgen grosse Chöre, im Himmels
Saale jauchzend springen.
So bildet sich auch woll ein Christ, der eitle Wol-
lust suchet, ein
Der Himmel müst ein Paradies, so wie die Tür-
ken glauben, sein,
Wo lauter sinnliche Vergnügen; wo lauter süsse
Früchte spriessen,
Wo lauter süsse Ströme rinnen, die jene Seeli-
gen geniessen.
Wer Fleisches Wollust haßt und flieth, hingegen
über alles liebt,
Was seinen Geist bei stiller Ruh, in Denken und Be-
trachten übt,
Der gläubt gar leichte das der Himmel, die See-
ligkeit darin bestünde,
Daß jeder durch ein tieffes Denken stets neue War-
heiten erfünde.
Wer stets bei seinen Zirkel sizt, der Erden grosse
Kugel mißt,
Der Länder Läng und Breite zählt; wer gerne Neu-
igkeiten ließt,
Und darin sein Ergözzen findet, der denkt, als wenn
die seelgen Geister
Zu ihrer Lust den Himmel messen; als wenn sie
ewge Rechenmeister;
Der gläubt, als wenn in jener Welt, in jener
Seelgen frohen Chörn,
In englischer Gesellschaft stets viel Neuigkeiten an-
zuhörn.
Wer aber nur die Weltgeschichte, die Alterthümer
sich erwählet,
Der gläubt, daß man in jenen Leben, den See-
ligen zur Lust erzählet,
Was in der Vorderwelt geschehn; wie Noä Kasten
sei gemacht,
Wie hoch man Babels Thurm im Bau, eh die
Verwirrung kam, gebracht,
Und andere dergleichen Dinge, die blosse Hülsen,
leere Grillen,
Die dennoch der wisbegierigen recht schmachtendes
Gemüte stillen.
Die von dem Hochmuth aufgebläht, und von dem
Ehrgeiz aufgeschwellt,
Die stellen sich die Rangordnung so vor in jener
Geister-Welt,
Als sie auf dieser Welt gewesen; da wünscht ein sol-
cher nichts als Kronen
Und eine hocherhabne Stuffe, auf denen seelgen
Ehrenthronen:
Und was er wünscht, das gläubt er leicht, drum
stellt er sich der Seelgen Chor,
Als einen Staat der Erdenwelt, mit den Regie-
rungsformen vor;
Er denket jene Lust und Wonne, die er im Himmel
würde spüren,
Die hätt er an den Unterthanen, die er daselbsten
zu regieren.
Er macht von sich das Bildnis so, wie ers an den
Regenten sieht
Der durch des Purpurs hellen Glanz, viel tausend
Augen an sich zieht;
Der glaubt er würd in solchen Kleidern, wie Kö-
nige der Erden prangen,
Die mit der Perlen Schmuk gestikket, woran viel
Edelsteine hangen.
Die güldne Krone seines Haupts, die er nach sei-
ner Meinung schäzt,
Die ist mit Sapphir und Rubin, mit Diamanten
ausgesezt;
Die Einbildung macht ihm entzükket, ob seines Zep-
ters güldne Spizze,
Er freut sich ob den Seeligkeiten, und seines Thro-
nes hohen Sizze,
Die ihm die Ewigkeit gewehrt: Er wünscht im Him-
mel auch nichts mehr
Als diese Königliche Pracht, als der Regenten Glanz
und Ehr,
Wo ihm die seelgen Unterthanen, und die erhabnen
Seraphinen,
Nach seinen Wink gebükt gehorchen, in tiefster Ehr-
furcht ewig dienen.
Derjenige der Schäzze liebt, und nach der Zeiten
Reichthum strebt,
Der suchet in der Ewigkeit, wenn er da als ein
Bürger lebt,
Bei den Besiz der Kostbarkeiten, der irdischen Be-
gierden Freude,
Und glaubt, daß dies in jener Wohnung, der Seel-
gen Lust und Augenweide.
So ist gemeiniglich die Lust, wie man im wahren
Sprichwort sagt
Des Menschen einzig Himmelreich, das ihn mit lee-
ren Traum behagt:
Was einer hie im Wunsch verlanget, das glaubt
er dort im Salems Auen,
In jenen seelgen Lustgefilden in völligen Genus zu
schauen.
Da doch der vollenkomne Stand der Freudenvollen
Ewigkeit,
Ganz andere Vergnügen hegt, als diese Unvollkom-
menheit,
Wo wir von Fleisch und Blut betäubet, ein sinn-
liches Ergözzen suchen,
Das die vollendeten Gerechten, als eine eitle Lust
verfluchen.
Jhr die ihr euch der Sinnligkeit im Jrrdischen er-
geben habt,
Und an den Trebern dieser Welt, den fleischlichen
Geschmak noch labt!
Lernt die Ergözzung jenes Himmels, bestehe nicht in
solchen Dingen,
Die uns noch irdisches Vergnügen in den verklärten
Stande bringen.
Der Seeligen verklärte Schaar vom Glanz der E-
wigkeit erhellt,
Vergnügt sich an dem höchsten Gut, daß sich ihr
zum Genus darstellt;
Der GOttheit aufgeschloßne Tieffen entdekken lau-
ter Seeligkeiten
Woraus die vollenkomnen Geister, ihr himmlisches
Vergnügen leiten.
Das was sie hier in Dunkelheit, bewundernd ja
entzükt gesehn,
Das wird dort im verklärten Licht, ohn Wolken
vor den Augen stehn.
Die ewigen Vollkommenheiten sind ewige Vergnü-
gungs Quellen,
Woraus zur Seelgen wahren Freude, die ewgen
Labsals Ströme schwellen,
Von aller Leidenschaft befreit, die uns mit bangen
Kummer quält
Wird dieser Vorwurf ihrer Lust zum ewgen Gegen-
stand erwählt.
Da sehen sie das
das im Geniessen,
Das sie von Glauben überzeuget, im Vorschmak
nur bewundern müssen.
Da ist der Abgrund aufgedekt, woraus der tief ver-
schlungne Blik,
Von
Wonne bringt zurük;
Da siehet das verklärte Auge, wie in der Vorsicht
dunklen Gängen,
Die Wege, die uns sonst verwirret, recht herrlich
aneinander hängen;
Da wird den seelgen Geistern kund, wie weislich
unser GOtt regiert,
Der sie durch manchen Kreuzes Gang, im Reiche seiner
Macht geführt.
Da schauen sie im lichten Glanze, wie weit die All-
macht sich erstrekket,
Die uns der Vorhang düstrer Wolken auf dieser Un-
terwelt verdekket.
Da werden sie entzükt gewahr, warum das alles
sei geschehn,
Was wir in dem Erlösungswerk, im Reich der Gna-
den nicht verstehn.
Und dies Erkenntnis ist die Quelle, woraus der
Seelgen Lust entspringet
Die den vollendeten Gerechten vollkomnere Vergnü-
gen bringet,
Als uns die ganze Welt anbeut. Wie, wendet ihr
dagegen ein,
Des ewgen Paradieses Lust, die müste für euch an-
ders sein
Daran könt ihr euch nicht vergnügen? so gebet ihr
ja zu erkennen,
Daß die verwöhneten Begierden, die irdisch, nach
dem irrdschen rennen.
Verbessert nur erst den Geschmak, strebt nach der
reinen Süßigkeit,
Die in dem Worte
gen Geist erfreut;
Seid nur recht himmlisch erst gesinnet: so werden
diese Himmelsgaben,
Die Güter die annoch verborgen euch mehr als Er-
denschäzze laben.
Betrachret nur das ewge Licht, woraus der Erden
Schönheit quillt,
Den Schöpfer der das Haus der Welt, mit den
Geschöpfen angefüllt,
Der aller Sonnen ewge Sonne, der den gefärbten
Himmels Bogen
Mit tausendfachen Wunderfarben, durchstrahlt, ge-
mischt und überzogen,
Erweget, was das vor ein
les das herfließt,
Was in dem weiten Reich der Macht, entsteht er-
wächset und entsprießt
O! diese Urquell aller Dinge, die kann ja in dem
seelgen Leben,
Uns ein viel herrlichers Vergnügen, als alle irdschen
Dinge geben.
Und ein verklärtes Erkentnis von seiner höchsten
Majestät,
Ist eine solche Wissenschaft die über alles Wissen
geht,
Die einen Geist mit Wollust speiset, die alle an-
dre übersteiget;
Weil sie uns immer neue Wunder, in Sonnen-
gleicher Klarheit zeiget.
Die Freude in der Geister Chor, des Himmels fro-
her Harfenklang,
Der dort in jenen Tempel schallt; der Engel heller
Lustgesang
Muß ja die Seelgen mehr ergözzen, als alles Lust-
gespiel der Erden,
Weil wir im Schlos der Ewigkeiten, zu lauter
Himmelsfürsten werden.
Die süsseste Gesellschaftslust, muß da die Seeligen
erfreun,
Da sie in jenen Engel-Land, bei denen heilgen En-
gel sein;
Da sie in Umgang reiner Seelen, die reine Lieb
und Huld verbinden,
Ein ander Eden voll Vergnügen, und geistige Er-
quikkung finden.
Jhr grosses Chor wird nie verwirrt, durch scheelen
Neid und Zankbegier,
Noch Zwietracht oder Ueberdrus; die sind verbannt
aus dem Revier,
Wo die vollkomnen Geister wohnen: Nur Eintracht
wächst da aus der Liebe
Die alle Seeligen entzündet; daraus entspringen
gleiche Triebe
Den Allerhöchsten zu verehrn: der Trieb wird im-
mer angeflammt,
Durch den stets seeligen Genus, der aus der ew-
gen Liebe stammt
Wer dieses alles überleget, dem ekkelt alle Lust der
Zeiten,
Und seufzet:
Manna jener Seeligkeiten.