Winter-Betrachtungen.
Ein vernünftig Menschen-Auge
Findet, auch zur Winters-Zeit,
Wie verschiedne Zierlichkeit
Es noch zu vergnügen tauge,
Wenn sichs nur so viel bemüht,
Und die Dinge, die auf Erden
Noch geschmückt gesehen werden,
Mit Bedachtsamkeit besieht.
Wenn es itzo schneit und frieret,
Wird uns eine weisse Welt,
Voller Schimmer, vorgestellt,
Die ein Glanz, wie Silber, zieret,
Und des glatten Eises Schein
Funkelt, wenn der Sonnen Strahlen
Es mit tausend Farben mahlen,
Wie ein Diamant so rein.
Ist es schlackricht, und es thauet;
Ist doch noch die Schönheit groß,
Die man in dem grünen Mooß,
Der den Sammt beschämet, schauet.
Wo ist wohl ein Grün so grün,
Als die dicht-vereinte Spitzen,
Die itzt auf den Dächern sitzen,
Welche sich mit Mooß beziehn.
Wenn fast alles Grün vergangen,
Hat dieß angenehme Kraut,
Das man, sonder Lust, nicht schaut,
Erst zu grünen angefangen.
Es wird überall erblickt.
Aus den Stämmen von den Bäumen
Sieht man es am meisten keimen,
Die es wunderwürdig schmückt.
Da wir an den feuchten Rinden
Es ganz unbeschreiblich schön
Mannigfach gefärbet sehn,
Und in vielen Formen finden.
Einer, der es nie bemerkt,
Stutzet, wenn er es beachtet;
Einer, der es sonst betrachtet,
Wird in seiner Lust gestärkt.
Süß und lieblich sieht man spielen
Gelblich, Röhtlich, Grün und Weiß.
Jedes scheinet auf den Preis,
Was das schönste sey, zu zielen.
Manche zierliche Figur
Sieht man hier und dort sich mischen,
Und von kleinen holden Büschen
Zeigt sich hier und dort die Spur.
Ferner sehen unsre Blicke,
Wie im Winter ja so wohl
Der gefärbte braune Kohl
Den entlaubten Garten schmücke.
Sein mit Grün gemischtes Blatt,
Das auf Purpur-Stengeln stehet,
Wird, durch manche Farb’, erhöhet,
Deren er verschiedne hat.
Wenn, zumahl bey heiterm Wetter,
Das entwölkte Sonnen-Licht
Durch ihr zart Gewebe bricht,
Funkeln die durchsicht’ge Blätter.
Noch vermehret sich ihr Schein,
Wenn, wie Kugeln, von Krystallen
Kleine Tropfen drauf gefallen,
Die dem Demant ähnlich seyn.
Seht, wie dort der Beeten Grenzen
Mit so manchem grünen Blatt,
Das beständig frisch und glatt,
Jm geschohrnen Bux-Baum glänzen!
Die ihn härtende Natur
Läßt ihm, auf besondre Weise,
Selbst im Frost, im Schnee und Eise,
Seine Farben und Figur.
Taxus, Sieben-Baum und Fichten
Wird ihr Laub auch nicht geraubt,
Und der Nord, wie hart er schnaubt,
Kann sie nicht zu Grunde richten.
Vieles Gras und manches Kraut,
Welches sich von selbst gesäet,
Und durch Frost auch nicht vergehet,
Wird noch hier und dort geschaut.
Ja auf unsrer Felder Rücken
Ist bereits die Winter-Saat,
Wenn sie keine Decke hat,
Lieblich grün schon zu erblicken.
Laßt uns denn bedachtsam sehn,
Uns zur Lust und GOtt zum Preise,
Wie, so gar im Schnee und Eise,
Vieles auf der Welt noch schön!