Winter-Gedicht, nebst einigen Betrachtungen, auf welche Weise das Wasser gefrier...

By Barthold Heinrich Brockes

Da itzt ein allgemeines weisses und helles Licht die Welt

bedecket,

So daß ein Schimmer-reicher Glanz, so weit der Augen

Strahl sich strecket,

Und ein recht blendender und strenger, dem reinsten Silber

gleicher Schein

Der ganzen Erde Fläche schmückt; kann ich nicht unaufmerk-

sam seyn.

Ich sehe hier am weissen Ufer, der Elbe noch nicht starre

Fluht,

In einem dunkel- blauen Glanz, in majestätscher Stille

fliessen,

Und, da die Luft auch blau und klar, und aller Winde

Heer itzt ruht,

Wie, durch den Gegensatz, die Ufer, die weiß, noch desto

weisser liessen.

Die Augen-Lust, die auch im Winter ein achtsam Aug’

erfreuen kann,

Sah ich, nicht nur zu meiner Lust, als einen schönen

Vorwurf an;

Mich deucht selbst einen Gegenwurf, zu GOttes Ruhm,

darinn zu finden,

Und suchte beid’, in stiller Andacht, in meinem Herzen zu

verbinden.

Daß auch dergleichen schönes Schauspiel nicht unvermer-

ket mögte schwinden,

Nein! auch von andern auf der Erden

Noch mögt’ auf lange Zeit erblickt, betrachtet und bewun-

dert werden;

Beschloß ich, um so mich, als andre, auf lange Zeit noch

zu ergetzen,

In nicht so bald geschmolznen Wörtern hier einen Abdruck

herzusetzen,

Damit ich, auch im strengen Frost, des Schöpfers Wunder

zu erheben,

Und uns in ihnen zu vergnügen, dadurch mögt’ einen

Anlaß geben.

Ich sah bewegliche, theils glatt- theils rauhe weiß- be-

schneite Schollen

Jm dunkel- blauen regen Fluß hier treiben, dort sich stossend

rollen,

Hier, durch des Wassers Last und Drang, sich öfters an ein-

ander stämmen,

Dort krachend brechen und zertrümmern, hier oft des

Wassers Zug verdämmen,

Bald sich in schnelle Wirbeln drehn, bald schwirrend in die

Höh' geschoben,

Wodurch denn Eis-Berg’ hie und da gethürmt sich plötzlich

aufwerts hoben,

Durch deren glänzend-schroffe Spitzen, durch deren glatt’

und rauhe Höh'n,

Der Bau der Erden öd’ und prächtig, vergnüglich-wild,

entsetzlich-schön,

Gefällig- greßlich, schreckend- lieblich, zugleich auf einmahl

anzusehn.

Ich sahe ferner, weil es Abend, im Westen, ein beschneites

Feld,

In einem Augen- blendenden und mehr als Silber-weissen

Glänzen,

An die fast güldne Abendröhte des Himmels, am Gesichts-

Kreis, grenzen.

Es ward hiedurch ein silberner und güldner Schmuck uns

vorgestellt,

So daß das uns sonst ohnedem so angenehme Farben-

Spiel

Auch selbst den Unachtsamsten fast aufmerksam macht und

ihm gefiel.

Wie es nun mir vor vielen andern ein ungemein Ver-

gnügen machte,

Fing ich gerühret an, und dachte:

Mein GOtt! wie hell und herrlich mahlen

Auch die entfernte Sonnen-Strahlen,

Auch selbst im Winter, Fluht und Feld!

Wie wird auch itzt das Aug’ erfreuet!

Es scheinet die beschneite Welt,

Als wäre Licht darauf gestreuet.

Schau, wie des Eises weisse Schollen

Jm dunkel-blauen Wasser rollen!

Schau, wie sie sich zusammendrücken,

Und dort die rege Fluht bebrücken.

Indem ich das gefrorne Wasser und ein erstarrtes Eis

erwege;

Vermeyn ich, daß desselben Wesen und Art, wie es sich zeugt,

wohl wehrt,

Daß man, so viel wir davon fassen, von seinem Ursprung

überlege,

Wovon man vieles hin und wieder, doch aber nicht viel

deutlichs lehrt.

Jedoch will ich dich, wehrter Leser! mit vielen Meynungen

nicht quälen,

Nein! bloß die, so die wahrste scheinet, in aller Kürze dir

erzehlen:

Des Wassers Flüßigkeit bestehet, so viel wir es ergründen

können,

Daß zwischen seinen kleinen Theilen subtile Theilchen sich

befinden,

Von einer reinen Himmels-Luft, wodurch sich selbiges

beweget.

Wann die nun, wegen ihrer Leichte, sich von dem Wasser

aufwerts heben,

Und, durch die kalte Luft verhindert, kein’ andre sich

herabwerts geben;

So folgt von selbsten, daß dieß Wasser, so wie vorhin, sich

nicht mehr regt,

Einfolglich hart wird und erstarrt. Wie man mit Augen

sehen kann,

So fängt das Frieren des Gewässers stets von der obern

Fläche an,

Da es zuerst, wie Fett gesteht, nachher wird eine dünne

Haut

Aus harten Theilen, die sich binden, zusehends, wenn

es friert, geschaut.

Dieselbe wird nun immer dicker, indem mehr Theilchen,

unter sich

(von denen ihre Himmels-Luft sich auch entfernt)

gemeinschaftlich

Mit denen obersten erstarrt, zu den verhärteten sich

fügen,

Weil immer mehr subtiler’ Theilchen gepresset oberwerts

verfliegen,

Da aus der, durch die ferne Sonne, verdickten Luft

an ihrer statt

Sich keine wieder abwerts senken, wodurch denn (nach

dem wahren Schluß,

Daß, wenn die Ursach’ fehlt, die Wirkung zugleich mit

jener fehlen muß)

Auch die Bewegung in dem Wasser von selbsten gleich ein

Ende hat.

Wann aber aus der lindern Luft sich warme Theile wieder

lenken,

Und in des Eises luckre Löchlein mit ihrer regen Kraft

sich senken;

Verändert sich desselben Wesen und starrende Beschaf-

fenheit,

Entbindet sich die spröde Härte, entsteinet sich die Fe-

stigkeit,

Und wird behende wieder flüßig. Dieß ist die Ordnung

der Natur,

In welcher wir aufs neue wieder, wenn wirs erwegen,

eine Spur

Von einer weisen Macht verspühren.

Da, wenn die Ordnung anders wär, in Theilchen, die das

Wasser rühren,

Das Eis so bald nicht schmelzen könnte, und alle Wasser,

die gefrieren,

Den Felsen gleich, verbleiben würden. Einfolglich würde

von der Erden

Die ganze Fläche wüst’, unbrauchbar, ja gänzlich unbe-

wohnbar werden.

Wenn wir demnach die Fluht gefrieren, und unsers Eises

Wesen sehn;

So laßt uns GOttes weise Ordnung, auch in gefrorner

Fluht, erhöhn!