Winter-Gedicht, nebst einigen Betrachtungen, auf welche Weise das Wasser gefrier...
Da itzt ein allgemeines weisses und helles Licht die Welt
bedecket,
So daß ein Schimmer-reicher Glanz, so weit der Augen
Strahl sich strecket,
Und ein recht blendender und strenger, dem reinsten Silber
gleicher Schein
Der ganzen Erde Fläche schmückt; kann ich nicht unaufmerk-
sam seyn.
Ich sehe hier am weissen Ufer, der Elbe noch nicht starre
Fluht,
In einem dunkel- blauen Glanz, in majestätscher Stille
fliessen,
Und, da die Luft auch blau und klar, und aller Winde
Heer itzt ruht,
Wie, durch den Gegensatz, die Ufer, die weiß, noch desto
weisser liessen.
Die Augen-Lust, die auch im Winter ein achtsam Aug’
erfreuen kann,
Sah ich, nicht nur zu meiner Lust, als einen schönen
Vorwurf an;
Mich deucht selbst einen Gegenwurf, zu GOttes Ruhm,
darinn zu finden,
Und suchte beid’, in stiller Andacht, in meinem Herzen zu
verbinden.
Daß auch dergleichen schönes Schauspiel nicht unvermer-
ket mögte schwinden,
Nein! auch von andern auf der Erden
Noch mögt’ auf lange Zeit erblickt, betrachtet und bewun-
dert werden;
Beschloß ich, um so mich, als andre, auf lange Zeit noch
zu ergetzen,
In nicht so bald geschmolznen Wörtern hier einen Abdruck
herzusetzen,
Damit ich, auch im strengen Frost, des Schöpfers Wunder
zu erheben,
Und uns in ihnen zu vergnügen, dadurch mögt’ einen
Anlaß geben.
Ich sah bewegliche, theils glatt- theils rauhe weiß- be-
schneite Schollen
Jm dunkel- blauen regen Fluß hier treiben, dort sich stossend
rollen,
Hier, durch des Wassers Last und Drang, sich öfters an ein-
ander stämmen,
Dort krachend brechen und zertrümmern, hier oft des
Wassers Zug verdämmen,
Bald sich in schnelle Wirbeln drehn, bald schwirrend in die
Höh' geschoben,
Wodurch denn Eis-Berg’ hie und da gethürmt sich plötzlich
aufwerts hoben,
Durch deren glänzend-schroffe Spitzen, durch deren glatt’
und rauhe Höh'n,
Der Bau der Erden öd’ und prächtig, vergnüglich-wild,
entsetzlich-schön,
Gefällig- greßlich, schreckend- lieblich, zugleich auf einmahl
anzusehn.
Ich sahe ferner, weil es Abend, im Westen, ein beschneites
Feld,
In einem Augen- blendenden und mehr als Silber-weissen
Glänzen,
An die fast güldne Abendröhte des Himmels, am Gesichts-
Kreis, grenzen.
Es ward hiedurch ein silberner und güldner Schmuck uns
vorgestellt,
So daß das uns sonst ohnedem so angenehme Farben-
Spiel
Auch selbst den Unachtsamsten fast aufmerksam macht und
ihm gefiel.
Wie es nun mir vor vielen andern ein ungemein Ver-
gnügen machte,
Fing ich gerühret an, und dachte:
Mein GOtt! wie hell und herrlich mahlen
Auch die entfernte Sonnen-Strahlen,
Auch selbst im Winter, Fluht und Feld!
Wie wird auch itzt das Aug’ erfreuet!
Es scheinet die beschneite Welt,
Als wäre Licht darauf gestreuet.
Schau, wie des Eises weisse Schollen
Jm dunkel-blauen Wasser rollen!
Schau, wie sie sich zusammendrücken,
Und dort die rege Fluht bebrücken.
Indem ich das gefrorne Wasser und ein erstarrtes Eis
erwege;
Vermeyn ich, daß desselben Wesen und Art, wie es sich zeugt,
wohl wehrt,
Daß man, so viel wir davon fassen, von seinem Ursprung
überlege,
Wovon man vieles hin und wieder, doch aber nicht viel
deutlichs lehrt.
Jedoch will ich dich, wehrter Leser! mit vielen Meynungen
nicht quälen,
Nein! bloß die, so die wahrste scheinet, in aller Kürze dir
erzehlen:
Des Wassers Flüßigkeit bestehet, so viel wir es ergründen
können,
Daß zwischen seinen kleinen Theilen subtile Theilchen sich
befinden,
Von einer reinen Himmels-Luft, wodurch sich selbiges
beweget.
Wann die nun, wegen ihrer Leichte, sich von dem Wasser
aufwerts heben,
Und, durch die kalte Luft verhindert, kein’ andre sich
herabwerts geben;
So folgt von selbsten, daß dieß Wasser, so wie vorhin, sich
nicht mehr regt,
Einfolglich hart wird und erstarrt. Wie man mit Augen
sehen kann,
So fängt das Frieren des Gewässers stets von der obern
Fläche an,
Da es zuerst, wie Fett gesteht, nachher wird eine dünne
Haut
Aus harten Theilen, die sich binden, zusehends, wenn
es friert, geschaut.
Dieselbe wird nun immer dicker, indem mehr Theilchen,
unter sich
(von denen ihre Himmels-Luft sich auch entfernt)
gemeinschaftlich
Mit denen obersten erstarrt, zu den verhärteten sich
fügen,
Weil immer mehr subtiler’ Theilchen gepresset oberwerts
verfliegen,
Da aus der, durch die ferne Sonne, verdickten Luft
an ihrer statt
Sich keine wieder abwerts senken, wodurch denn (nach
dem wahren Schluß,
Daß, wenn die Ursach’ fehlt, die Wirkung zugleich mit
jener fehlen muß)
Auch die Bewegung in dem Wasser von selbsten gleich ein
Ende hat.
Wann aber aus der lindern Luft sich warme Theile wieder
lenken,
Und in des Eises luckre Löchlein mit ihrer regen Kraft
sich senken;
Verändert sich desselben Wesen und starrende Beschaf-
fenheit,
Entbindet sich die spröde Härte, entsteinet sich die Fe-
stigkeit,
Und wird behende wieder flüßig. Dieß ist die Ordnung
der Natur,
In welcher wir aufs neue wieder, wenn wirs erwegen,
eine Spur
Von einer weisen Macht verspühren.
Da, wenn die Ordnung anders wär, in Theilchen, die das
Wasser rühren,
Das Eis so bald nicht schmelzen könnte, und alle Wasser,
die gefrieren,
Den Felsen gleich, verbleiben würden. Einfolglich würde
von der Erden
Die ganze Fläche wüst’, unbrauchbar, ja gänzlich unbe-
wohnbar werden.
Wenn wir demnach die Fluht gefrieren, und unsers Eises
Wesen sehn;
So laßt uns GOttes weise Ordnung, auch in gefrorner
Fluht, erhöhn!