Wohlbeschlossenes Alter Hn. T. S. v. L. den 11. Octobr. 1667.

By Heinrich Mühlpfort

Was klagt ihr Sterblichen die Wenigkeit der Tage

Daß eurer Jahre Ziel so kurtz ist abgefast?

Legts Leben und den Brauch des Lebens auf die Wage

Gewiß das letzte macht euch nur die gröste Last.

Viel leben gantz verkehrt viel lernen niemals leben

Ein Theil schätzt sich beglückt daß Jahr und Zeit verraucht:

Wenn nun die Stunde schlägt und man soll Abschied geben

So seufftzt man nur umbsonst daß dieses Gut verbraucht.

Wir hätten langen Raum der Tugend nach zusetzen

Und gar bequeme Frist die Weißheit anzuschaun

So lassen wir allhier uns die Begierden hetzen

Und pflegen Babels Thurn hoch in die Lufft zu baun.

Der vor der Thüren steht und auf Genaden harret

Der Aempter bettelt aus und neue Titul sucht

Weiß nicht wie liederlich er seine Zeit vernarret

Und wie viel Monat ihm zerfliessen sonder Frucht.

Ein ander stirbt verwirrt in zweiffelhafften Rechten;

Die von dem Ehrgeitz frey die fällt der Gelddurst an.

Theils leben unversöhnt und wollen immer fechten

Was hat unreine Brunst bey manchen nicht gethan?

Wer so sein Leben nutzt da hat es freylich Flügel

Ist schneller als ein Pfeil der durch die Lüffte streicht

Denn hilfft uns vor den Tod kein Freybrieff oder Siegel

Das Ende das man so gesuchet ist erreicht.

Hier kan man endlich wol noch einen Fürhang machen

Verstellen Aug’ und Hertz; dort steht die Seele bloß

Und wenn diß Wort erschillt: Thu Raitung deiner Sachen

So geht der Aengsten Angst mit vollem Hauffen loß.

Gar einen andern Zweck sein Leben wol zu schliessen

Zu dienen GOtt und auch dem Nechsten nutz zu seyn

Hat ihm der

Den man nun Lebenssatt dem Grabe sencket ein.

Des Geistes Fertigkeit der muntern Jahre Kräffte

Hat Arbeit außgeschärfft und steter Fleiß vergnügt;

Es rühmt ein jederman den Fortgang der Geschäffte

Das noch der Stadt gar wol im Angedencken liegt.

Biß daß sein Alter ihn hieß auf die Ruhe dencken

Auf eine solche Ruh die Weise stets geliebt

Die sicher von dem Neid die Hoffart nicht kan kräncken

In welcher Helden sich vor jener Zeit geübt.

Er hat auf seinem Gut ein Unschuld-volles Leben

Als wie die Tugend lehrt in reiner Lust geführt;

Den Anreitz kont’ ihm da jedwede Pflantze geben

So zu deß Schöpffers Lob stund prächtig außgeziert.

Der Alten Waffen sind die Ubungen der Tugend

Mit welchen meisten sie die Laster schon bekämpfft;

Das Blut brennt nicht vor Glut wie in der ersten Jugend

Die Regungen sind auch durch grauen Witz gedämpfft.

Sie leben ihnen selbst was übrig von den Zeiten

Verzehrt ein kluges Buch und ein gelehrt Gedicht:

So lebte

Zu unser Zeit

Was ist wol seeligers als ist den freyen Feldern

Bey einem grünen Baum und Silber-hellen Bach

In einem tieffen Thal und Schatten-reichen Wäldern

Dem Elend dieser Zeit vernünfftig dencken nach.

Es ließ der

Und welchen es gebührt umb Kronen seyn bemüht

Er konte beßre Lust auf seiner Brief’ erjagen

Wenn er in Garten sah wie alles aufgeblüht.

Da jedre Zeit deß Jahrs gab Anlaß nachzusinnen;

Der Sommer so bereit sein volles Wachsthum zeigt

Entdeckte daß wir auch erwachsen nützen können

Und daß der Künste Frucht auß weissen Knospen steigt.

Der Herbst ein Ebenbild der außgewürckten Jahre

Die voll sind an Verstand wie jener Trauben-reich

Daß da deß Menschen Sinn die schwersten Ding erfahre

Und seine Fruchtung sey Pomonens Baumwerck gleich.

Sah’ denn der

Die Flüsse gantz geharnscht die Felder gantz beschneyt;

So schloß er daß nun so sein Leben abgenommen

Die

Erblickt’ er denn auffs neu deß güldnen Frühlings prangen

Wenn alles sich verjüngt und grünes Laub gewan

Entsprang bey ihm zugleich das sehnliche Verlangen

Deß Himmels Paradiß und Gott zu schauen an.

Er wuste wie das Graß sprost auß der Schoß der Erden

Wie jede Blum ihr Kleid und Schönheit wieder nimmt.

Athen rühm’ immer hin des Epicurus Garten

Und schätze seine Lehr und Schlüsse wunder groß:

Wer so der Sterbekunst im Leben lernt abwarten

Und täglich daran denckt erlangt der Freuden Schloß.

Es hat der werthe Greiß auch sattsam sich ergetzet

Wenn er an seinen Sohn Apollens Arm gedacht;

Der selbst durch Bücher ihm ein ewig Denckmahl setzet

Und bey der Nachwelt sich schon längst unsterblich macht.

Ein Stecken Stab und Trost bey den verlebten Jahren

Die Krone so anitzt gar wenig Väter ziert

Ja was von Kindern mehr für Treu ihm widerfahren

Ist unnoth daß es erst mein kurtzer Reim berührt.

Wiewol er nun gelebt wie seelig er gestorben

Und vieler Jahre Zahl Gottsfürchtig hingelegt

Wie er durch Tugend ihm ein gutes Lob erworben

Bedarff nicht erst der Müh daß mans in Marmel prägt.

Der Schiffer jauchtzt und springt wenn er den Port erreichet

Man rufft dem Glücke zu so in dem Kämpffen sigt.

Nun unser

Und zu der himmlischen Gemeinschafft sich verfügt

So sol man sich mit Recht ob seinem Glück erfreuen

Das keinen Zusatz will auch keinen Zufall kennt.

Der ist gewiß wer so beschleust deß Alters Reyen

Daß weder Noth doch Tod von Gottes Lieb’ ihn trennt.