XXXIXDie Mahlzeit

By Conrad Ferdinand Meyer

Written 1861-01-01 - 1861-01-01

Er steht am Strand und scheint hinauszusehn,

Als wollt er auf dem Kamm der Wogen gehn.

Ein Blitz! Er stürzte prasselnd in die Flut!

Das Ufer glomm in bleicher Schwefelglut...

Das leidenvolle Schwärmerangesicht

Umgab ein Heil'genschein von Höllenlicht...

Mein armer Hutten – du bist leibesschwach!

Ruf du den Pilger lieber unter Dach!

Ins Trockne, Pilger, eh der Regen wogt!

Des Hauses Herr ist fort. Ich bin der Vogt.

Was stehet Ihr verzückt? Ihr werdet naß!

Gebt mir die Hand! Wir treten ins Gelaß.

Seid hier willkommen! Machet's Euch bequem!

Wohin die Reise? „Nach Jerusalem.“

Das, rüst'ger Pilgrim, liegt meerüber schon.

Ich fragte nach der nächsten Station.

„Dort hinterm Berg Einsiedelns Gnadenhaus.“

Leer ist das Nest. Die Vögel flogen aus.

Ihr schlagt ein Kreuz, als wär der Böse hier?

Erlaubt! Mit einem Christen redet Ihr!

(Die welsche Frömmelei behagt mir schlecht...

Sei freundlich, Hutten! Er hat Gastes Recht!)

Ich wette, Herr, Ihr trugt Soldatentracht,

Nennt mir den Feldzug, den Ihr mitgemacht!

„Pamplonas Wälle, Herr, verteidigt ich.“

Das ehrt. Die Festung hielt sich ritterlich.

Und kämpftet Ihr in keinem neuern Krieg?

„Ich kämpfe stets. Maria gibt den Sieg.“

Sein redlich Bündel trägt ein jeder Christ.

„Maria rettet uns vor Satanslist.“

(Mit solchen Nonnensprüchlein sticht er mich!

Potz Blut und Wunden... Hutten, zähme dich!)

Pilger, ich hol Euch einen Becher Wein?

Ihr weigert Euch? So schenkt Euch Wasser ein.

(Er murmelt, exorziert den lautern Quell

In Ketzerland... Unheimlicher Gesell!

Rasch dunkelt's. Lodre, Lämpchen... Ein Gesicht,

Das meinem tiefsten Wesen widerspricht!

Weltfremde Augen voller Traum und Wahn –

Und doch der Mund Entschluß... die Stirne Plan!)

– Hidalgo, Ihr beginget wilde Tat

Und suchet jetzt an heil'gen Orten Rat?

Ihr büßt? (Er kreuzt die Hände auf der Brust

Und schweigt. Auch mir erstirbt der Rede Lust.

's ist besser so, uns dürfte Streit entstehn,

Am klügsten ist es, wenn wir schlafen gehn.)

Seht, Pilger, wie der nächt'ge Himmel loht!

Heut abend fändet schwerlich Ihr ein Boot.

Nehmt hier vorlieb, ist auch der Raum beschränkt!

Wir suchen jetzt die Ruhe, wenn Ihr denkt.

Ihr wollet lagern auf dem nackten Stein?

Das duld ich nicht. Ihr werdet müde sein.

Da meine Decke! Hier den Mantel auch!

Ihr bettet Euch nach schlichtem Feldgebrauch!

Gut Nacht! Ihr seid ein Spanier? „Ritter, ja.“

Und nennet Euch? „Iñigo Loyola.“