Zu viele und zu wenige Bestrafung einiger vermeynten und anderer nicht dafür geh...

By Barthold Heinrich Brockes

Wie ich schon oftermahls erwogen,

Daß auch von ganz gleichgült’gen Sachen

Wir, leider! öfters Laster machen,

Und daß oft gar zur Sünde wird gezogen,

Was niemahls Sünde war;

So find ich dieß hingegen,

Daß wir das, welches offenbar

Zur Sünden-Liste hinzurechnen, meist ganz zu übergehen

pflegen.

Zum Beyspiel: wenn man Thiere quälet,

Mit vielen Martern sie entseelet,

Sie, ohne Nutz, zum Zeit-Vertreibe plagt,

Und sie beschwehrt mit Schmerz und Pein,

Da doch die Schrift uns nicht nur deutlich sagt

Vom Seufzen der Geschöpf, da die Vernunft so gar

Uns überzeuglich lehrt, und zeigt uns Sonnen-klar,

Daß sie sowohl, als wir, Geschöpfe GOttes seyn,

Daß man in ihnen auch den Schöpfer ehrt,

Daß sie, Betrachtungs-wehrte Gaben,

Die unserer Bewundrung wehrt,

Von GOtt, in reicher Maaß, empfangen haben,

Daß, ob sie uns gleich unterworfen worden

zum Nutzen, zur Bequemlichkeit,

Wir dennoch nicht befugt, ohn’ Unterscheid,

Aufs grausamste sie zu ermorden.

Kein Würmchen ist so klein, dem wir das Leben,

Mit aller unsrer Macht, zu geben

Vermögend seyn.

Wenn dieß nun, für den Wurm, ein unschätzbares Gut;

Wie kann man glauben,

Daß man daran nicht Unrecht thut,

Wenn wir es ihm aus Frevel rauben,

Ja noch dazu mit Pein und Quälen

Jhn oft zerfleischen und entseelen.

Wie letzters nun zumahl den gröbsten Unverstand,

Da ihnen ihre Schuld und Bosheit unbekannt,

Aus Mangel der Belehrung, zeiget;

So ist es wahrlich zu beklagen,

Daß man von diesem Unrecht schweiget,

Und daß wir nichts hievon, zu ihrer Lehre, sagen.

Noch mehr. In GOttes Wunder-Werken

Des Schöpfers Weisheit, Liebe, Macht,

So unglückselig nicht bemerken,

Wird ebenfalls für Sünde nicht geacht,

Da es doch klärlich darzuthun,

Daß vieler Sünden Ströhm’ in dieser Sünde ruhn.

Ich habe wohl zuweilen nachgefraget:

Woher es käme, daß man, GOtt zum Abbruch gleichsam

Seiner Ehre,

In diesem Punct so blind und unempfindlich wäre?

So hieß es mehrentheils: Hievon hat uns der Priester

nichts gesaget.

Wie es nun recht und gut, mit völligem Vertrauen

Auf unsrer Lehrer Lehren bauen;

So folgt zugleich unwiedersprechlich dieß,

Daß, da wir glauben, was sie sagen,

Sie auch verbunden sind also sich zu betragen,

Daß etwas nöhtiges, zum Ruhm des Schöpfers Himmels

und der Erden,

Nicht muß verschwiegen seyn, nicht unterlassen werden.

Und fragt sich, wenns geschicht, ob sie nicht fast allein

Am allersträflichsten, der Folge halber, seyn?

Ob ich nun gleich dieß unsern Lehrern nicht gerne hier zu

Laste lege,

Da ich für ihr so heilig Amt und sie, viel’ Ehrerbietung

hege;

So deucht mich doch, wenn ich die Umständ’ und der Ge-

wohnheit Macht erwege,

Daß ich von ihnen einige doch zu ersuchen schuldig bin,

Damit dieselben künftighin

Mit mehrerm Ernst die Sünde strafen.

Wodurch wir, wenn wir GOtt nicht spühren

In Seinem Werk, das Er jedoch für uns, zu Seiner

Ehr', erschaffen,

Und woraus Er allein erkenntlich, wir leicht den Schöpfer

selbst verlieren,

Zumahl die Hörer, wenn sie GOtt nicht recht als ihren

Schöpfer lieben,

Sie dieß Vergehen mehrentheils auf ihrer Lehrer Schwei-

gen schieben.