Zum Herbst im Walde.

By Barthold Heinrich Brockes

Jtzt sieht man in den tiefen Gängen

Sich viele Farben lieblich mengen,

Verschiedne Stellen schön sich röhten,

Verschiedne gleichsam sich vergülden,

Wodurch sie Persische Tapeten,

Mit Golde reich durchwirket, bilden.

Viel’ gelb gewordne Zweige schienen,

In dem noch unverwelkten Grünen,

Jm Sonnen-Licht, auf manchen Stellen,

Den Zweig Aeneas vorzustellen,

Der ihm selbst, durch Cocytus Schwellen,

Ein sicheres Geleite gab.

Die bunten Steige selber liessen,

Von Blättern, die von oben ab

Gefallen, selber unsern Füssen

Gefärbte Teppich’ abzugeben.

Der Fuß, um sie nicht zu verderben, scheut oftermahls sich

aufzuheben.

Die Farben scheinen auf den Bäumen itzt gleichsam, uns zur

Lust, zu kämpfen,

Die Gelbe sucht das nahe Grün, durch ihr erhabner Licht,

zu dämpfen,

Das Rohte dämpft das Gelbe wieder, und bey derselben

hellen Pracht,

Nimmt man zugleich die Mittel-Farben, im mannigfachen

Grad', in Acht.

Dieselben sind fast nicht zu zählen, und ihr gebrochenes

Gemische

Ziert, in gedämpfter Harmonie, itzt überall so Bäum’ als

Büsche,

Und diese zieren Luft und Erde. Es sieht ein achtsames

Gesicht,

So weit es itzo sehen kann, ein buntes allgemeines Licht.

Die mit den welken Blättern gleichsam mit-abgefallne

Schatten sind

Fast itzo nirgend mehr zu finden, im ganzen Walde sehr

verdünnt,

Wodurch das zwar gemilderte, doch itzt fast allgemeine

Licht

Ein fanft Gemisch von Farben zeigt, das dem betrachtenden

Gesicht

Auf eine neue Weise schmeichelt. Man kann, auf neue

Weise, seh'n,

Wie die sich schildernde Natur, auch öfters ohne Schatten,

schön.

Ja, wenn der Sonnen-Strahl von oben, durch die gefärbte

Blätter, strahlet,

Scheint alles in dem ganzen Walde nicht bunt allein, und

schön gemahlet,

Es scheint vielmehr der ganze Wald mit einem bunten Glanz

gezieret,

Und alles um und über uns recht in der That illuminiret.

O, welche Lust! wenn man in solcher Jllumination

spatziret,

So daß ein achtsames Gemüht

Die Welt, im Herbst, nicht minder schön, als im gefärbten

Frühling, sieht,

Zur Ehre Deß, Der auf der Welt

Der Jahr’ und Zeiten Wechsel schuf, sie unveränderlich

erhält,

Und uns dadurch vergnügt und nützt. Indem wir, wenn

wir uns ergründen,

Noch mehr, als im beständ’gen Guten, Vergnügen in dem

Wechsel finden.

Was werden wir denn auf der Welt vernünftiger verrich-

ten können,

Als Dem, Der uns so manche Lust auf dieser Erden wollen

gönnen,

Der uns Gesicht und Augen schenkt, Der, zum Beweis, daß

Er uns liebet,

So viele Vorwürf’, uns zur Freude, zumahl das helle Licht

uns giebet,

Für uns der Erden Fläche schmückt, ein froh und dankbar

Herz zu geben,

Uns Sein, in Seinen Wundern, freu’n, sie, wie sie wunder-

würdig schön,

Mit einem aufmerksamen Geist, zu Seinen Ehren, anzu-

seh'n,

Nur Jhn, in unsrer eignen Lust, die Jhm gefällig, zu er-

heben,

Und Seine Weisheit, Lieb’ und Macht recht zu bewundern

uns bestreben?