Zur Arbeit

By Clara Müller-Jahnke

Written 1882-01-01 - 1882-01-01

Aus Morgennebeln leuchtet

der frühe rote Tag;

da treibt mich auf vom Lager

ein dumpfer Glockenschlag.

Der ruft aus süßem Traume

zum trauten Heim hinaus

mich in die Flammenschwüle

ins dunstige Kesselhaus

zur Arbeit.

Ich schreite gleich dem Krieger

in eisenstarrer Wehr,

mit Hammer, Beil und Zange

zum Daseinskampf einher.

Und wo die Bälge sausen,

wo hell das Feuer sprüht,

singt mir die rote Flamme

ein heißes Morgenlied

zur Arbeit.

Des Schweißes schwerer Tropfen,

der von der Stirn mir läuft,

ist Tau, der auf die Saaten

der Zukunft niederträuft.

Kein Mordgewaffen schmiedet

die schwielenharte Hand;

sie dehnt und schweißt und hämmert

ein ehern Friedensband

der Arbeit.

Schlaf ruhig du, mein Knabe,

in treuer Mutterhut;

auch dich ruft einst die Frühe,

auch dich ruft einst die Glut.

Dann wirst in blaue Weiten

auf fernster Brüder Ruf

du die Maschine leiten,

die einst dein Vater schuf,

zur Arbeit.

Zur Arbeit ruft ihr Sausen,

zur Arbeit, nicht zur Fron!

Dann wird die Sonne scheinen

hell auf dein Werk, mein Sohn.

In freier Männer Kreise

klingt dann in Nord und Süd

jauchzend wie Siegesweise

ein frohes Morgenlied.