Zweite Nachschrift an den Leser

By Ludwig Achim von Arnim

Written 1806-01-01 - 1806-01-01

Als Knabe stieg ich in die Hallen

Verlassner Burgen oft hinan,

Durch alte Städte thät ich wallen

Und saß die hohen Münster an.

Da war es, daß mit stillem Mahnen

Der Geist der Vorwelt bei mir stand,

Da ließ er frühe schon mich ahnen,

Was später ich in Büchern fand.

Daß Jungfraun dort von ew'gem Preise,

Die heilgen Lieder einst gewohnt,

Und in der Edelfrauen Kreise

Beim Feste des Gesangs gethront.

Da kam der Krieger wild Geschlechte

Und warf den Brand ins frohe Haus,

Die Schwestern flohn im Graun der Nächte

Nach allen Seiten bebend aus.

Wie manche schmachtet hart gefangen

In eines Kerkers dunklem Grund?

Zu keinem milden Ohr gelangen

Die Kläng aus ihrem zarten Mund.

Ach, manche, die auf öden Wegen

Umhergeirret, krank und müd,

Sie ist dem schweren Gram erlegen

Und sang noch einmal, eh sie schied.

In eines armen Mädchens Kammer

Ist einer Andern Aufenthalt,

Sie mischt sich in der Freundin Jammer,

Wenn still der Mond am Himmel wallt;

Auch manche wagt der Märtirinnen

Sich in des Marktes frech Gewühl,

Sie will der Menschen Herz gewinnen

Und singet sanft zum Saitenspiel.

Getrost! schon sinken eure Bande,

Und Boten ziehn nach Ost und West,

In eine Stadt am Neckarstrande

Zu laden euch zum neuen Fest:

Ihr Heitern, kommt zu Tanzes Feier,

Laßt wehn das rosige Gewand,

Ihr Ernsten, singt im Nonnenschleier

Die weiße Lilie in der Hand.