Zweites Buch. Die Hungersnoth

By Jakob Michael Reinhold Lenz

Written 1771-01-01 - 1771-01-01

Dich will ich singen, du bleicher Hunger, mit allen den Schrekken

Die dich begleiten, dich will ich den satten Sterblichen singen

Die die brütende Sonne und träufelnden Segen aus Wolken

Und der Erde Bereitwilligkeit und den göttlichen Geber

Schmähen durch Wollust und Ekel und Murren, wie die Wüsten.

Senkrecht strömet die Sonne Feuer auf Fluren und Hayden,

Daß auf Sümpfen Staub liegt, Ströme zu Sümpfen vertroknen

Laub und Zweig ermatten: ein tödtlich Blaß überzieht sie;

Eingeschrumpft und verdorret stürzen beym Wehen des kleinsten

Zephirs, des sie sonst spotteten, sie nun rauschend zu Boden.

Himmel, wo sind deine Wolken, und Nacht deine fließenden Thaue?

Schikt nicht das Meer seinen Dampf empor und die Flur ihre Dünste?

O vergilt ihre willige Gab', unerbittlicher Himmel,

Laß dich zu ihr in Tropfen hernieder, erfreue die Aeren

Die ihre schwarzen erstorbenen Häupter zu dir erheben,

Da sie sonst frölich beschwert dem Landmann entgegen sich bükten.

Ach die Natur ist vergiftet. Die farbenspielenden Wiesen

Liegen izt falb ausgebreitet, und Pharaonische magre

Kühe suchen dort Nahrung, und füllen die Mäuler mit Staub an.

Auch scheint die Erde nicht mehr dem Landmann gehorchen zu wollen

Der verzweiflungsvoll hinter den Pflug tritt. Was säest du, Sämann?

Eh ihn der Akker empfängt ist schon dein Saamen erstikket.

In hartnäkkiger Ohnmacht liegt die Natur: ein Bild des

Todes der Welt, des lezten Verderbens, wenn in das Chaos

Dieser Ball, von unsinnigen Würmern bewohnet, hinabstürzt.

Dort ist ein einsames Haus, ganz einsam, mit müßigem Schorstein:

Die umliegenden Ställe sind alle stumm von den Heerden

Die sonst muthig dort brüllten: nicht Enten wakkeln und schnattern

Mehr durch die Pfüzzen, kein Huhn lokt goldgefiederte Jungen

Unter die warmen Flügel, noch springen dummblökkende Schaafe

Im anlachenden Klee. Ein Schwarm von gierigen Raben

(Einzige Freunde der Theurung) fällt auf die in dem Hofe

Häufigen Aeser und krächzt die Todesgesänge der Schöpfung.

Jezo schlüpft ein dürrer Mann am leitenden Stekken

Aus der knarrenden Thür; eine Schaar von unmündigen Kindern

Eilt mit Geschrei ihm nach und kann nicht den Vater erreichen

Der die Hand vors Gesicht hält und fliehet: „Kann ich der Kinder

Winseln nach Brod noch länger hören, noch länger sie ansehn

Wie sie täglich verwelken, sehn die einsinkenden Wangen?“

So spricht er und wanket und hinket zum nakkenden Walde

Und am nächsten Baume hängt er sein lebend Geripp auf,

Daß der Versucher Hohnlachet und die Raben drob jauchzen.

Auf den Landwegen seufzet kein schwerer Wagen voll Korn mehr

Und in den lärmenden Wäldern erhebt sich ein Brüllen und Kreischen

Streitender Bestien, die, da Ställe und Weiden entblößt stehn,

Untereinander sich würgen. Es schießt der Jägerhund keichend

Ueber Fluren und durch den Forst: dann steht er und winselt,

Daß er kein lauschendes Wild mehr aufspührt. Lange schon waren

Die Harmonien des Waldes verstummt. Mit schlaffem Gefieder

Liegt über ihre Jungen erstarrt Philomele gebreitet.

Mit weitausgespreiteten Flügeln, die selten nur in der

Luft sich bewegen, das Gleichgewicht haltend, (wie Ruder, wenn mit dem

Strom ein Boot schwimmt) gleitet der tükkische Habicht; einzeln

Abgebrochen ertönt sein Feldgeschrei: aber vergebens

Strömt sein räubrischer Blik in Höhlen der Bäume, vergebens

Sucht er unter dem Hausdach in stillen Nestern den Raub auf:

Ihm ist der Hunger zuvorgekommen, und wird ihn bald selber

Fressen. Käfer und Mükken schwirren nicht mehr in den Lüften

Und an erstorbenen Waldrosen hängt die vertroknete Biene:

Schönes Grab! So stirbt am Busen der Liebsten ein Jüngling.

In den versiegten Teichen wühlen mit forschendem Schnabel

Hungrige Störche vergebens und ziehn statt Fröschen und Fischen

Schlamm und Mooß aus der Tiefe hervor. Nur im Bauche des Hirsches,

Den izt leichte Beine und Waffen des Haupts vor dem Tode

Retten nicht konnten, wimmeln gesättigt die frohen Gewürme.

Wie, wenn ein Sohn des Goldes von Schmeichlern und Schuldnern gestürzt wird,

Dann die neidischen Nachbarn in seinen Ruinen sich theilen.

Dort liegt Zadig ein Greiß am Weidenbaum, der mit entlaubten

Zweigen vergeblich strebt ihm gewohnten Schatten zu reichen.

Auf seinem müden Knie sizt der ihn anlallende Enkel,

Sieht oft nach ihm hinauf und weint nach Nahrung und Labsal.

Ach wie zerschneidet diß Weinen das Herz des zärtlichen Greises!

Hundert mal hebt er sich auf, zu fliehn, und hundert mal sinkt er.

Ueber ihm schwebet in Wolken höllischer schwarzer Verzweiflung

Satan, und strömet ihm Sünde ins offene Herz, und versucht ihn

Wie den in der Wüste, der nie von Sünde was wußte.

„Ich, so schwärmen Gedanken in seiner Seele, muß langsam

Sterben! den langsamen Tod des Knaben sehen! Er winselt:

Und ich kann ihm nicht helfen! Ich, der ich sonst ihm mit offnen

Armen väterlich zärtlich zueilte, der ich entzükket

An meine alte Brust ihn drükte, ich kann ihm nicht helfen –

Und muß sterben: Greisen selbst schrekliches Wort! – – Wie oft hat

Seine unschuldige Hand mit meinen silbernen Lokken

Schmeichelnd gespielt? – Wie soll ich ihm helfen, wie soll ich die lange

Pein von ihm wenden, die ihn wie fressend Feuer verzehret?

Tod, komm schnell über ihn: dann segn' ich dich. Stürzet ihr Hügel!

Und begrabt ihn, daß ich sein leztes Girren nicht höre. –

Aber ich selbst muß mich seiner erbarmen; der Himmel ist eisern,

Und die Erde ist eisern: ich selbst muß mich seiner erbarmen! –

Ich will ihn schlachten, eh Hunger ihn tödtet. Wie Abraham seinen

Isaak schlachtete, will ich ihn schlachten. Vielleicht daß in jenen

Hekken sich dann mir ein Bok entdekket, wie jenem: dann wollt ich

Froh ihn nehmen, den Bok, ihn würgen und meinem Enkel

Niedliche Bissen bereiten und mit seinem Blute ihn tränken;

Denn der Fluß ist vertroknet und Seen und Teiche sind Sümpfe.“

Und nun sizt er und sinnet. – Nun hebt er den dürren, entnervten

Arm und durchboret das Herz des Enkels – doch schleunig von innrer

Heftiger Reu ergriffen, zieht er mit bebenden Händen

Bleich, den Dolch aus der Brust des Kindes und wirft ihn weit von sich.

„O verfluchtes Eisen!“ ruft er und rauft sich die weissen

Haare aus dem Haupt, und heulet mit furchtbarer Stimme.

Aber der Knabe sinkt hin, fällt von seinem Schooß auf die Erd

Zappelt im Blut und schreyt nicht, nein erstikket im Schreyen.

Grausamer Stoß du bist geschehn. Umsonst stürzt der Alte

Auf das durchstochene Herz des Ermordten und hält mit blassen

Lippen das gewaltsam aussprudelnde Blut auf. Noch einmal

Schreyet das Kind, noch einmal zukt es den Mund und wirft die

Schon erstarrende Hand mit Angst der röchelnden Brust zu;

Da entflieht seine Seele, und bald wird Hunger und Ohnmacht,

Reu und Wuth und Verzweiflung auch seinen Mörder entseelen.

Nahe dich Muse! der Stadt, dem Sammelplaz schändlicher Thaten,

Dieser Geburten der harten und menschenfeindlichen Herzen,

Wenn die Noth sie beklemmt. Von unabsehbaren Heeren

Schreklich umzingelt liegt sie: in ihren Maureu verbreitet

Hunger und um sie von aussen der Feind, ein anhaltendes Sterben.

Göttin Aurora, so sahst du, so oft du dein Zelt an dem Himmel

Aufschlugst Jerusalem ehmals von aussen mit Spiessen umpflanzet,

Und inwendig voll schwarzer entstelleter Leichen. –

Schaut: wie hier Nebukadnezare, gierig entbrannt sind die Blikke,

Auf den Aesern liegen und selbst halb Aas sie verzehren.

Ueber sie flattern neidische Krähen und scheltende Raben

Stehlen sich oft hinzu, und theilen mit ihnen die Beute.

Jünglinge nagen die Zähne stumpf an Sätteln, und Greise

Füllen mit stinkendem Mist den ekelloßschmachtenden Schlund an.

Aus jenem dumpfen Gewölb erwacht eine klägliche Stimme,

Und ich gukke durchs äussere Gitter. – Entsezliches Schauspiel!

Würdig die Hölle zu zieren! Vom schröklichsten Dunkel beschattet,

Schlachtet ein wüthendes Weib ihr Kind. Umsonst fällt es nieder,

Dreimal nieder aufs Antliz und flehet mit heissen Tränen

Mit erblaßtem Gesicht und lautem Zittern und Schluchsen

Um sein jugendlich Leben; vergeblich schlingt es die Aermchen

Um die stampfenden Füsse der Mutter. Oft zwar empöret

Sich das Muttergefühl, es schwillt der abscheuliche Busen

Der das unschuldige Opfer genährt, von erschütterndem Schmerze,

Und der ausgestrekkete Arm weicht kraftloß zurükke;

Aber ihn lenket die Macht der Höll', er vollführt, er vollführet,

Er vollführet den schröklichsten Streich. Sie schreyt, sie mordet und knirschet,

Rauft ihr Haar mit der Linken, und tödtet ihr Kind mit der Rechten.

Bebst du, Muse? Verlaß sie, verlaß die verfluchteste Scene!

Laß die Höll' ihre That mit gräßlichem Heulen besingen!

Stimme die silbernen Sayten die solch ein Thema erniedrigt!

Sieh, dort ruft eine edlere Mutter die hungrigen Kinder

Traurig zusammen; sie hat vom kleinen Reste des Mehlkorbs

Und des Oelkrugs das lezte nothdürftige Mahl zubereitet:

„Kinder, die ich mit Schmerzen gebar, mit größerem Schmerze

Seh ich euch sterben. Kommt! erquikket die schmachtende Zunge!

Dann, mit brechendem Herzen will ich euch segnen, ihr Satten!

Und will sterben.“ Nun pflanzt sich das magre Geschlecht um die Schüssel –

Schnell ist sie leer. Mit Wangen auf welchen die Tränen vor Hizze

Stehn blieben, schlang die Jugend eilfertig die sparsame Kost ein:

Und nun sizzet sie sprachloß: noch tobt der müßige Magen

Und der Gaumen vertroknet, wie heisses Eisen, auf welches

Wenige Tropfen fallen; die Tränen rollen von neuem.

Aber die Mutter, sie hat für ihre Kinder gefastet,

Hebt die Augen zum Himmel, ihr mütterlich Herz ist in Aufruhr:

Balde sinkt sie, zu heftig von Schmerz und Liebe bekämpfet,

Von ihrem Siz zu Boden. Erschrokken stürzen die Kinder

Auf sie: „Mutter, stirb nicht! stirb nicht geliebteste Mutter!“

Aber ihr Geist verläßt sie. Der lezte Blik ihrer Augen

Ist noch mitleidig zärtlich auf ihre Kinder geheftet;

Zwar sie kann nicht Worte stammeln, nicht Seufzer erpressen,

Denn die Zung' ist gebunden, ihr sterben die Seufzer im Busen;

Aber inwendig rufet ihr starkes Geschrey zu dem Höchsten,

Zum dem Höchsten, der Raben ernährt und krümmenden Würmern

Auf ihrer langsamen Reise die Speis' entgegen führt. Und der

Herr, der Erbarmer hörts und spricht: – es feyern die Himmel –

„Ich will aufhören, sie zu plagen. Sie sind meine Kinder,

Ihr Geschrey ist vor mir gekommen. Ich hörte dich röcheln!

Stimmen des Todes, ich hört' euch. – Flieh, verderbender Hunger!“

Wie ein räubrischer Adler, wenn hezzende Stimmen der Jäger

Und das schmetternde Hüfthorn weit durch die lauten Gesträuche

Tönen: er lauschet und regt die schwarzen Fittige, hebt sich

Und beschattet die Wipfel der Linden; dann fliegt er zur nächsten

Eiche, schwingt sich empor, durchschiffet die seufzenden Lüfte,

Wird dicht unter den Wolken zur Lerche – und verschwindt dann:

So schrekt den gierigen Hunger der Ruf des allmächtigen Vaters;

Ungern verläßt er die Erde. Da regnet der eiserne Himmel.

Dankbar richten die Blumen sich auf: die schwimmenden Wiesen

Und die Hügel und Hayne beginnen zu lächeln; die Teiche

Schwellen empor und die stillen Flüsse murmeln von neuem,

Wie dem Ohnmächtigen, wenn ihn ein Balsam erfrischet, das Auge

Wieder entwölkt wird, die Glieder sich regen, und langsam zum Herzen

Durch die schlaffen Adern sich das belebete Blut drängt.

O wie sammlen die Menschen den nassen Regen des Himmels

In Gefässen auf, und löschen die brennenden Schlünde!

So drangen einst die Hebräer mit offenen Mäulern und Krügen

Zu dem strömenden Felsen, wie hier die lechzende Menge

Unter geöfneten Wolken harrend stehet und Wasser

Einerndtet, dann ihre Beute liebkosend und jauchzend ins Haus trägt,

Wo sie sich labt, erquikter als Funchals Fürst bei Pokalen.

Balde winken die Früchte von wieder umkleideten Bäumen,

Und in den leeren Vorrathskammern der Hülsen der Aeren

Keimt der Segen des Landes. Doch kennt die heisse Begierde

Keine Geduld, noch läßt sie der wohlthätigen Erde

Und dem Thau des Himmels und den nun fruchtbaren Stralen

Zeit die Körner und Früchte zu reifen. Heimlich unmuthig

Ueber den Lauf der Natur entreissen zalenlose Hände

Die vom angestammeten Gift nicht befreite, unzeitge

Nahrung den sträubenden Halmen: und sieh! die verderbende Seuche

Schwebt, ein weitausgebreitetes Ungeheuer über die satten

Städte, und droht mit scheußlichlächelndem Antliz den Schlemmern,

Die von neuem an Tafeln, beladen mit Mißbrauch und Wollust,

Den verkennen, der Thau an Spizzen der Gräsgen und Tropfen

An die Kronen der Aeren hängt und die Erde befruchtet.