Religion

By Arno Holz

Written 1896-01-01 - 1896-01-01

Ihr Priester, die ihr einst vor Zeiten

Mit Blut geeifert wider Baal

Und heut in andern Erdgebreiten

Den Kampf erstickt ums Ideal:

Kehrt um und wählt ein ander Zeichen,

Das Feld des Zweifels steht behalmt;

Das Rad der Zeit dreht seine Speichen,

Und wer hineingreift, wird zermalmt!

Wohl wärmt ihr eure alten Wunder

Uns immer noch von Neuem auf,

Doch ward ihr Flitter längst zum Plunder

Und niemand nimmt ihn mehr in Kauf.

Gesprengt hat seine dumpfen Bande

Der freie Geist und jauchzte: Licht!

Und trägt nun jubelnd durch die Lande,

Der Schöpfung grofses Weltgedicht.

Verlästert viel und viel bewundert,

Strebt höher er von Jahr zu Jahr;

Er ahnt das kommende Jahrhundert,

Und jedes Herz wird sein Altar.

Denn nicht im Staub der Pergamente

Verlor sich seines Suchens Spur:

Er fragte kühn die Elemente

Und Antwort gab ihm die Natur.

Die Sterne, die seit Uräonen

Ihr räthselhaftes Feuer sprühn,

Die Thierwelt neuerschlossner Zonen,

Ja, selbst die Blumen, die verblühn:

Nicht stumm mehr wie vor tausend Jahren

Schaut ihm ihr Sphinxbild ins Gesicht,

Sie alle, alle offenbaren

Das grosse Weltwort: Licht, mehr Licht!

Das Blättchen der versteinten Pflanze

Singt vom verlornen Paradies,

Und nur für ihn grub Schwert und Lanze

Die Vorzeit in den Uferkies.

Es wob der Traum vom ewigen Frieden

Ums Haupt ihm seinen Glorienschein,

Und bis ins Herz der Pyramiden

Drang forschend seine Fackel ein.

Das Wissen, nicht der Glaube frommt ihm,

Ihm schien die Sonne bis ins Mark!

Ihr aber näselt nur und kommt ihm

Mit euerm abgestandnen Quark!

Umsonst mit euern Anathemen

Habt ihr zu bannen ihn versucht –

Was soll der Welt denn auch ein Schemen

Von einer Liebe, die nur flucht? ...

Da liegt sie nun zerbrochnen Stempels

Die Münze, die ihr falsch geprägt!

Schon ist zum Bau des neuen Tempels

Das grosse Fundament gelegt!

Schon grüsst den kommenden Messias

Das junge, werdende Geschlecht

Und seine goldne Zukunftstrias

Jauchzt: Wahrheit, Freiheit nur und Recht!

Und steigt der grosse Ueberwinder

Erst wieder erdwärts, nackt und blos,

Dann wieder birgst du deine Kinder,

Natur, in deinem Mutterschooss!

Der Menschheit zukunftstrunkne Seher

Sind dann die Jünger, die er wirbt,

Bis mit dem letzten Kantschudreher

Einst auch der letzte Hundsfott stirbt!

Dann wird kein Thron mehr goldig gleissen,

Vom Pfaffenhimmel überdacht,

Denn jene Welt, die uns verheissen

Ist lächelnd dann ins Licht erwacht.

Dann hört die Hoffnung auf zu bluten,

Die Liebe weint vor lauter Lust

Und jauchzend sinken alle Guten

Sich Bruderbrust an Bruderbrust!

Drum ihr dort, die ihr einst vor Zeiten

Mit Blut geeifert wider Baal

Und heut in andern Erdgebreiten

Den Kampf erstickt ums Ideal:

Kehrt um und wählt ein ander Zeichen,

Das Feld des Zweifels steht behalmt;

Das Rad der Zeit dreht seine Speichen,

Und wer hineingreift, wird zermalmt!