Elegie.

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Neunmal blühten die Rosen, seit wir uns fanden,

Geliebte.

Nimmer vergess ich des Tags, wo ich, Gelieb-

Immer noch seh' ich dich, Holde, in deiner knospen-

Immer noch schwebst du vor mir leisen zephi-

Immer noch strömt dir das ringelnde Haar um die

blendenden Schultern.

Immer noch hebt sich die Brust unter dem ro-

Immer noch seh ich dein heiliges liebverheissendes

Auge,

Sehe noch immer den Blick, welcher mich fass-

Und so ergreifend zugleich. Ich versank in däm-

Dieser, so sprach ich, fürwahr, sind die Un-

Wahrlich, es haben die Musen an ihrer Wiege ge-

An der ambrosischen Brust hat sie die Schön-

Jegliche Grazie wiegt' auf weichem Schoosse das

Mägdlein.

Jeglicher höhere Reiz schmücket die Jungfrau

dereinst.

Also gedacht ich, und öde nicht mehr, nein selig

und preislich

Däuchte die Flur mir, die dich, edele Blume, gebar.

Neunmal blühten die Rosen, seit wir uns fanden,

Geliebte.

Prüfend berührte der Blick, liebend umschlang

dich der Sinn.

Auch in der Fern' umschwebte den Träumer die

holde Erscheinung.

Traulich umschmeichelte mich, Süsse, dein lieb-

Fast zu sorglos gewährt' ich zu glimmen dem heim-

Achtend gering die Gefahr nährt' ich den freund-

Glimmender Funke du wuchsest zu nimmererlöschen-

Nimmerermattender Zug wurde der freundliche

Hang . . .

Wer hat edel geliebt? Wer hat mit Andacht und

Inbrunst

Angebetet? um Gunst nimmer und Gabe ge-

Wer hat jeglicher Habsucht Feind, nach Besitz

nicht gerungen?

Nimmer geworben um Lohn? nimmer gegeizt

nach Genuss?

Wer hat reinen Sinns das Göttliche nimmer ent-

Auch mit geheimerem Wunsch nimmer das Heil'-

Eines Blickes froh, begeistert von Einer Umar-

Höhen erflogen, die sonst nimmer der Fittig

erprobt.

Hochverehrte, du weisst es. Ich habe mit reinem

Gemüthe

Rein dich umfangen, um Gunst nimmer noch

Gabe gefleht.

Habe mich anschaunsselig an deiner Schönheit ge-

In dem belebenden Strahl mich aus der Ferne

gesonnt.

Habe Jahre gedient um Einen Moment des Entzük-

Habe den süssen Moment wieder mit Jahren

bezahlt;

Habe von deinem Kuss entflammt, von deinem Um-

Höhen erflogen, wohin nimmer der Geist sich

gewagt.

Wären uns anders die Loose gefallen — ach lass

es mich denken,

Welches zu denken gleichwohl schaudern und

schwindeln mich macht —

Wären die Loos' uns anders, uns schöner gefallen,

Geliebte,

Wäre, mit deinem gepaart meines der Urne ent-

Nicht zum Beglücktesten nur, nein auch zum Er-

Hätte der freundliche Wurf deinen Gefährten

erhöht.

Feuernd von deinem Kuss, von deiner Umarmung

begeistert,

Hätt' ich mit göttlichem Thun jeden der Tage

bekränzt.

Dir an die duftende Brust geschmiegt, dich innig

umflechtend,

Wär' im edenischen Traum selig verschwunden

die Nacht;

Jeden erwachenden Tag wär' ich verjüngt und ver-

Deiner Umarmung enttaucht, göttliche Thaten

zu thun — —

Frecher Traum, zerflattre! verweh' unheiliges Wähnen!

Irdischen Wesen geziemt Wonne der Himmli-

Anders sprangen die Loos' aus der schicksalentschei-

Zu den Schatten hinab führt uns gesondert der

Gott.

Dennoch gelinge dem Schicksal es nie, die Gemü-

Dennoch entfremde der Stoff nimmer dem Gei-

Dennoch liebe mich, Edle, mit zarter ätherischer

Liebe.

Wende nicht spröderen Sinns von dem Getreuen

dich weg.

Siehest du lechzend ihn stehn in seiner bescheide-

Siehst in die Fern' ihn gedrängt von der Be-

O so reiss auf Momente dich los aus dem flattern-

Reiche ihm tröstend die Hand, lächle erbar-

Dass nicht gänzlich in ihm der Liebe Ahnung erlösche,

Dass nicht schauernder Frost lähme den stre-

Dass sein Leben verglüh' im Rosenschimmer der

Liebe,

Und in Elysium einst liebend die Schatten ihm

nahn.

Neunmal blühten die Rosen, seit wir uns fanden,

Geliebte;

Werden hienieden noch oft, Traute, die Rosen

mir blühn?

Solches ruhet im Schoosse der Götter; dies Eine

nur weiss ich,

Auch zu den Schatten hinab nehm ich die Lie-

Und wenn jenseit der Urne noch Liebe, die Selige,

lächelt,

Jenseit der Urne fürwahr lieb' ich noch inni-

Inniger noch und zarter, und nicht mit den Qualen

der Sehnsucht,

Nein mit dem ruhigen Sinn, welcher den Ma-

Erstes der Mädchen, der Lenz ist hin, der Sommer

verfärbt sich;

Blatt auf Blatt entsinkt schon dem erschöpfte-

Kommen einst werden die Söhne der Fremde, auf

Tura's Gefilden

Werden sie eilenden Tritts suchen den Sohn

des Gesangs.

Wo ist der Sohn des Gesangs? so werden die Su-

Wo ist

Tura's Aar ist gehemmt in seinem tönenden

Fluge;

Stumm ist Temorens Schwan, nimmer erschallet

sein Lied. —

Und es erseufzen die Söhne der Fremde: „So bist

du gefallen,

Trefflicher Sänger, erstummt ist dein melodi-

Ja ich weiss es, ich werde nicht fallen, wie Blätter

zur Herbstzeit.

Mit den Vortrefflichen wird einstens mein Na-

O des süssen Gedankens, zu leben im Lobe der

Nachwelt,

Theuer der Enkelinn noch, theuer dem Enkel

zu seyn.

O des tausendmal süssern, zu leben in deinem Ge-

O des Trostes, noch spat theuer dir, Theure, zu

seyn!

Ja ich weiss es, Geliebte — denn unter der Miene

des Leichtsinns

Trägst du ein fühlendes Herz; unter verhüllen-

Birgst du die ewige Wund' im tiefempfindenden

Busen,

Lächelst die Thränen hinweg, welche entquol-

Weinen wird Ebba fürwahr dereinst um ihren Ver-

Trauren wird sie noch lang' um den entflohenen

Freund,

Denken wirst du an ihn, Verlassne, wenn Abends

das Spatroth,

Denken an ihn, wenn der Mond Nachts in die

Fenstern dir weint —

Neunmal blühten die Rosen und bis dir die letzten

verblüht sind,

Wirst du betrauren den Freund, welcher dich

liebend entfloh.