XxI.

By Johann Jacob Bodmer

Ein Weidmann fieng ein Vögellein,

Das war voll Symphonie, doch klein;

Es ward die Nachtigall genannt.

Der Vogler nahm es in die Hand

Und wollt ihm gleich den Hals umdrehn,

Als es ihm flehte: Laß mich gehn,

Du ässest dich nicht satt von mir;

Für selche Wohlthat geb ich dir

Drey Lehren, die dir nüzlich seyn,

Prägst du sie im Gedächtniß ein.

Er sprach, sag an: was mag das seyn?

Da sprach das kleine Vögellein:

Die erste Lehre: Glaube nicht

Das, was sich selber widerspricht.

Die andre: Gieb in deinem Hertzen

Nicht Platz dem unbedachten Schmertzen

Um was, das nicht kan widerkommen,

Dergleichen Leid mag niemand frommen.

Die dritt und letzte schärfft dir ein,

Du sollest nicht bemühet seyn

Um das, was dir nicht werden mag;

Der führt auf seinen Kopf den Schlag,

Der übersiehet dieß Gebot,

Und macht sich zu der Leute Spott.

Behältst du diese Lehren wohl,

So bist du aller Weißheit voll.

Der Mann hatt an der Lehr Begnügen

Und ließ den kleinen Vogel fliegen.

Er flog auf einen Baum hinauf,

Mit leichtem Muth, und sprach darauf:

Du solltest dich wohl selber hassen,

Thor, daß du mich hast fliegen lassen.

Das muß dir Schad und Unglück seyn.

Denn ich trag einen edeln Stein

Jm Leibe, wer ihn hat, wird groß,

Jm Felde nimmer sattellos.

Er dämpft und tödet allen Gift;

So groß, daß er ein Straußey übertrift.

Du siehst, so viel hast du verlohren.

Der Weidmann hätte nun geschworen,

Das alles wäre kurtzum wahr.

Aus dummem Sinn vergaß er gar

Der Lehren, die ihm erst der Vogel selbst gegeben.

Er ward betrübt, als um sein Leben;

Er glaubte, was sich widerspricht;

Er schonte seines Fleisses nicht

Den Vogel, der ihm so entgangen,

Und sein Gelück damit, zum andern mahl zu fangen.

Der weise Vogel redt ihm ein:

Willst du allzeit ein Narre seyn,

Und denckst an meine Lehren nicht;

Daß man nicht glauben soll, was selbst sich widerspricht?

In mir dergleichen grossen Stein

Zu tragen, bin ich allzuklein.

Daneben hast du Leid und Schmertzen

Um mich in deinem eiteln Hertzen,

Dieweil ich deiner Hand entgangen.

Zuletzt bist du bemüht, mich wiederum zu fangen.

Mein Weg und deiner sind nicht gleich,

Du wirst an Weisheit nimmer reich.